Süddeutsche Zeitung

Reisen:Ein großes Stück Freiheit

Die Grenzen zu schließen war richtig - ebenso richtig ist es nun, die Reisewarnung in Europa aufzuheben. Wichtigster Grundsatz muss aber der Schutz der Urlauber bleiben.

Kommentar von Jochen Temsch

Endlich Urlaub! Der Entschluss der Bundesregierung, die Reisewarnung für 29 europäische Staaten vom 15. Juni an aufzuheben, verheißt ein großes Stück mehr Freiheit nach den bleiernen Wochen der Corona-Einschränkungen. In Umfragen antworten die Deutschen auf die Frage, in welcher Umgebung sie am besten entspannen, auf andere Gedanken kommen und sorgenfreie Tage verbringen können: am Strand.

Den gibt es zwar auch in Binz an der Ostsee, aber auf den Balearen ist das Meer doch zehn Grad wärmer, was der Erholung umso förderlicher ist. Die pauschale Warnung davor, die Landesgrenzen als Tourist zu überschreiten, läuft für viele beliebte Ferienländer aus. Das ist erst einmal ein Grund zur Vorfreude und zum Aufatmen.

Reisefreizügigkeit ist ein Ausdruck von Normalität und eine der Grundlagen der Europäischen Union. Diese Freizügigkeit, und mit ihr den Tourismus, einzuschränken, bedarf einer guten Begründung. Die war durch die Corona-Pandemie gegeben. Das Herunterfahren des Reiseverkehrs hat zur Senkung der Infektionsraten beigetragen. Wie rasant sich das Virus in unbeschwerter Urlaubsatmosphäre verbreiten kann, hat das Beispiel Ischgl gezeigt. Es war richtig, die Reisewarnung zu verhängen, und es ist richtig, sie nicht überstürzt aufzuheben, auch wenn die gebeutelte Tourismusindustrie und die von den Urlaubern abhängenden Länder gewaltig Druck auf die Bundesregierung ausüben. Doch zuletzt sanken die Infektionszahlen fast überall in Europa.

Es sah manchmal so aus, als würden Politiker vor allem deshalb vor Auslandsreisen warnen, um Werbung für Urlaub in ihrem eigenen Bundesland zu machen. Der Deutsche Reiseverband (DRV) rechnete dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder vor, dass es nach seiner eigenen Logik eine Reisewarnung vor Bayern geben müsse: In Bayern zähle man mehr Corona-Infizierte als in Österreich, Kroatien und Griechenland zusammen.

Nun soll es statt einer generellen Warnung individuelle Reisehinweise für einzelne Destinationen geben. Ausgerechnet das liebste Auslandsziel der Deutschen schneidet in dieser Betrachtung vorerst nicht gut ab: Spanien. Dort gelten auch über den Stichtag 15. Juni hinaus Einreisesperren, die genauso wenig zum unbeschwerten Urlaub passen wie die Quarantänebestimmungen in Großbritannien.

Der Blick auf das Infektionsgeschehens in einzelnen Ländern folgt der Logik, nach der auch im Inland das öffentliche Leben hochgefahren wird: Steigen die Infektionen in einer Region, werden für diese wieder Schutzmaßnahmen ergriffen. Auf dieser Grundlage konnten bereits Läden und Restaurants öffnen, Schüler wieder zur Schule gehen, Fußballbundesligaspiele stattfinden.

Wichtigster Grundsatz ist der Schutz der Urlauber. In den Hotels muss streng auf Abstand und Hygiene geachtet werden. Kliniken müssen genügend Kapazitäten vorhalten und im Notfall auch infizierte Touristen versorgen können. Und auch die Urlauber selbst können durch ihr Verhalten dazu beitragen, das Infektionsrisiko zu minimieren und die Reisefreiheit zu erhalten. Überfüllte Ostseestrände und Alpendörfer am Pfingstwochenende waren eher abschreckende Beispiele dafür, dass viele immer noch lieber an die Hotspots fahren, als sich in weniger überlaufenen Gegenden umzuschauen. Die Öffnung der Grenzen sollte auch zu einer besseren Verteilung der Besucher führen.

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SZ vom 04.06.2020/cat
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