Süddeutsche Zeitung

Kolumne "Ende der Reise":Fliegt mit Ryanair, rettet die Welt!

Flugscham mal anders: Die Billigfluglinie gibt sich überraschend umweltbewusst - bis die Werbeaufsicht einschreitet.

Fliegen, Kinder, das war einmal was Mondänes! Es wies den Fliegenden als weltläufig, kosmopolitisch und ja, auch wohlhabend aus. Lange vorbei. Seit jeder fürs Wochenende mal schnell zum Spottpreis nach Lissabon oder Berlin jetten kann, bisschen gut essen, bisschen Party machen, hat die Fliegerei erheblich an Schönheit eingebüßt.

Das ist aber nichts im Vergleich zum Thema Nachhaltigkeit. Dieses auch nicht gerade sexy Wort drängt mit Greta und ihren Jüngern und Jüngerinnen so machtvoll in die schöne Welt des Billigflugs, dass ... nein, natürlich nicht weniger geflogen wird, wo kämen wir da hin? Aber es führt dazu, dass die Flugbranche als CO₂-Schleuder, die sie ja ist, herausgestellt und angeprangert wird.

Das böse Wort Flugscham macht die Runde, doch damit man sich richtig schämen kann, muss man zuerst mal fliegen. Bevor jetzt aber Mitleid aufkommt mit uns schamvoll Fliegenden, sollte man den Blick mal auf die Fluggesellschaften lenken, die es wahrlich auch nicht leicht haben. Gut, deren Börsenwert steigt und viele von ihnen fliegen ein Rekordergebnis nach dem anderen ein.

"Zu Ryanair wechseln und CO₂-Fußabdruck halbieren"

Aber sonst läuft es ihnen gerade nass rein: Corona lässt ganze Lufträume zum Erliegen kommen, und jetzt auch noch der Sturm Ciara, zu Deutsch Sabine: Hunderte Flugzeuge blieben auf dem Boden und, genau, stießen dadurch kein CO₂ aus! Es wundert einen, dass die Marketingverantwortlichen der Fluglinien das noch nicht ausschlachten: "Klimaschutz: Lufthansa spart durch Nichtfliegen Millionen Tonnen CO₂ ein!"

Wer das absurd oder gar abwegig findet, der sollte auf die britischen Inseln blicken, wo die Fluglinie Ryanair ihren Sitz hat. Der wurde gerade von der britischen Werbeaufsicht (ASA) verboten, sich als ökologischste Fluglinie zu bezeichnen - als "Fluggesellschaft mit den niedrigsten CO₂-Emissionen aller größeren Airlines". Die ASA verbot das nun mit der Begründung, das dies nicht ausreichend belegt und zudem nicht klar sei, mit wem genau man sich vergleiche.

"Enttäuscht und überrascht" sei man über diese Entscheidung, sagte eine Ryanair-Sprecherin. Man habe mit den Anzeigen eine wichtige Botschaft an die Kunden vermitteln wollen. Sie meinte damit wohl die engen Sitzabstände in Kombination mit relativ neuen, effizienten Flugzeugen, die zu einem geringeren CO₂-Ausstoß pro Passagier führen, und fügte laut ntv hinzu: "Die wichtigste einzelne Sache, die jeder Verbraucher tun kann, um seinen CO₂-Fußabdruck zu halbieren, ist, zu Ryanair zu wechseln."

Der Satz könnte von Trump stammen. Great! Dass Ryanair mit Kampfpreisen und neuen Strecken Millionen Menschen zum Fliegen bewegt, die sonst nicht geflogen wären - geschenkt. Es ist einfach ein schönes Gefühl zu fliegen und dabei was fürs Klima zu tun!

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Quelle:
SZ vom 13.02.2020/kaeb
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