Süddeutsche Zeitung

Gorillas im Kongo:Bei den Herren des Dschungels

Der Lebensraum der Gorillas in der Republik Kongo ist bedroht. Nun versuchen Umweltschützer, den Urwald zu retten. Denn nirgendwo sonst in Afrika leben so viele Primatenarten. Und Touristen können dabei helfen.

Von Winfried Schumacher

Was für ein niederes Wesen, der Mensch! Wie unbeholfen es durch den Dschungel kriecht und mit Schlingpflanzen und Ungeziefer kämpft. Neugierig blickt Pan, der Gorillajunge, auf die fünf Männer herab, die soeben in der Lichtung angekommen sind. Von einer Astgabel aus hat er beobachtet, wie sie sich eine Schneise durch das Dickicht schlugen, die Köpfe von Schweißbienen umschwirrt, die Arme von Termitenbissen übersät. Seit einigen Monaten tauchen fast täglich kleine Touristengruppen im Urwald von Ndzehi auf, die wegen Pans Familie kommen.

Die Menschenaffen scheint es schon gar nicht mehr zu stören. Die tollpatschigen Eindringlinge sind inzwischen Teil ihres Alltags. Sie werden neugierig beäugt, doch wenn sie zu nahe kommen, flüchten die Gorillas ins Unterholz. Zuvor stellt Pans Vater Neptuno, das Silberrücken-Männchen, mit Furcht einflößendem Gebrüll seine mächtigen Schultermuskeln zur Schau. Kein Zweifel, wer hier Herr im Dschungel ist.

Gabin Okele wischt sich den Schweiß von der insektenumschwirrten Stirn. Okele führt die Touristen zu den Gorillas, er trägt eine Atemschutzmaske, wie auch seine Kunden. Das soll verhindern, dass ansteckende Krankheiten in den Lebensraum der Gorillas eingeschleppt werden. Um die Tiere nicht unnötig zu stören, dürfen Besucher nie länger als eine Stunde in ihrer Nähe bleiben und müssen einen Mindestabstand von sieben Metern einhalten.

Scharfe Augen, viel Erfahrung und Geduld

Die Gorilla-Familie im dichten Tropenwald zu finden, ist nicht einfach. Niedergedrückte Blätter und abgebrochene Pflanzenstängel weisen dem Kongolesen die Spur. "Ich habe früh gelernt, die Fährten der Tiere zu lesen", erzählt der 33-Jährige. Bis vor Kurzem machte er Jagd auf Pinselohrschweine. Seit Touristen in den Odzala-Nationalpark kommen, arbeitet er als Fährtenleser. "Man braucht scharfe Augen und sehr viel Erfahrung", sagt Okele. "Mit Geduld finden wir sie aber immer."

Im vergangenen Sommer öffnete die Ngaga-Lodge, Okeles neuer Arbeitgeber. Die Lodge liegt einige Kilometer außerhalb des Nationalparks im Nordosten der Republik Kongo, unweit der Grenze zu Gabun. Sie wurde gebaut, um Touristen die Möglichkeit zu geben, den bedrohten Westlichen Flachlandgorilla in der Wildnis zu beobachten. Die sechs Chalets sind im Stil von Pygmäen-Hütten gehalten: mit Palmwedeln gedeckt, auf Stelzen gebaut. Von der Veranda blickt man auf eine Lichtung. Zwischen den Chalets wachsen Marantaceae-Blätter, die Leibspeise der Gorillas.

Für die Republik Kongo, das ehemalige Französisch-Kongo, ist die Öko-Lodge ein Novum. In dem krisengeschüttelten Land am Äquator spielte der Tourismus bislang keine wichtige Rolle. Zwar gibt es hier einige der artenreichsten Waldschutzgebiete der Erde, es ist seit Jahren politisch stabiler und für Reisende bei Weitem weniger gefährlich als sein großer Nachbar auf der anderen Seite des Kongo-Stroms, die Demokratische Republik Kongo. Dennoch besuchen bislang selbst hartgesottene Naturtouristen nur selten die Urwälder des Landes.

Um das zu ändern, haben das kongolesische Tourismusministerium, die Umweltschutzorganisation Congo Conservation Company und das südafrikanische Safariunternehmen Wilderness gemeinsam zwei Lodges im Odzala-Nationalpark bauen lassen. Auch anderswo tut sich einiges. Mehrere deutsche Reiseveranstalter hatten 2012 die Republik Kongo erstmals im Angebot. Im Oktober wurde die deutsche Botschaft in der Hauptstadt Brazzaville wiedereröffnet. Sie war seit 1997 geschlossen, nachdem die Büros im Bürgerkrieg geplündert worden waren. Das Auswärtige Amt warnt immer noch vor Reisen in Teile der Demokratischen Republik Kongo, nicht jedoch in die Republik Kongo.

Der Odzala-Nationalpark ist wegen seiner vielfältigen Landschaften einer der artenreichsten Afrikas. In seinen Urwäldern, Sumpfgebieten und Savannen kommen rund 450 Vogelarten vor - in etwa so viele wie in der Bundesrepublik. Mantelaffen, Weißnasenmeerkatzen, Goldene Bärenmakis: Nirgendwo sonst in Afrika leben so viele Primatenarten, elf tagaktive und sechs nachtaktive. Und keine Region in Zentralafrika hat eine dichtere Population an Westlichen Flachlandgorillas - bis zu 125.000 Tiere leben in der Region. "Manchmal braucht man allerdings Geduld, um die Tiere zu sehen", sagt Sandra Schönbächler, die Managerin der Organisation Congo Conservation. Schließlich ist alles dicht bewachsen.

Mit der Dämmerung erwacht im Nationalpark das Leben. Am Waldrand hocken Palmgeier auf Ästen, Buschböcke trauen sich langsam aus dem Unterholz. Irgendwo lärmt ein Riesenturako. Kurz vor Sonnenuntergang hat Schönbächler eine Elefantenfamilie erblickt, die im meterhohen Savannengras fast unentdeckt blieb, obwohl sie nur ein paar Meter von dem Geländewagen entfernt steht. Elfenbein-Wilderei werde im Nationalpark zunehmend zum Problem, sagt Schönbächler. Doch das Odzala-Projekt könne helfen, den bedrohten zentralafrikanischen Regenwald zu erhalten: Der Tourismus, sagt sie, schaffe Arbeitsplätze für die einheimische Bevölkerung und helfe so, die Rodung des Waldes und Wilderei zu verhindern.

Eher Luxustourismus als Ökotourismus

"Die Wilderei ist tatsächlich das größte Problem für die heimische Tierwelt", sagt auch Torsten Bohm. Der Biologe forscht seit 2008 für das Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung im Nationalpark. "Die Elefantenpopulation ist zwar sehr groß, aber trotz massiver Schutzbemühungen werden Tiere abgeschlachtet. Die Wilderer brennen auch die Savanne nieder, um bessere Sicht zu haben." Bohm beobachtet mit Sorge, wie in Zentralafrika immer mehr Wald verschwindet und Rohstoffe geplündert werden. Auch der Ndzehi-Urwald, in dem nun wenige Kilometer außerhalb des Nationalparks Touristen Gorillas beobachten, wurde vor Jahren von einem chinesischen Holzfällerunternehmen aufgekauft.

Seit 2011 läuft für 25 Jahre der Vertrag, der der Congo Conservation Company in dem Gebiet die Rechte für das Gorilla-Tracking zuteilt. Der Holzbestand des Gebiets erscheint den Chinesen derzeit nicht ertragreich genug - wohl deshalb ließen sie sich auf den Pachtvertrag und die touristische Nutzung des Waldes ein. Wenn das Tourismus-Projekt scheitert, könnte der Urwald aber letztlich doch noch abgeholzt werden.

Schönbächler ist davon überzeugt, dass die beiden Lodges helfen werden, die Tierwelt zu schützen. Und dass das Projekt zugleich der Bevölkerung nutzt. Mehr als 200 Einheimische hätten beim Aufbau der Camps Arbeit gefunden, 25 haben nun dauerhaft eine Stelle. Für Torsten Bohm, den Biologen, ist das Projekt dennoch ambivalent. "Das ist eher Luxustourismus als Ökotourismus", sagt er. Und mehr Straßen im Park, um Gäste zu den Lodges zu bringen, bedeuten natürlich auch mehr Störung für die Tiere. Aber auch der Zoologe sieht kaum Alternativen. "Mir wäre es natürlich lieber, wenn alles unberührt bliebe, aber der Park braucht Touristen und mehr Aufmerksamkeit."

"Es ist besonders wichtig, möglichst viele Einheimische einzustellen und in das Projekt einzubinden", sagt Magda Bermejo. Seit 1994 erforscht die Primaten-Expertin von der Universität Barcelona die Gorillas im Odzala-Nationalpark. "Die Menschen hier haben eine emotionale Beziehung zu ihren Gorillas. Es ist ein gutes Nebeneinander, und der Schutz der Tiere ist den Einheimischen wichtig. Das ist etwas Besonderes in Zentralafrika."

In anderen Regionen werden Gorillas gewildert und als Bush Meat auf den örtlichen Märkten angeboten. Als vor zehn Jahren im nahe gelegenen Waldgebiet von Lossi Ebola unter den Gorillas ausbrach, musste Bermejo mitansehen, wie die Tiere massenhaft starben. 95 Prozent des Bestandes fielen dort der tödlichen Krankheit zum Opfer. "Die Einheimischen sorgten sich um die Gorillas, obwohl die Seuche für sie selbst lebensbedrohlich war", erzählt Bermejo, "sie haben ein Mitgefühl für die Tiere."

Im Urwald von Ndzehi ist es Nacht geworden. Etliche Fledermäuse und schwalbengroße Nachtfalter schwirren durch das fahle Mondlicht. Irgendwo heult eine Hyäne. Pans Familie hat sich längst im Marantaceae-Gebüsch ein Blätternest zurechtgemacht und schlummert dicht zusammengekauert. Am frühen Morgen werden sich die Gorilla-Tracker auf die Suche nach der Schlafstätte im Unterholz machen. Und wenn er gut gelaunt ist, wird Pan wieder artig für die Fotos der Touristen posieren. Wie nun fast jeden Tag.

Informationen

Anreise: zum Beispiel mit Ethiopian Airlines von Frankfurt über Addis Abeba nach Brazzaville, hin und zurück ab 1200 Euro, www.ethiopianairlines.com

Unterkunft: Die Odzala Camps von Wilderness Safaris, Lango Camp und Ngaga Camp bieten die einzige Unterkunftmöglichkeit in der Gegend, www.odzala-kokoua.com; Das Gorilla-Tracking im Odzala-Nationalpark kostet für 7 Tage/6 Nächte mit Abholung im Buschflieger von Brazzaville ab 4948 Euro pro Person.

Weitere Auskünfte: Wilderness Safaris, www.wilderness-safaris.com; Afrikarma Safaris ist auf Reisen in entlegene Gebiete Afrikas spezialisiert und hat auch die Republik Kongo im Programm, www.afrikarma.de

Hinweis der Redaktion: Die Recherchereisen für diese Ausgabe wurden zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen.

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Quelle:
SZ vom 06.06.2013/cag
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