Süddeutsche Zeitung

Hotel in Berlin:Schick schlafen im Telegraphenamt

Einst lief hier die Rohrpost von ganz Berlin durch, heute kann man im früheren Telegrafenamt essen und übernachten. Borchardt-Chef Roland Mary inszeniert einen neuen Hauptstadt-Hotspot.

Von Verena Mayer, Berlin

In Berlin kann man keinen Schritt tun, ohne auf Geschichte zu stoßen. Das kann bedrückend sein, weil zwei Diktaturen ihre Spuren in der Stadt hinterlassen haben. Es kann aber auch beglückend sein, weil es an jeder Ecke ein altes Gebäude gibt, das geradezu danach schreit, neu genutzt zu werden. Ob man vor einem Weltkriegsbunker, einem Heizkraftwerk, einer Brauerei oder der früheren Zentrale des DDR-Transportwesens steht - es ist fast sicher, dass man darin entweder eine Kunstsammlung, einen Club, Start-ups oder eine Ansammlung von Ateliers und Proberäumen finden wird.

Die irrsten Relikte der Geschichte aber hat sich der Tourismus geschnappt. Ein schlossartiges Gründerzeitschwimmbad in Prenzlauer Berg - heute ein Hotel. Das kühle Gebäude im Bauhausstil, das einst Parteizentrale der SED war - heute ein Hotel. Ein Frauengefängnis aus Backstein im Berliner Westen - heute ein Hotel.

Das frühere Haupttelegrafenamt Berlin ist da keine Ausnahme. Ein neobarockes Gebäude in der Nähe der Museumsinsel, das von seinen Dimensionen her auch ein Ministerium oder ein Landgericht sein könnte. Anfang des 20. Jahrhunderts war das gewissermaßen Deutschlands Kommunikationszentrale, hier wurde telegraphiert, es wurden Ferngespräche vermittelt oder Telegramme angenommen. Die Spuren davon sind noch überall zu finden. In der Lobby und im Untergeschoss sieht man alte Holztische und Schaltverbindungen, auf den Hotelzimmern stehen schwarze Wählscheibentelefone neben den Betten.

400 Kilometer Rohrpostleitungen - das Internet des 19. Jahrhunderts gewissermaßen

Vor allem aber sind da zahlreiche Metallrohre, die mit Worten wie "Annahme" oder "Amtszimmer" beschriftet sind. Denn hier lief auch Berlins Rohrpostanlage durch. Ein insgesamt 400 Kilometer langes Netz aus Rohren, durch die einst mit Luftdruck Kartuschen mit Nachrichten überallhin in der Stadt gejagt wurden - das Internet des 19. und frühen 20. Jahrhunderts gewissermaßen.

Der Kopf ergänzt dazu Bilder von Leuten, die an Apparaten herumstöpseln, oder von Fräuleins vom Amt, die Gespräche vermitteln, und man bekommt sofort Lust, ein paar Staffeln "Babylon Berlin" über die goldenen Zwanzigerjahre zu gucken. Was nicht heißt, dass sich dieser Ort nicht als Hotel eignen würde. Das Erste, worauf man stößt, sobald man durch die Eingangshalle mit der denkmalgeschützten Kappendecke geht, ist ein Tresen mit hohen Stühlen, der sich fast durch den gesamten Raum zieht - das Kommunikationszentrum der Zwanzigerjahre des 21. Jahrhunderts ist eine Bar.

Das liegt auch am Betreiber des Hotels Telegraphenamt, Roland Mary. Der Name sagt Menschen außerhalb von Berlin wahrscheinlich erst einmal nicht viel, sehr wohl aber das Lokal, das er aufgezogen hat: das Borchardt. Das Restaurant in Berlin-Mitte mit seinen roten Polsterbänken, in dem zu jeder Tages- und Nachtzeit Politikerinnen, Medienleute, Fußball- und Filmstars essen oder feiern, als gäbe es kein Morgen. Roland Mary sitzt nun in Jeans und dunklem Samtjackett auf einem der schlichten Sessel hinter der Bar. Er ist etwas kaputt, die Berlinale mit ihren Partys, von denen viele im Borchardt ausklangen, steckt ihm in den Knochen.

"Wir dachten einfach, das könnte gut sein"

Mary hat eine sehr berlinerische Biographie. Ehe er zu einer Schlüsselfigur der Hauptstadtszene wurde, hat er in einer Kommune gelebt und die Welt bereist. Auf die Frage, wie er auf die Idee kam, jetzt noch ein Hotel aufzuziehen, kommt dann auch eine sehr berlinerische Antwort: Er hatte einfach Lust darauf. "Wir sind eher so hemdsärmelig und setzen uns nicht hin und machen Zielgruppenanalysen. Wir dachten einfach, das könnte gut sein, und dann haben wir das gemacht."

Aber natürlich habe ihn auch das Gebäude gereizt. Der schnörkellose Bau, die Geschichte, die damit verbunden ist. "Man hat eine andere Beziehung zu Dingen, die bereits benutzt wurden." Er selbst kannte den Ort noch aus Berlins wilden Jahren. Nach der Wende wurde das Gebäude, das zu DDR-Zeiten ebenfalls als zentrales Post- und Fernmeldeamt gedient hatte, erst einmal zwischengenutzt. Mary erinnert sich an einen Club. Danach zog die Telekom ein und später wieder aus. Irgendwann übernahm das Haus dann ein Investor, und nun wurde es in ein Hotel mit etwa 100 Zimmern und einigen Maisonetten umgewandelt.

Das alles passierte in dieser Mischung aus Industriecharme, minimalistischem Design und Mid-Century-Elementen, wie man sie gerade überall findet und die sich an ein internationales junges Publikum richtet. Das dürfte sich auch im Restaurant abgeholt fühlen, in dem zwischen rohen Backsteinwänden und einer mit Lampion-artigen Lampen bestückten Glasdecke Sashimi auf riesigen Schieferplatten serviert wird. Demnächst soll das Hotel noch um einen privaten Club erweitert werden, in dem sich teuer Geld zahlende Mitglieder vernetzen oder auf 1200 Quadratmetern Yoga und Wellness machen können.

Vieles im Telegraphenamt wirkt überambitioniert, und man vermisst die gelassene Selbstverständlichkeit eines etablierten Hotels. Aber die Eingangshalle mit den alten Rohren und der minimalistischen Hotelbar hat das Zeug zu einem Hauptstadt-Hotspot. Nicht nur, weil es hier so wuselig zugeht und man unzählige Sprachen hört. Sondern weil man im Hier und Jetzt ist und gleichzeitig umgeben von den Spuren der Geschichte. Es ist ein Ort, an dem Gegenwart und Vergangenheit zusammenfallen, genau das, was Berlin ausmacht.

Hotel Telegraphenamt, Monbijoustraße 11. Übernachtung im Doppelzimmer ab 213 Euro, in der Maisonette ab 533 Euro.

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