Süddeutsche Zeitung

Schiffe:Nordostpassage - die letzte Herausforderung für Kreuzfahrtschiffe

Einst kämpften Arktis-Fahrer gegen Stürme und Eisbären, heute ist die Bürokratie ihr größter Feind. So bleibt die Nordostpassage ein Abenteuer ganz eigener Art.

Von Ingrid Brunner

Thilo Natke ist ein besonnener Mensch. Das muss er auch sein als langjähriger Kapitän der Hanseatic, eines der beiden Expeditionsschiffe der Hamburger Reederei Hapag-Lloyd Cruises. Seit 27 Jahren steht Natke auf der Brücke von Kreuzfahrtschiffen. Seit 1999 ist er im Wechsel mit einem anderen Kapitän fest auf der Hanseatic. Es ist also nicht ganz falsch, die Hanseatic ein wenig als sein Schiff zu bezeichnen. Mit ihr hat er die eisigen Ränder der Welt befahren: im Winter die Antarktis, im Sommer die Arktis. Besonders angetan hat es ihm die Antarktis, dorthin führte ihn im Jahr 1990 seine erste Expeditionskreuzfahrt, als junger Zweiter Offizier. Es war für ihn wie ein Weckruf. Wenn er davon erzählt, gerät der sonst nüchterne Norddeutsche ins Schwärmen: "Das ist eine ganz andere Welt: gigantische Eisberge, diese einzigartige Tierwelt, all die Wale, Robben, Pinguine - einfach großartig."

Von der Nordischen Route träumten Seefahrer und Händler seit Jahrhunderten

Es war aber das andere Ende der Welt, an dem er eine Art modernes Pionierstück vollbrachte, als er im Jahr 2014 als erster Kapitän mit einem Expeditionskreuzfahrtschiff die Nordostpassage befuhr. Doch das ist für ihn kein Stoff für ein Heldenepos - "bestenfalls das i-Tüpfelchen in meiner Biografie", wie er sagt. Das Narrativ vom großen Traum des Kapitäns von der Nordostpassage hält er eher für Seemannsgarn. Und es habe ihn auch kein Nordostpassagen-Virus befallen, das ihn nicht ruhen ließ, bis er diese Route tatsächlich befahren hatte.

"Das war so das Missing Link", sagt er, das fehlende Verbindungsstück, von dem die Seefahrer und Kaufleute Jahrhunderte lang geträumt hatten: der legendäre Nördliche Seeweg, der die Fahrt von Europa nach China deutlich verkürzen würde. Lange hatten Nautiker diesen Seeweg schlicht für unbefahrbar gehalten für konventionell angetriebene Schiffe: zu gefährlich, zu unbekannt, zu unzugänglich mit all seinen Sperrgebieten, mit Packeis auch im Sommer. Ein Fahrgebiet nur für die russischen Atomeisbrecher. Bis der Klimawandel das Eis schmelzen ließ und alte Begehrlichkeiten neu entflammten. Und bis Natkes Arbeitgeber Hapag-Lloyd Cruises auf ihn zukam mit dem Wunsch, die russische Arktis zu erschließen.

Doch ein Kapitän allein schafft das nur in Abenteuerromanen. In der Realität ist für solch ein Vorhaben Teamwork vonnöten. "Wir haben in Russland eine Agentur, ohne geht es dort ja gar nicht. Mit den Agenten haben wir eng zusammengearbeitet." Das Interessante bei dieser Route sei gewesen, dass keiner der Beteiligten die gesamte Nordostpassage kannte. Einige waren schon auf der Wrangelinsel, in Franz-Josef-Land oder Murmansk. Man kam dann auf eine simple Idee: "Wir haben einfach gegoogelt." So habe man sich viele Informationen zusammengeklaubt, Reiseblogs und Pilot Books - Seehandbücher - studiert und sich so nautisch vorbereitet.

Doch es galt nicht nur die nautische Machbarkeit sicherzustellen. Um eine solche Route zu entwickeln, braucht es eine Menge Expertenwissen: Touristiker, Landeskundler, Dolmetscher und vor allem Logistiker, die prüfen: Wo kann man Treibstoff tanken, Proviant laden, ein- und ausfliegen?

All diese Fäden liefen aber nicht bei Kapitän Natke zusammen, sondern bei Isolde Susset. Als Leiterin des Bereichs Produktmanagement der Expeditionsschiffe entwickelt sie neue Routen und Ziele für Hapag-Lloyd Cruises. Ein Job, in den sie hineingewachsen ist über viele Jahre im Unternehmen auf unterschiedlichen Positionen, auch als Reiseleiterin auf den Expeditionsschiffen. Neue Kreuzfahrten entwickeln? Ja. Neue Fahrtgebiete? Schwierig. "Die Welt ist nun mal vermessen. Es gibt keine unentdeckten Ziele mehr", sagt sie. Die Nordostpassage war die letzte Unbekannte im Kreuzfahrtsegment. "Als Russland das Gesetz so geändert hat, dass auch nicht-russische Schiffe Franz-Josef-Land anfahren durften, haben wir gesagt: Jetzt probieren wir es."

Wollte im Zeitalter der Entdecker ein Pionier aufbrechen zu neuen Ufern, so tat er das. Finanziert wurden die Vorhaben meist von den unermesslich reichen europäischen Königshäusern oder wohlhabenden Kaufleuten, um deren Ruhm und Einfluss in der Welt zu mehren. Genehmigungen oder Visa brauchte man dafür nicht. Von wem auch? Von ein paar Wilden? So die damalige Denkweise. Wer die Berichte der großen Pioniere liest, wird denn auch mitten hineingezogen in ein archaisches Drama Mensch gegen Natur. Kämpften Adolf Erik Nordenskiöld und Roald Amundsen, die ersten bekannten Bezwinger der Nordostpassage, noch mit Skorbut, Stürmen, Packeis, Eisbären und Eisbergen, ficht die moderne Seefahrt einen nicht minder schweren Kampf - mit der Bürokratie.

Von den Russen erst erlaubt, dann trotzdem verboten: das Anlaufen von Franz-Josef-Land

Von solch modernen Abenteuern weiß Isolde Susset viel zu erzählen. "Man braucht für alles Genehmigungen, Deklarierungen und Reservierungen", sagt sie. Liegeplätze in den Häfen zum Beispiel müsse man drei Jahre im Voraus buchen. Das heißt, aktuell werden die Fahrpläne für das Jahr 2020 gemacht. Block-out-Prozess heißt das in der Fachsprache. Etwa drei Jahre dauert es auch von der Idee bis zur Umsetzung einer neuen Kreuzfahrt, "wenn es gut geht", fügt Susset an.

Das Projekt Nordostpassage hat zehn Jahre gedauert. Zehn Jahre? Was war das Problem? "Die Eissituation war nicht das Problem", sagt Natke, die Russen betrieben dort schon lange Schifffahrt, das küstennahe Gebiet sei gut erschlossen. Anders als in den russischen Offshore-Gewässern seien die Seekarten sehr genau, sehr aktuell. "Die Russen haben da eine Infrastruktur", erklärt er und meint damit, es gebe Forschungsstationen, Häfen sowie bei Bedarf auch Eisbrecher.

Hier bremst Isolde Susset: "Ein Hafen schön und gut. Doch vor jedem Hafenanlauf steht das Wort Genehmigung." Natke bestätigt: "Die Russen wollten weder zu- noch absagen, sie sagten ja, vielleicht, reicht noch dieses Formular ein und noch jenes." Am Ende dieses zähen Prozesses, erzählt Susset, waren es fast 2000 Genehmigungen. "Stellen Sie sich mal vor: Wenn Sie von 2000 Genehmigungen 1999 haben und nur eine fehlt, dann ist alles geplatzt." Die erste "Bezwingung" der Nordostpassage mit einem Expeditionskreuzfahrtschiff war ein Sieg über Formulare.

Am 13. August 2014 war es so weit: Kapitän Thilo Natke steuerte die Hanseatic aus dem Hafen von Nome in Alaska, mit Kurs auf Prowidenija, der östlichsten Stadt Russlands. Aufgeregt war er nicht, sagt Natke, angespannt aber schon. So viele Unbekannte Faktoren, absolutes Neuland sei das gewesen. "Als wir erst mal unterwegs waren, haben die Russen keine Schwierigkeiten gemacht" - mit einer Ausnahme: Franz-Josef-Land durfte nicht wie geplant angelaufen werden. Trotz vorheriger Zusage hatten die russischen Behörden die Genehmigung zurückgezogen. Aber das könne immer passieren, sagt Natke. Auf Expeditionskreuzfahrten stehe alles unter Vorbehalt. Stattdessen machte man einen Abstecher Richtung Norden - und erreichte die nördlichste Position, die ein konventionell betriebenes Schiff, das kein Eisbrecher war, bis dato erreicht hat: 85°40,7' Nord und 135°39,6' Ost - man war nur noch 259 Meilen entfernt vom Nordpol. Ein Ereignis, das mit Champagner begossen wurde.

In Murmansk endete die Nordostpassage. Doch die 166 Passagiere gingen erst am 10. September, nach 27 Tagen und 6032 nautischen Meilen in Bodø, Norwegen, von Bord. Man war unterwegs in der Einsamkeit der Beringstraße, wo sich der eurasische und der amerikanische Kontinent fast berühren, auf der für ihren Artenreichtum bekannten Wrangelinsel. Man begegnete Eisbergen, Packeis, Eisbären, Walen, Walrossen, Moschusochsen und Menschen, die in totaler Isolation und eisiger Einsamkeit leben. Und man traf auf die Spuren früher Pioniere, etwa von Willem Barents, der auf Nowaja Semlja gestorben ist. Natke sagt: "Ich bin froh, dass wir die Passage so erfolgreich beendet haben." Und Isolde Susset füllt bereits Formulare aus - für die nächste Nordostpassage.

Die nächste Nordostpassage findet auf der MS Bremen statt, vom 10. August 2018 bis 9. September 2018 (31 Tage). Startpunkt ist Tromsø in Norwegen, Zielhafen ist Nome in Alaska. Preis: ab 27 230 Euro pro Person inklusive An- und Abreise ab/bis Deutschland. Weitere Informationen unter www.hl-cruises.de/reise-finden/BRE1817

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Quelle:
SZ vom 01.06.2017
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