Süddeutsche Zeitung

Reisebuch:Doppelte Ostsee

Geisterwald, Strandkörbe, Menschen: Zwei Fotografen zeigen in einem Buch ihre je eigene Sicht auf die Küstenregion.

Rezension von Stefan Fischer

Auf ein spannendes Experiment haben sich die zwei Fotografen Peter Haefcke und Michael Pasdzior eingelassen. Beide haben sie die deutsche Ostseeküste bereist, haben "Grenzerfahrungen zwischen See und Land" gemacht, wie der Maler und Schriftsteller Dieter Staacken in seinem Vorwort schreibt, und haben dabei diesen äußersten Norden auf ihre jeweils eigene Weise fotografisch porträtiert - Haefcke in Schwarz-Weiß, Pasdzior in Farbe.

Ihr gemeinsames Buch ist in vier Kapitel unterteilt - eines pro Fotograf und Bundesland. In Summe ergibt das ein reizvolles Nebeneinander - wie bereits in den Bänden über die Atlantik- und die Nordseeküste, die Haefcke und Pasdzior gemeinsam veröffentlicht haben. Die Unterschiede der beiden Regionen mögen auf den ersten Blick nicht besonders augenfällig sein. Und doch sind sie groß. Die klassische Bäderarchitektur gibt es nur im Osten, ebenso die Kreidefelsen und die Wälder, die bis unmittelbar ans Wasser heranreichen - etwa den sogenannten Geisterwald bei Nienhagen. Auch Fachwerk findet man in Schleswig-Holstein an der Küste kaum. Dafür mehr Strandkörbe und mehr Leuchttürme, da die Küstenlinie durch Buchten und Förden und die Nähe Dänemarks weit weniger geradlinig ist als östlich der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze.

Die ästhetischen Unterschiede im Stil der beiden Fotografen sind erheblich. Peter Haefcke macht seine Aufnahmen konsequent in Schwarz-Weiß. Bei ihm ist, so Dieter Staacken in seinem Begleittext, die "äußerst feinkörnige, weit gedehnte Grauwerteskala ein Hauptgestaltungsmittel". Es sind Bilder von einer großen Ruhe und Kraft, selbst wenn das Motiv ein dynamischer Moment ist. Sie sind beinahe so etwas wie zweidimensionale Skulpturen; Szenen, fixiert für die Ewigkeit, die für etwas Typisches, Grundsätzliches stehen.

Michael Pasdzior geht in seinen Aufnahmen über den konkreten Augenblick hinaus. Er verdichtet seine Motive gerne zu visuellen Kurzgeschichten, so Staacken. Tatsächlich weisen seine Fotografien stark über sich selbst hinaus, anders als die von Haefcke, die einen in sich geschlossenen Kosmos zeigen. Pasdzior zeigt Szenen, die eine Vorgeschichte haben und womöglich auch Folgen - sich beides auszumalen, ist ein Reiz für die Betrachter. Wer wird die Schachpartie am Strand von Langballigau gewinnen, was heckt der Junge aus, der auf der Strandpromenade von Dahme eine Pause macht vom Rollerfahren, und wen beobachtet die Kioskbetreiberin in Haffkrug? Die Motive von Michael Pasdzior spielen gerne auch ins Skurrile und Absurde, ins Belustigende. Nicht mit der Gnadenlosigkeit seines britischen Kollegen Martin Parr, aber doch mit derselben Stoßrichtung.

Haefcke und Pasdzior nehmen nicht nur den Tourismus an der Ostseeküste in den Blick. Sondern auch den Alltag Einheimischer sowie deren Aufeinandertreffen mit den Gästen. Einige Fotografien zeigen Herbst- und Wintermotive, zeigen Einsamkeit. Zusammengenommen ergibt das ein aussagekräftiges Porträt dieser deutschen Küste.

Peter Haefcke, Michael Pasdzior: Ostseeküste. Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein. Edition Braus, Berlin 2021. 224 Seiten, 36 Euro.

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