Süddeutsche Zeitung

Bildband "Times Square in the Rain":Regenzeit in New York

Spencer Ostrander hat den Times Square bei schlechtem Wetter fotografiert. So bekommt der Platz eine ganz spezielle Aura.

Rezension von Stefan Fischer

Klar, die vielen Werbebotschaften, die von den Billboards am Times Square in New York blinken und leuchten, tauchen den Platz zu jeder Tages- und Nachtzeit in ein sehr spezielles Licht. Eine besondere Aura bekommt der Times Square aber vor allem dann, wenn es regnet. Dann glitzert er auf eine ganz betörende Art. Die Wassertropfen polieren das Licht auf, das sich in ihnen bricht und spiegelt. Sogar der Asphalt glimmt dann und das Blech der Fahrzeuge, als hätten sie Feuer gefangen, als würden sie glühen.

Zugleich verändert sich die Stimmung auf dem Times Square auch dadurch, dass etliche Passanten sich mehr oder weniger transparente Regenumhänge aus dünnem Kunststoff überziehen. Wie Geisterwesen stehen sie dann an den Ampeln oder huschen ihrer Wege, ihrer Konturen durch die Umhänge beraubt, die, wenn Wassertropfen an ihnen hinabrinnen, selbst wieder zu Lichtfängern werden. So beschreibt es die New Yorker Schriftstellerin Siri Hustvedt in ihrem Essay, der dem Fotoband "Times Square in the Rain" vorangestellt ist.

Dieser zeigt eine Serie von knapp einhundert Bildern, die der Fotograf Spencer Ostrander in den Jahren 2018 und 2019 aufgenommen hat. Explosionen in Rot, Pink, Orange, Gelb, Grün und Blau sind das, mitunter begrenzt oder gerahmt von einem tiefen Schwarz. Fotografien, von denen man einige auf den ersten Blick für Malerei halten könnte, so Siri Hustvedt.

Trotz dieser Farbenfreude liegt zugleich eine Melancholie in den Bildern, jedenfalls in einem Teil von ihnen. Wer steht schon gerne im Regen? Und so blickt man als Betrachter der Fotos in müde, leere, mitunter kummervolle Gesichter. Wobei es das Wetter allein nicht sein kann. Siri Hustved geht in ihrem Essay detailliert darauf ein, dass bei Regen die Touristen fernbleiben und dann nur noch Arbeiter und Streuner unterwegs seien. Der Times Square sei kein Ort der reichen Leute. Und die Werbebotschaften der Billboards mit ihren "Weil du es dir wert bist"-Kaufbotschaften leuchten Menschen ins Gesicht, die eher nicht auf der Gewinnerseite des Lebens und schon gar nicht des Spätkapitalismus stünden.

New York kann ein hartes Pflaster sein, das zeigt Spencer Ostrander in dieser Fotoserie. Und der Times Square ist ein besonders paradoxer Ort, mit seinen maßlosen Verheißungen und seinen in ihren Möglichkeiten eingeschränkten Passanten. Bei einigen Personen ist es schwer, ihnen länger als ein, zwei Sekunden ins Gesicht zu sehen, zu verletzlich wirken sie. Doch Ostrander stellt diese Menschen in seinen Fotografien nicht bloß. Er zeigt Momente, in denen sowohl Einzelnen als auch dem kompletten Times Square die Luft entweicht. In denen es nicht mehr darum geht, eine gute Figur zu machen, einen Schein zu wahren, sondern nur noch darum, möglichst trocken zu bleiben.

Oft sieht man auch gar keine Augen. Weil die Gesichter in den Kapuzen verschwinden oder die Menschen von hinten fotografiert sind. Weil Ostrander nur ihre Beine oder Arme oder ihren Torso ins Visier nimmt. Weil er die Magie eines Ortes einfangen will, der vieles nur indirekt zeigt und in Ausschnitten: hinter Scheiben oder in Spiegeln, doppelt und dreifach reflektiert. Wir sehen nicht das Eigentliche, sondern Abbilder, Schatten, verzerrt und weichgezeichnet durch Filter, seien es transparente Schirme oder Regenhauben, sei es das regennasse Glas von Autoscheiben. Eine Ausnahme ist jene Polizistin, die stoisch dem Wetter trotzend ihre Arbeit macht: die Dinge aufmerksam im Blick zu behalten. Bereit einzugreifen, wenn es notwendig werden sollte.

Die Aufnahme wirkt im Kontext der übrigen Fotografien regelrecht kurios. Weil was wir sehen und was offenbar auch diese Polizistin sieht, kaum greifbar ist. Konturen lösen sich auf, alles wird Farbe und Fläche, fließt ineinander. Die Nacht tut ihr Übriges. Nichts scheint mehr greifbar. Als würde sich die Realität auflösen. Und, ja, tatsächlich, als würden vor allem Geisterwesen den Times Square bevölkern, sobald es regnet. Auf der letzten Fotografie in dem Band sieht man einen Regenumhang auf dem nassen Pflaster liegen, wie die abgestreifte Haut eines Reptils. Oder eben wie ein Gespenst, das im nächsten Augenblick, beim nächsten Windhauch, davonschweben wird.

Davor jedoch hat man anderes gesehen: winkende Menschen und solche, die einen Zweiten beschirmen, ineinander greifende Hände und Arme, die sich um Hüften legen. Kleine Gesten der Zuneigung. Von Menschen, die sich in dem überwiegend warmen Licht womöglich sogar geborgen fühlen, mehr vielleicht als tagsüber bei Trockenheit.

Spencer Ostrander: Times Square in the Rain. Mit einem Essay von Siri Hustvedt. Hatje Cantz Verlag, Berlin 2022. 128 Seiten, 48 Euro.

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