Süddeutsche Zeitung

Städtereise-Tipps für Washington:Lincoln drückt ein Auge zu

Besucher erleben Washington als ein lebendiges Museum amerikanischer Historie und sind mitunter überrascht, wie bunt und grün die US-Hauptstadt ist. Wo es die besten Kneipen gibt und mit welchem Trick man sich einen nicht ganz legalen unvergesslichen Abend zu Füßen von Abraham Lincoln beschert:

Städtereisende wollen vieles erleben, am besten aber Orte entdecken, die nicht in jedem Reiseführer oder jeder App zu finden sind. Wer könnte besser durch die Stadt führen als jemand, der dort wohnt oder zumindest eine ganze Weile gelebt hat? Süddeutsche.de hat SZ-Korrespondenten in fernen Metropolen gebeten, "ihre" Stadt anhand eines Fragebogens zu präsentieren. Diesmal verrät Christian Wernicke in welchem Stadtviertel von Washington das meiste los ist, wo es die besten Shopping-Möglichkeiten gibt und welche geschichtsträchtigen Orte bei einem Besuch unverzichtbar sind.

Was macht Washington DC aus?

Washington ist eine Stadt, die in sich ruht. So jedenfalls fühlt sich die Kapitale an für Menschen, die hier nicht arbeiten. Denn der Polit-Betrieb, um den herum diese Metropole vor über 200 Jahren errichtet wurde, genügt ganz und gar sich selbst: Kein Tourist kommt mit der Hektik im Kongress, dem Eifer der Regierungs-Bürokraten oder dem Geifer der Lobbyisten von der gesichtslosen K-Street je in Berührung. Stattdessen: Gelassenheit, Gravität, Geschichte. Mitten auf der langen, breiten Prachtstraße The Mall scheint es, als verhalle aller Lärm. Man blickt auf die strahlend weiße Kuppel des Kapitols oder auf das ehrwürdige Lincoln-Memorial. Der Besucher erlebt die mächtigste Stadt der Welt als lebendiges Museum amerikanischer Historie. Grandiose Museen verlangen nur Zeit, aber kein Eintrittsgeld. Jenseits dieser gut drei Kilometer langen Allee der Macht und Memorials ist Washington eine erstaunlich grüne und bunte Stadt: Am DuPont-Circle, in Adams Morgan oder entlang der U-Street locken Boutiquen, Restaurants, Bars. Allerdings, gut die Hälfte des Districts of Columbia bleibt für die meisten Besucher Tabu: Der Nordosten ist vor allem langweilig, und der Südosten zu aufregend - weil verelendet und kriminell gefährlich.

Welche Sehenswürdigkeit dürfen Sie nicht verpassen?

Ein Gang über die Marmorflure des Kongresses ist absolut zu empfehlen, sichern Sie sich in der Hochsaison bereits morgens Tickets im Besucherzentrum! Ebenso lohnt sich eine Tagestour über die Nationalpromenade The Mall. Planen Sie dabei je nach Jahreszeit Besuchszeiten zum Aufwärmen oder Abkühlen in den Museen ein. Auf alle Fälle sehenswert ist die National Gallery (mindestens East Wing!), mit Kindern unbedingt das Air- and Space Museum anschauen. Auch die Skulpturen-Parks vor dem Hirshhorn-Museum und gegenüber (westlich der National Gallery) sind einen Abstecher wert, genauso wie die kühle, würdige Strenge des Vietnamkrieg-Denkmals unmittelbar neben dem imposanten Lincoln-Memorial. Machen Sie einen Tagesausflug nach Mount Vernon, dem Familiensitz des ersten US-Präsidenten George Washington - liebevoll restauriert, grandiose Aussicht. Oder spazieren Sie durch die Gassen von Georgetown. Am Ufer des Potomac angelangt, können Sie mit einem gemieteten Kajak bis zur Memorial Bridge paddeln.

Was ist noch sehenswerter - doch nur wenige Urlauber wissen davon?

Ein Besuch von Cedar Hill, dem letzten Wohnsitz von Frederick Douglass. Dieser afroamerikanische Politiker war Zeitgenosse, Kritiker und Freund von Präsident Abraham Lincoln. Als Sklavenkind geboren, wurde Douglass zum geistigen Ur-Vater der Bürgerrechtsbewegung und U.S. Marshall. Der Besuch seiner Villa ist eine bewegende Reise ins vorletzte Jahrhundert.

Welches Viertel sollten Sie unbedingt besuchen?

Washingtons "Black Broadway", die wiederauferstandene U-Street, vor allem zwischen 15. Straße und Vermont Avenue. Buntes Publikum, internationale Küchen, gute Stimmung. Hier ist auch das Kriegsdenkmal für afroamerikanische Veteranen zu finden, die im US-Bürgerkrieg für die Sklavenbefreiung kämpften. Stärken Sie sich im legendären " Ben's Chili Bowl", ein Edel-Imbiss mit viel Atmosphäre und (für deutsche Gaumen) mittelmäßigen Würstchen (hier noch am besten: die Hausmarke "Half Smoke"!). Und etwas abseits: das renovierte Howard-Theatre.

Den schönsten Blick auf Washington haben Sie ...

... nein, nicht vom Washington Monument! Der Obelisk mitten auf der Mall ist seit dem kurzen Erdbeben im August 2011 geschlossen - wegen Schäden im Inneren. Und der Blick durch die schmalen, meist verschmierten Schießscharten-Fenster lohnte noch nie das lange Anstehen. Viel besser und idyllischer obendrein: Blick vom Hügel des Nationalfriedhofs auf der anderen Flussseite, genauer: vom Arlington House, wo einst General Robert E. Lee wohnte, der Südstaaten-Held im Bürgerkrieg. Beim Fußmarsch hinauf zur Villa passiert man unter anderem die Grabstellen der drei Kennedy-Brüder: JFK, Bobby und Ted.

Das können Sie sich in Washington sparen:

Siehe schöne Aussicht. Nur noch von begrenztem Wert ist außerdem der Besuch der M-Street in Georgetown, inzwischen eine Konsummeile mit Billigtextilien und zu vielen Sportschuhläden. Löbliche Ausnahme: das trotzig überlebende, allzeit qualmende Raucher-Paradies von "Georgetown Tobacco". Zum Shoppen viel besser: Buchläden und Boutiquen nahe DuPont Circle. Oder das lebendige Penn Quarter in der Innenstadt, nahe Verizon Center und China-Town.

Transport, Essen und Trinken

Hier finden Sie Christian Wernickes Empfehlungen für Essen und Trinken und für Ihren Weg durch die Stadt.

So kommen Sie am besten durch die Stadt.

Mit der Metro und dem Bus. Oder mit dem Leih-Fahrrad, vorher hier anmelden.

Damit sollten Sie unbedingt fahren:

Mit dem "Biest" (the Beast) - so nennen sie in Washington die gepanzerte Limousine, in der Barack Obama zu seinen präsidentiellen Terminen eilt. Er hat, solange rein dienstlich unterwegs, immer Vorfahrt - was im stets verstauten Washington ein Stück exklusivster Lebensqualität bedeutet. Nur leider: Von uns Normalmenschen kommt niemand rein ins Biest.

Probieren Sie unbedingt ...

... einen Cocktail oder ein gutes Glas Wein im " Off the Record", der Souterrain-Bar des edlen Hay-Adams-Hotels in der Nähe des Weißen Hauses. Ein Stück Luxus, zugegeben. Aber hier bekommt man einen kleinen Einblick ins politische, ergo geschwätzige Washington, mit Kongresspolitikern, ihren Zuarbeitern und Journalisten beim Long Drink. Und nach einem Glas kann man auch wieder gehen.

Das schönste Café:

In Georgetown, unterhalb der lauten M-Street, ein Stück kultiviertes Europa - das " Kafe Leopold". Nicht billig, eher nüchtern im Flair - aber sehr guter Bohnentrank und beste Backwaren nach Wiener Machart.

Das beste Restaurant:

Der Washingtoner Klassiker ist das " 1789" in Georgetown, wohin Barack Obama auch schon Angela Merkel ausführte. Sehr gut, aber ein wenig konventionell. Phantasievoller, kreativer, frischer geht es Uptown zu im "Palena": Beste italienische Küche mit amerikanischen Einflüsterungen und sehr guten Weinen. Ständig wechselndes Menü, aus dem man sich seine 3-5 Gänge zusammenstellt. Für beide Häuser gilt: Am besten mit jemandem hingehen, der die Rechnung stemmt.

Der Imbiss für unterwegs:

Im Sommer beim Stadtbummel und auf der Mall: Wasser, Wasser, Wasser. Im Winter gibt's überall Starbucks und Fast Food. This is America, man!

Nachtleben und Kniggefragen

Auf dieser Seite geleitet Sie Christian Wernicke durch das Nachtleben von Washington und gibt Kniggetipps.

Typisch für das Nachtleben in Washington ist,...

... dass es von Sonntag bis Mittwoch nicht stattfindet. Auch donnerstags ist Washington allenfalls verhalten nachtaktiv.

Hier beginnt der Abend:

Mit einem Cocktail auf der Dachterrasse des Hotels "W", gegenüber der Treasury (US-Finanzministerium), mit Seitenblick auf das Weiße Haus und weitem Horizont hinter der Mall. Toller Sonnenuntergang.

Dann ziehen Sie weiter ...

... in die Kneipen der U-Street oder dort in der Nähe in Restaurants wie das "Cork" (1720, 14th Street). Oder Bars wie das "Gibson": Außen kein Schild, nur an der Hausnummer (2009,14th Street) erkennbar, weil ganz im Stil einer "Speakeasy"-Bar während der Prohibition durchgestylt. Rote Polster, Marmortische, Kerzenlicht - und großartig gemixte Drinks. Vorsicht, Oliven oder Erdnüsse kosten extra! Last call 01:20, am Wochenende 2:20 Uhr frühmorgens.

Hier wollen alle rein:

Zum pompösen State Dinner oder zum Musikabend im Weißen Haus, mit Barack und Michelle.

Dabei ist es viel besser, ...

... auf den Marmorstufen des Lincoln Memorial zu Füßen des ehemaligen Präsidenten Abraham Lincoln zu sitzen und den Blick auf die Mall bei Nacht zu genießen. Vielleicht sogar mit Mondschein - jetzt, wo nach ewiger Reparatur endlich wieder Wasser im Reflecting Pool schwappt. Alkohol muss man sich, weil strikt illegal, selbst mitbringen. Kenner füllen den Rotwein zur Tarnung in Trinkflaschen, wie sie hier tagsüber die Jogger nutzen.

Dies ist der beste Platz für den Sonnenaufgang:

Eben hier, Lincoln Memorial, oberes Treppendrittel. Mit weichem Licht aus Osten hinterm Kongress.

Mit diesem Satz kommen Sie überall in Washington zurecht:

Immer so fragen und lächeln: "How are you today?" Und immer so antworten: "Fine!" oder "Great!" Und wieder lächeln!

Darüber spricht man in Washington:

Die Stadt plagt das Trauma, dass seit über zwanzig Jahren keine ihrer Profi-Mannschaft in der Lage zu sein scheint, eine nationale Meisterschaft zu gewinnen. Im Gerede sind derzeit die Nationals, das neuerdings furiose Baseball-Team: Auch die würden, so das Getuschel, dem Stadtfluch erliegen und in den Play-Offs verlieren.

Vorsicht, Fettnäpfchen!

Kein gutes Wort über die Konkurrenz, bitte: Die Dallas Cowboys (Football) sind verhasst. Und die Yankees aus New York (Baseball) mag hier auch niemand. Überhaupt sollte die Welt inzwischen begriffen haben, dass Schimpfereien wie "Cowboy-Diplomatie" oder "Yankee, go home!" verbrauchte Formeln sind. So tumb, so doof!

Mehr Informationen über den Autoren der Washington-Tipps:

Christian Wernicke lebt seit 2005 mit Frau und zwei Kindern in der US-Hauptstadt. Zuvor hatte der SZ-Korrespondent aus Brüssel über Europa und Nato berichtet. Der gebürtige Hamburger studierte Volkswirtschaftslehre und Politische Wissenschaften in Köln und in Pennsylvania, ehe er als Redakteur und Korrespondent für die Zeit arbeitete. Zusammen mit Reymer Klüver, seinem langjährigen Kollegen in Washington, schrieb Wernicke ein Buch über die politischen und sozialen Risse in den USA: "Amerikas letzte Chance - warum sich die Weltmacht neu erfinden muss".

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.1477259
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
Süddeutsche.de/dd/holz
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.