Süddeutsche Zeitung

Urlaub mit Kindern:Ferien auf dem Mond

Reisen mit Kindern bedeutet am Anfang oft, dass die Eltern einen Strand oder Berg wählen und dort bleiben. Doch Kinder werden größer und ihre Ansprüche wachsen mit. SZ-Autoren berichten von Kulturschocks, Streit im Paradies und Lust auf Meer.

Es gibt viele Gründe, mit Kindern in exotische Länder zu reisen und ungewöhnliche Dinge zu unternehmen: Manche Eltern wollen ihrem Nachwuchs besonders anregende Erfahrungen ermöglichen, andere geben schlichtweg dem eigenen Fernweh nach und wagen das Experiment, wie weit sie als Familie gehen können. Wieder andere sind so abenteuerlustig, ihrem Kind den Wunsch zu erfüllen, wenn es beim Anschauen eines Bilderbuches sagt: "Ich will nach Afrika!"

Lucky im Busch

Gelbschnabeltoko, der in der Dämmerung mit seltsamer Kopfhaltung durch den Busch stakst. Im Phinda-Tierreservat in Südafrika leben 400 Vogelarten, außerdem hat man gute Chancen, einen oder mehrere Vertreter der Big Five zu treffen - Löwe, Nashorn, Büffel, Elefant und Leopard. Zugegeben, ein Leopard ist definitiv spannender als Matheunterricht. Für kleine Kinder ist Safari-Urlaub vielleicht nicht die entspannendste Sache. Aber Teenager, die zum ersten Mal Afrika erleben, muss man nicht extra motivieren, im Urlaub aktiv zu werden. Tochter und Sohn kommen drei Wochen lang fast komplett ohne Fernseher, Computer und Musik aus, stattdessen lesen sie Bücher und reden erstaunlich viel. Für die Eltern ist dieses Phänomen fast so spannend wie das Beobachten von Löwen und Elefanten.

Titus Arnu

Mit Jetlag durch New York

Stopover in New York. Sonntag. Es nieselt. Alle sind müde. Das heißt: Die Erziehungsberechtigten sind müde. Kinder sind eine jetlagfreie Zone. Was anfangen mit dem Tag? Ich meine, New York . . . that doesn't sleep . . . Sinatra und so. Shoppen, sagt die Älteste. Aber Manhattan am Sonntag im Niesel hat an manchen Stellen Ähnlichkeit mit Miesbach am Sonntag im Niesel.

Fußball, sagt der Mittlere, aber von Fußball - Klinsmän who? - hat man hier noch nie etwas gehört. Und der Kleine will: fernsehen. Im Grunde keine üble Idee . . . aber (vorsichtiger Blick zur stadtkulturbeflissenen Miterziehungsberechtigten) klar, das geht gar nicht. Gehen wir spazieren. SPAZIEREN???! Die Kinder sehen aus wie die Matrosen der Bounty, kurz bevor sie Bligh mit zehn Kilo Dörrfleisch in die Barkasse setzen. Stimmung: tintenschwarz.

Da kreuzen wir die High Line, das ist eine alte Hochbahntrasse, die zu einem superschmalen Park auf Stelzen umgebaut wurde. Nun gibt es zwei Dinge, die unsere Kinder verachten: spazieren gehen - und Botanik. Ohne Steckdosen und Internet. Woraus aber doch noch die schönste Wanderung der Welt wird. Warum? Weil man von der High Line den New Yorkern in die Wohnungen gucken kann: Das ist besser als Window Shopping. Besser als Fernsehen. Und einmal ist in einem Fernseher sogar ein Fußballspiel zu sehen. Mit Klinsmän.

Gerhard Matzig

Segel setzen in der Türkei

Segeln in der Flottille? Als Verbund mit einer Handvoll anderen Schiffen, per Funk jederzeit in Kontakt, gemeinsames Abendessen in der Taverne am Anlegesteg, am Strand im Südwesten der Türkei zwischendurch ein kleiner Bastelwettbewerb? Für wahre Bezwinger der Ozeane ist diese Form der Freizeitsegelei unwürdig. Doch genau diese Borniertheit bekommt plötzlich Risse, wenn der selbsternannte Blauwassersegler vor der Frage steht, wie sich Salzwasser und Kinder vereinbaren lassen.

Da wird die Flottille plötzlich zu einem attraktiven Kompromiss, um Papas Lust auf Meer mit dem Kontakteifer, dem Aktionsdrang und der begrenzten Geduld des Nachwuchses in Einklang zu bringen.

Zwei freche Mädchen, denen das Steuer eines Segelbootes dann doch ein bisschen Respekt abverlangt und die bei der Wende herzhaft an der falschen Leine zerren, zwischendurch im Bugkorb über die Wellen reiten, während die nächste Bucht höchstens ein, zwei Stunden entfernt ist - ganz ehrlich, das macht mindestens so viel Spaß wie die puristische Meilenfresserei.

Zudem können Eltern auch hier seglerischen Ehrgeiz entwickeln, indem sie zum Beispiel vor den Augen aller in eine enge Lücke am Steg manövrieren. Aber wehe, das geht schief. Dann lachen nicht nur die Kinder.

Patrick Illinger

Marokkanische Komplimente

Als Barbapapa die traurigen Tiere in ihre Heimat zurückbrachte, begann das Kind zu betteln: "Ich will auch nach Afrika." Und weil wir nostalgisch an unsere eigene Kindheit mit Barbapapa dachten, landeten wir kurze Zeit später in Casablanca.

Einen Mietwagen hatten uns Freunde aufs nachdrücklichste ausgeredet. Bahn und Bus seien Abenteuer genug: Nuscheldurchsagen im Zug, namenlose Bahnhöfe, Fahrpläne als Verhandlungsbasis - einzige Gewissheit nur, umsteigen zu müssen. Irgendwann. Irgendwo. Mit Kind und Gepäck. Wer die erste Stunde vom Flughafen in die Stadt übersteht, ist für alles andere gewappnet.

Rick's Café? Ohne uns. Stattdessen flanieren wir durch eine entspannte Stadt. Das Kind genießt die bewundernden Blicke und kommt mit einer Rose zurück: Ein Blumenhändler hat es dem Mädchen ins Haar gesteckt. Am nächsten Morgen, noch im Wartesaal der Busgesellschaft, schließt die Dreijährige wortlose Freundschaften mit anderen Kindern.

Wir Eltern hoffen angespannt, den richtigen Bus und später den richtigen Ausstieg nicht zu verpassen. Nach langer Reise in die marokkanische Nacht landen wir zunächst im Nichts und dann an einem Zauberort. Um Kamele und alle anderen Barbapapa-Tiere machte das Kind einen respektvollen Bogen. Trotzdem will es wieder nach Afrika.

Clemens Prokop

China-Schock

China ist ein verdammt großes und komplexes Land, und es ist sicher nicht erste Wahl, wenn man mit Kindern reist. Sehr weit weg, sehr anstrengend. Andererseits: Wo passiert es schon, dass Eltern und Kinder gleich benommen, beeindruckt und fassungslos vor großartigen Errungenschaften der Zivilisation stehen? Wo beide, Mutter und Kind, gleich viel fragen und lernen?

China als Studienreise war für uns beide, für Mama und Sohn, ein Abenteuer, ein Schock, eine Erfahrung, die lange nachwirkte. Denn Architektur, Küche, Natur, Technik, Sprache, Kunst, Kultur kann man nur bedingt klein, niedlich und passend machen für Kinder, es gibt kein Disneyworld und keine Burger, kaum bekannte Versatzstücke aus der bequemen Welt zu Hause. Sondern baumlose Weiten, die in futuristischen Schnellzügen durchquert werden, gigantomane Städte, dazwischen eine Gartenkultur, so fein, so ziseliert, so kunstvoll, dass selbst Kindern das Herz vor Andacht stockt. Eine Mauer, lang und gewaltig wie ein böses Wunder, Paläste voller endloser Hallen und Dächer, furioses, fremdes Essen, Milliarden Menschen, Milliarden Partikel Staub, unendliches Gedränge.

China mit Kindern ist kein Wellnessurlaub, hinterher ist man erschlagen. Und froh, dass daheim alles ein wenig kleiner, enger und gewöhnlicher ist. Eine Miniaturausgabe von drei Kriegern der Tonarmee steht bis heute auf dem Schreibtisch meines Sohnes. Er sagt, sie erinnerten ihn an eine Rundreise, die sich anfühlte wie ein zweiwöchiger Trip zum Mond. Er meint das positiv. Wer kann schon sagen, dass er mal auf dem Mond war?

Cathrin Kahlweit

Angst am Gardasee

Knie und Schienbeine von Jakob, meinem 13-jährigen Sohn, bedecken ohnehin immer Schrammen. Macht ja dann auch nichts, wenn bei einer Klettersteigtour am Gardasee vielleicht noch ein paar dazukommen. Wir hatten im Winter in der Kletterhalle viel gemeinsam trainiert. Jetzt stehen wir an der Schlüsselstelle unserer Tour auf die Cima SAT bei Riva: eine altersschwache, etwa 70 Meter hohe Eisenleiter, die sich senkrecht über einen ausgesetzten Felssporn hinaufzieht.

Ich sichere Jakob zusätzlich am kurzen Seil und locke ihn mit dem Hinweis, dass sein größerer Bruder und die beiden Cousins schon fast am Gipfel seien, der bald nach der Leiter kommt. Als Jakob etwa in der Mitte der Leiter steht und diese bei jedem Schritt stärker wackelt, kriegt er es mit der Angst zu tun. So viel Luft unterm Hintern ist doch etwas anderes als im Klettergarten.

Er weigert sich weiterzugehen. Er weint. Er schimpft. Aber die Aussicht, dass es am Ende der Leiter geschafft ist und wir auf der anderen Seite des Berges bequem runterwandern können, gibt ihm noch mal einen Schub. "Seil straffen!", mault er mehrmals und steigt weiter.

Am Gipfel weicht die Anspannung ziemlich schnell dem Stolz. "War nicht so schlimm", sagt Jakob. Der Rest des Tages verläuft harmonisch. Wir lassen Steine über die Seeoberfläche springen, essen Pizza und Eis in der Altstadt von Arco. Aber erinnern werden wir uns später nur an die kleine Extremsituation auf der Leiter.

Helmut Luther

Schatz der Südsee

Mit einem Nichtschwimmer auf eine einsame Insel? Klar, das geht. Mein Sohn war sechs Jahre alt, als wir zusammen auf Palau anlandeten, einer kleinen Insel im Pazifik, auf halbem Weg zwischen Australien und Japan. Für diesen Urlaub hatte ich ihm eine Schwimmweste als Touristentrikot verpasst. "Die ist doof", sagte Paul. Wasser war nur gut, wenn man darin stehen konnte. An den Traum vom Südseeparadies hatte ich nie geglaubt, ich wollte nach Palau, weil der Staat einst ein Matriarchat war, Frauen verhandelten über Heiratsarrangements und machten Politik. Ich erzählte Paul davon, aber er war mit seinem Wackelzahn beschäftigt.

Wir fuhren mit einem Boot hinaus auf den großen blauen Ozean, wo Korallenriffe bis kurz unter die Wasseroberfläche wachsen. "Schau mal", sagte ich zu Paul und deutete hinunter auf das riesige Aquariummeer. "Schau selbst", sagte Paul, öffnete seinen Mund und wackelte an seinem Zahn. Er machte mich schier wahnsinnig. Wir hatten, was man auf der Insel eine Clanstreitigkeit nennt.

Es gab da aber einen großherzigen Insulaner, der genau wusste, wie man maulende Jungs um den Finger wickelt. Mich schickte er baden, und keine zehn Minuten später sah ich, wie Paul einem Hund gleich durchs Wasser paddelte. Als wir abreisten, ließen wir die Schwimmweste zurück. Den Zahn haben wir noch, versteckt in einer kleinen Schatzkiste, wie man sie auf einsamen Inseln findet.

Pia Volk

Entscheidung in Vietnam

Eine letzte Reise mit den großen Kindern. Irgendwann wäre es so weit, das wussten wir. Katinka studierte schon in Berlin, Moritz stand kurz vor dem Abitur und wollte danach erst mal ein Praktikum im Ausland machen. Die letzte gemeinsame Reise sollte nicht einfach geschehen, wir wollten sie feierlich begehen, und es sollte eine weite sein.

Vietnam, darauf konnten wir uns einigen, denn großen Kindern sagt man nicht mehr einfach, wo es langgeht - auch nicht, wenn man bezahlt -, man wirft Vorschläge in die Runde und wartet, welcher am wenigsten verrissen wird: mit Bus und Bahn in zwei Wochen von Norden nach Süden mit einem Schlenker über Laos. Und mit Oskar, Katinkas damaligem Freund, denn große Kinder haben natürlich schon eigene soziale Verpflichtungen.

Kann das noch gutgehen? Sind große Kinder nicht irgendwann einmal für einen Familienurlaub einfach zu groß?

Erste Bewährungsprobe gleich in Frankfurt: Der Flieger fliegt nicht. Rad kaputt, ein neues wird aus Paris eingeflogen. Wir warten eine Nacht, kaufen ein Kartenspiel, Uno, wie früher. Oskar lernt schnell. Zweite Krise gleich darauf in Hanoi: Wir verpassen den Anschlussflug nach Luangprabang. Übernachten auf Bänken im Flughafen-Imbiss. Mit Ratten zu unseren Füßen. Später in Hoi Anh kommt noch mal schlechte Laune auf, als eine Klimaanlage aufs Kopfkissen tropft, die ganze Nacht lang. Und im Nachtbus nach Nah Trang, einem Liegebus mit vietnamesischen Liegen - zu eng und kurz für uns.

Am Morgen spuckt uns der Bus auf einem vermüllten Parkplatz aus, Karen, meine Frau, weigert sich die angedachte kleine Pension zu beziehen, "riecht muffig", behauptet sie und beharrt auf einer Suite für alle in einem teureren Hotel, mit Badewanne und intakter Klimaanlage. Ansonsten gab es keinen weiteren Streit auf der Strecke, obwohl es ständig irgendetwas gemeinsam zu entscheiden gab. Selbst bei den Lokalen konnten wir uns schnell einigen, und das, obwohl Katinka Vegetarierin ist. Vietnam ist ein wunderbares Ziel für Reisen mit großen Kindern. Am Ende war der letzte gemeinsame Urlaub für alle Beteiligten so akzeptabel, dass es nicht der letzte geblieben ist.

Lars Reichardt

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Quelle:
SZ vom 17.05.2014/kaeb
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