Süddeutsche Zeitung

Kreuzfahrtschiff "Oasis of the Seas":Voller Spaß voraus!

Das Schiff ist das Ziel: Das größte Kreuzfahrtschiff der Welt bricht zur Jungfernfahrt auf - blinde Passagiere sind schon an Bord.

Sie haben sie alle zum Narren gehalten: den Sicherheitsdienst, die Agrarbehörde und die Central-Park-Beauftragten. Als blinde Passagiere haben sie es bis auf die Oasis of the Seas geschafft, ein Kreuzfahrtschiff, das höchste Sicherheitsstandards für sich reklamiert und auf dem das Mitreisen von Tieren grundsätzlich untersagt ist. Das Gezirpe käme keineswegs aus dem Lautsprecher, sagt der Parkmanager. Es seien wirklich echte Grillen, die bei Einbruch der Dämmerung munter ihr Konzert anstimmten und die eigentlich gar nicht hier sein dürften.

Im sogenannten Central Park, der ersten Parkanlage, die man auf einem Kreuzfahrtschiff angelegt hat und die nur eine der vielen Attraktionen dort ist, haben sich die tierischen Musikanten mit eingeschlichen, zwischen 56 Bäumen und 12.174 weiteren Pflanzen, die man in Fort Lauderdale unter strenger Aufsicht für das fußballfeldgroße Areal an Bord gebracht hatte. Dem Gezirpe wird nur vermutlich kaum einer zuhören, wenn das größte Kreuzfahrtschiff der Welt nach ein paar Schnupperrunden seinen regulären Dienst aufnimmt.

Das Musikprogramm, das dann aus den Restaurants, die man auch im Park angesiedelt hat, nach draußen dringt, lässt das Grillenintermezzo nur allzu schnell in den Hintergrund treten.

5400 Passagiere fasst die Oasis of the Seas bei Kabinendoppelbelegung, 6296, wenn alle Bettkapazitäten ausgeschöpft sind. Dabei ist dieser Superlativ gar nicht so entscheidend, denn an einem gleich großen Schwesterschiff baut die Reederei Royal Caribbean Cruises bereits. Größer sei nicht zwangsläufig besser, sagt denn auch deren Präsident Adam Goldstein.

Es gehe vielmehr darum, neue und spektakuläre Möglichkeiten zu entdecken. Gesättigte Märkte wie das Kreuzfahrtgeschäft bedingen immer mehr Zusatznutzen. Weil man mit einer Länge von 360 Metern allmählich an eine hafenverträgliche Grenze stößt, ist die Oasis mit 64 Metern vor allem in die Breite gegangen und birgt in ihrem dicken Bauch nun jede Menge Überraschungen.

Das Schiff kehrt die Außenwelt nach innen und gliedert sich im Wesentlichen in zwei nach oben hin offene Boulevards, den ruhigeren Central Park und die trubeligere Promenade, die einem englischen Seebad mit Karussell nachempfunden ist. Den ebenfalls offengehaltenen Schiffsabschluss bilden ein Wassertheater und zwei Kletterwände, die im Deck darüber gekrönt werden von zwei Surfsimulatoren. Fensterlose Innenkabinen aus den Anfängen der Kreuzfahrt sind gänzlich verschwunden, denn zu beiden Seiten der Boulevards ragen zahlreiche Passagierkabinen hervor, übereinandergestapelt wie im sozialen Wohnungsbau.

Von einem Zimmer über der Promenade braucht man sich zur Bespaßung gar nicht mehr nach draußen zu bewegen. Vom Balkon aus kann man dem Kinderkarussell beim Drehen zusehen, Wagemutige dabei beobachten, wie sie sich im Klettergeschirr an einer Stahlseilrutsche über die Wohnhausschlucht schwingen, oder am Abend verfolgen, wie die Kunstspringer sich vom Zehn-Meter-Brett des Wassertheaters stürzen.

Natürlich gibt es auch noch eine Shoppingpromenade, denn Einkaufen wird als Freizeitvergnügen inszeniert. Sowie ein Theater, einen Eislaufplatz, ein Spielcasino, Spa- und Pool-Landschaften, eine verglaste Champagner-Bar, die über eine illuminierte Wasserfontäne drei Decks hinauf- und hinabschwebt, 24 Restaurants und eine 690 Meter lange Joggingbahn, auf der man das Schiff umrunden kann und mit so sinnigen Spruchbändern wie "tonight's dessert can be guilt-free" wieder zum Essen aufgefordert wird.

Die Oasis ist eine mobile Stadt, die ohne viel Geschaukel ruhig durch die Meere pflügt. Für die Einreisegenehmigung muss man sich einem Sicherheitsprocedere unterwerfen, das dem beim Fliegen gleicht.

"Das sind nicht Sie!"

Das Gepäck wird durchleuchtet, man wird fotografiert und erhält einen Bordpass, auf dem neben dem Foto alle persönlichen Daten gespeichert sind, so auch die Kabinennummer. Doch wie nur findet man bei einem so riesigen Schiff den Weg in seine Bleibe?

Zwischen all den Shops, Bars, Wasserfontänen und gläsernen Aufzügen befindet sich in der Nähe des Treppenhauses auf jedem Deck ein interaktiver Bildschirm, auf dem man eingeben kann, wonach man sucht. Auf dem Schiffsgrundriss erscheint sodann das gesuchte Ziel als pulsierender Punkt. Doch bei der angezeigten Kabine funktioniert die Karte nicht.

Ein Handwerker, der noch letzte Arbeiten im Flur verrichtet, kommt zu Hilfe, versucht es vergebens, der Etagensteward eilt herbei und vergleicht die Karte mit der Kabinennummer. Alles korrekt. Aber die Tür lässt sich nicht öffnen.

Dann kommt die Stationschefin, doch das Lämpchen am Türschloss will und will nicht grün werden. Also öffnet sie die Tür mit der Masterkarte, und siehe da: Hier wohnt schon jemand. Die Stationschefin vergleicht den Namen an den Kofferanhängern mit der Bordkarte und sagt: "Das sind nicht Sie!" Auch das ist korrekt - und schon bald fühlt man sich selbst wie ein blinder Passagier.

Zum Glück hat sich die Chefin dann doch dazu entschlossen, in der Zentrale anzurufen, um zu fragen, ob es überhaupt einen Gast dieses Namens gibt. "Ihr Status wurde geändert", sagt sie verheißungsvoll, als sei die Unterkunft in eine der für Kreuzfahrtstandards innovativen doppelstöckigen Loftsuiten mit Panoramafenstern von der Decke bis zum Boden nebst Whirlpool aufgewertet worden: "Sie sind zwei Decks höher."

Zwei Decks höher sehen die Flure und Zimmer immer noch exakt so aus wie zwei Decks tiefer, aber immerhin funktioniert nun die Karte.

In den labyrinthischen Erlebnislandschaften fungieren die pulsierenden Punkte auf den interaktiven Bildschirmen mit der Aufschrift "Sie sind hier" zwar als dürftige Wegweiser, aber wie auch der Schriftsteller David Foster Wallace in seinem Kreuzfahrtbuch "Schrecklich amüsant - aber in Zukunft ohne mich" schrieb, ahnt man schon sehr bald, dass sie weniger der Orientierung als der Beruhigung dienen.

Beruhigt können vor allem Eltern sein, denn ihre Kinder erhalten ein Armband, mit dem sie per iPod geortet werden können, sofern die Kids nicht intelligenter als ihre Eltern sind und ihren Chip einfach umprogrammieren. Es wird schnell klar, dass sich dieses Schiff vorwiegend an internetaffines Publikum wendet, das bereit ist, schon vor Beginn der Reise Restaurants, Shows und überhaupt alle Aktivitäten im Netz vorauszubuchen.

Das 1,4 Milliarden Dollar teure Schiff wurde schon vor sechs Jahren geplant. Zur Gegenfinanzierung wird nun in der Wirtschaftskrise auch der europäische Markt interessant. Immerhin haben dieses Jahr etwa eine Million Deutsche eine Kreuzfahrt gemacht.

Doch während deutsche Traumschiff-Kapitäne noch immer gerne mit älteren Damen Kaffeekränzchen halten, liegt der Altersdurchschnitt bei Kreuzfahrtschiffen wie der Oasis mit meist amerikanischem Publikum bei Anfang 40. Nicht, dass es dort keine älteren Menschen an Bord gäbe: Eine Seniorin lässt sich einen Helm aufsetzen und hängt sich ihre Handtasche um, damit sie beide Hände frei hat, um sich an der Vorrichtung der Drahtseilrutsche festzuhalten, mit der sie über die achtstöckige Promenade saust, als sei sie im Dschungelcamp.

Amerikaner sind ohnehin Meister darin, unangenehme Dinge nicht offen beim Namen zu nennen, sondern sie elegant zu verpacken.

Regenwälder? Es gibt doch den Park!

Senior Moments nennen sie beispielsweise das fortgeschrittene Alter, in dem man allmählich Gefahr läuft, dass einem ein, zwei Murmeln durchs Oberstübchen kugeln.

Manchen Senior Moments folgen alsbald die Magic Moments, denn eine Kreuzfahrt soll vor allem Emotionen wecken. Oasis of the Seas - eine Oase also will der Gigant der Meere sein, der primär durch die Karibik schippert. Dabei ist es gar nicht so wichtig, dort an Land zu gehen. Ein Schiff dieser Größe kann ohnehin nur in wenigen logistisch dafür ausgerüsteten Häfen anlegen. Landausflüge stehen nicht im Vordergrund des Interesses, schließlich spielt im Dazzles-Club gerade eine Kariben-Combo, und es werden bunte Cocktails gereicht.

Ohnehin sollte nach Meinung der Betreiber das Schiff Attraktion genug sein. Was braucht man da noch echte Regenwälder, wo es doch den Central Park gibt.

Eine perfekte Kopie der Realität ist indes gar nicht wirklich beabsichtigt. Nein, diese von Menschenhand erschaffene Welt soll besser sein als die wirkliche. Schließlich gibt es in der Ereigniswelt überfreundliches Personal, nahezu klinische Sauberkeit, maximale Sicherheitsvorkehrungen, Mülltrennung und ökologische Wasseraufbereitung, konfliktfreie Unterhaltungsprogramme und eine zwanghafte Tendenz zum Perfektionismus.

Eine andere Welt - aber auch eine bessere?

Draußen ist man dann meist schneller, als man hereinkam, und beim Versuch, noch ein Erinnerungsfoto des Riesenschiffes zu knipsen, kapituliert sogar das Weitwinkelobjektiv. Der Taxifahrer verdreht indes die Augen, als man ihm sagt, dass man nach Miami will, um dort noch ein paar ruhigere Tage zu verbringen.

Zur Zeit träfe man dort verstärkt auf Obdachlose aus dem Central Park von New York, klagt der Taxler. Angeblich habe die Stadt New York ihnen Flugtickets nach Miami spendiert, um so der wachsenden Zahl von Menschen ohne Wohnsitz Herr zu werden.

Schließlich ließe es sich in Floridas Parkanlagen entschieden wärmer überwintern als im eiskalten New York. Während so die Realität mit all ihren Absurditäten Stück für Stück näherrückt, fatamorganisiert sich die Oasis langsam im Rückspiegel des Wagens.

Informationen

Oasis of the Seas: Sieben Nächte östliche Karibik kosten in der günstigsten Kabine pro Person ab 1000 Euro je nach Buchungszeitraum. Nicht inbegriffen sind der Flug nach Miami, Getränke außer den nicht alkoholischen Tischgetränken, die Spezialitätenrestaurants, Spa- und Wellness-Benutzung, Landausflüge sowie Trinkgelder, www.RoyalCaribbean.de

Vor- und Nachreise: Vom 3. bis zum 6. Dezember lohnt eine Verlängerung zur Kunstschau Art Basel in Miami Beach. Das Ritz-Carlton South Beach in Miami bietet einen Beratungsservice, der bei der Auswahl von Partys, Events und Ausstellungen weiterhilft. DZ für drei Nächte inkl. Frühstück ab 490 Euro bis zum 15.12., www.ritzcarlton.com

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.153085
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 03.12.2009/kaeb
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.