Süddeutsche Zeitung

USA:Governors Island, New Yorks Insel der Seligen

Lange war die Insel im Hafen von New York nur für das Militär von Interesse. Jetzt finden Einheimische und Touristen dort, was ihnen in der Stadt fehlt.

Michael Chaveriat genießt die Aussicht. Blickt er nach links, sieht er die Freiheitsstatue und Ellis Island, jene Insel im Hafengebiet von New York, die für Einwanderer einst die erste Station auf ihrem Weg in die USA war. Aber damit nicht genug, die Postkartenmotive überfallen ihn, wohin er sich auch dreht: die Wolkenkratzer-Front im Süden von Manhattan, das One World Trade, die Zwillingsbrücken Brooklyn- und Manhattan-Bridge. "Der Blick hier ist einfach einzigartig", schwärmt Chaveriat. Er steht auf Governors Island, einer Insel im Hafen von New York, genauer gesagt auf einem von vier Hügeln, The Hills genannt. Seit ein paar Wochen können sie von der Öffentlichkeit erklommen werden. "Outlook Hill", der Ausblicks-Hügel, ist nur 21 Meter hoch, doch weil die Stadt so nah ist, reicht das schon. Bei gutem Wetter zumindest.

Chaveriat lebt seit Jahren in New York, doch nach Governors Island verschlägt es ihn erst zum zweiten Mal. Jahrelang schien die früher militärischen Zwecken vorbehaltene Insel sowohl für die Bürger der Stadt als auch für Touristen unsichtbar zu sein. Sie war weder auf der U-Bahn-Karte eingezeichnet, noch in früheren Versionen von Googles Stadtplandienst Street View zu besichtigen. Die Umgestaltung der Insel zum Freizeitpark begann vor einigen Jahren. 2014 wurde die ersten Wege und Anlagen eröffnet. Der nördliche Teil der Insel wird seitdem für Kulturveranstaltungen genutzt. An Wochenenden finden Konzerte statt und immer wieder stellen Künstler hier ihre Werke aus. Die Insel, die ihrer Form wegen oft mit einem Eis in der Waffel verglichen wird, ist zwischen Mai und September für die Öffentlichkeit zugänglich. 2005 kamen insgesamt 8000 Menschen. Mittlerweile kommen so viele an einem Wochenende. Dieses Jahr dürften es mehr als eine halbe Million Besucher werden. Die Überfahrt dauert acht Minuten und kostet zwei Dollar.

Autos sind von den Wegen verbannt. Die Arbeiter fahren im Golfwagen herum

Noch vor wenigen Jahren gab es anstelle der Hügel Wohnbaracken und asphaltierte Parkplätze - Relikte der Vergangenheit. Über Jahrhunderte nutzte das Militär die Insel. Als man begann, sie zum Park umzugestalten, wurden viele Häuser gesprengt. Die Videoaufnahmen kann man bei Youtube sehen. Der Schutt fand Verwendung: Ein Teil der Hügel entstand daraus. Wer heute auf den Ausblicks-Hügel will, kann einen in weiten Kurven verlaufenden Weg nehmen - oder eine Treppe, die aus klobigen Steinbrocken zusammengesetzt wurde und in ihrer Optik an das Computerspiel Minecraft erinnert. Die Kinder nehmen in der Regel die Treppe, die Erwachsenen rufen ihnen hinterher. Oben angekommen werden Gruppenfotos geschossen.

Chaveriat ist Landschaftsarchitekt und findet die Hügellandschaft schön: "Sie ist bewusst künstlich gehalten. Das finde ich toll. Sie orientiert sich am Menschen." Der Landschaftsarchitekt Adriaan Geuze, der die neue Parklandschaft entworfen und bauen hat lassen, wird in einem Interview mit dem Magazin New Yorker noch deutlicher: "Wir wollten das Auge manipulieren und Spannung aufbauen." Zwischen den Hügeln schlängeln sich Fußgängerwege. Wenn man in einen dieser Wege einbiegt, entschwindet man für einen kurzen Moment dem Blick der restlichen Besucher. Die Hügel blocken Geräusche ab. Der Weg zieht eine leichte Kurve und gibt schließlich den Blick auf die Freiheitsstatue frei. Wer gerade nicht auf dem Ausblicks-Hügel das 360-Grad-Panorama genießt, der findet auch hier unten Sehenswürdigkeiten, portioniert in Szene gesetzt.

Einen praktischen Nutzen haben die Hügel überdies: Sie dienen als Bollwerk gegen Sturmfluten. Sollte hier erneut, wie 2012, ein so gewaltiger Hurrikan wie Sandy wüten, sei die Insel darauf vorbereitet, sagt Ellen Cavanagh. Sie ist als Vizepräsidentin der Stiftung, die den Großteil der Insel verwaltet, zuständig für Planung und Design. Wie man die Steine aufgeschüttet hat, wie man die Hügel positionierte - dahinter stehe ein Plan. Die Hügel sollen die Wucht der Wellen abschwächen - und so Bäume und Pflanzen schützen. Den Hügeln sieht man diese Funktion nicht an, und das, sagt Ellen Cavanagh, solle auch so sein: "Wir wollten, dass die Besucher Spaß haben."

"Wären wir an der High Line, müssten wir uns jetzt an den Leuten vorbeidrücken"

Selbst an einem besucherstarken Wochenende wirkt die 70 Hektar große Insel leer und leise. Autos sind auf der Insel nicht zugelassen. Nur ein paar Arbeiter fahren im Golfwagen herum. Auf den breiten Straßen sind stattdessen Fahrradfahrer unterwegs. Menschen laufen in kleinen Gruppen durch die Landschaft, die mit knapp 3000 Bäumen und 43 000 Büschen bepflanzt wurde und trotzdem noch etwas karg aussieht. Mal halten die Besucher an einem Spielplatz, mal legen sie sich in eine der gut versteckten Hängematten. "Man kann hier sehr schnell Gegenden finden, in denen man niemanden sieht und alleine ist", sagt Chaveriat.

Bereits Ende des 18. Jahrhunderts war die Insel ein Stützpunkt der US-Army - damals kämpften die Soldaten von hier aus noch gegen Großbritannien. Die Soldaten waren in Baracken auf der Insel untergebracht. Auch die Landung in der Normandie während des Zweiten Weltkriegs wurde zuerst von hier aus geplant. Mitte der 1960er-Jahre verließ die Armee die Insel und übergab sie der Küstenwache. 2003 wurde sie der Stadt New York für einen symbolischen Preis von einem Dollar übergeben.

Aufgrund der Militärgeschichte wirkt die Insel mitunter wie eine Geisterstadt. Vor allem unter der Woche, wenn weniger Besucher aus den Fähren steigen, läuft man über weite Strecken allein an verlassenen Gebäuden vorbei. An deren Wänden sind Schilder angebracht, deren Aufschrift an längst vergangene Zeiten erinnert: Atomschutzbunker. Es gibt ansehnliche historische Gutshäuser. Aber je weiter entfernt sie vom nördlichen Teil liegen, desto verstaubter sind die Fenster. Die Türen sind oft schon von Rost zerfressen.

Heute ist Governors Island unbewohnt. Jeder Besucher hier ist Tourist - und muss am Abend die Insel verlassen. Die für New York so ungewöhnliche Ruhe ist allerdings gerade das, was viele Besucher anzieht. Während sich andernorts die Menschen drängen, gibt es hier Platz und Aussicht reichlich. Auch Michael Chaveriat kann dem nur Positives abgewinnen. "Wären wir an der High Line, müssten wir uns jetzt an den Leuten vorbeidrücken." Der High Line Park, entstanden entlang einer ehemaligen Güterzugtrasse im Westen von Manhattan, war in den vergangenen Tagen oft derart überfüllt, dass sich am Ende keiner mehr bewegen konnten.

Auch im Central Park werden im Lauf des Jahres mehr als 42 Millionen Besucher erwartet. "Hier hingegen ist alles ruhig und friedlich", sagt Michael Chaveriat. Obwohl das an diesem Wochenende ausnahmsweise mal gar nicht zutrifft. Ein Musikfestival findet statt (aber außer Hörweite), und die nationale Drohnen-Meisterschaften (keine 150 Meter entfernt). Alle paar Minuten kreist so ein Mini-Flieger in der Luft und klingt dabei wie eine aggressive Wespe mit Mikrofonen an den Flügeln. Doch trotz Drohnen ist der Lärmpegel hier deutlich niedriger als in der Stadt New York. Messungen haben ergeben, dass sie im Durchschnitt mit 70 Dezibel vor sich hindröhnt.

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Quelle:
SZ vom 11.08.2016
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