Süddeutsche Zeitung

Bergsport:Vollgas durch die Alpen

Früher hatten Bergsteiger Respekt vor dem Berg, heute rennen perfekt ausgerüstete Zeitoptimierer durch den Freizeitpark Alpen - rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr. Ein Trend, der nicht nur problematisch ist.

Von Dominik Prantl

Vielleicht muss man, um den modernen Bergsport zu verstehen, einfach einmal mit Manfred Lorenz reden. Lorenz ist schon mehr als ein halbes Jahrhundert in den Bergen unterwegs, er ist eine Ikone des Bergführerwesens. Seine Familie betreibt ungefähr seit der letzten Eiszeit die Jamtalhütte bei Galtür, er selbst ist nun einer von zwei Geschäftsführern des Bergreiseveranstalters DAV Summit Club. Lorenz liebt die Berge und weiß doch, wie brutal sie sein können. Zwei Familienangehörige starben bei dem Lawinenunglück 1999 in Galtür unter den Schneemassen.

Im Treppenaufgang seines Hauses hängt "Der Wanderer über dem Nebelmeer" von Caspar David Friedrich, ein Sinnbild der Romantik, das Faszination wie Schrecken der Berge gleichermaßen zeigt. Wenn Lorenz spricht, dann redet er leise, zurückhaltend und überlegt, seine Sätze beginnt er gerne mit: "Ich sag jetzt einfach einmal." Lorenz sagt jetzt also einfach einmal: "Die Trips der Leute in den Bergen werden immer kürzer. Und sie werden eher sicherer."

Um Lorenz zu verstehen, muss man vier, fünf Jahrzehnte zurückgehen, in eine Zeit, in der es in den Bergen keine Handys gab, kein GPS und oft selbst der Kletterhelm als überflüssiger Krimskrams abgetan wurde. Der Berg galt noch eher als das Terrain von naturverbundenen Abenteurern auf der Suche nach Anarchie und weniger als das von Fitnessfreaks auf der Flucht vor dem Büro. Und weil es eben eine Suche war und keine Flucht, durfte ein Bergausflug auch gerne einmal ein paar Tage länger dauern, im Zweifel auch mit Notbiwak am Fuß der zu erkletternden Wand. "Zu meinem Vater kamen die Leute früher oft für zehn Tage auf die Hütte. Das gibt es kaum noch."

Dafür sind heute viel mehr Menschen in den heimischen Bergen unterwegs. Allein der DAV Summit Club verzeichnet laut Lorenz bei Touren im Alpenraum schon seit einiger Zeit jedes Jahr ein Plus von etwa 20 Prozent, die Mitgliederzahl des Deutschen Alpenvereins ist in den vergangenen zehn Jahren von rund 750.000 auf derzeit fast 1,2 Millionen geschnellt. Dafür sind die Menschen oft nur kurz da. "Man bewegt sich inzwischen eher stundenweise in den Bergen", sagt Lorenz.

Vielleicht muss man deshalb, um den modernen Bergsport zu verstehen, auch einfach einmal an die Nordkette nach Innsbruck fahren. Die Nordkette ist die südlichste Gipfelzeile des Karwendelgebirges; sie erhebt sich wie eine Wand aus Kalk im Norden der österreichischen Stadt und bietet für jeden Berggänger etwas. Im unteren Bereich, bereits knapp oberhalb der letzten Häuser, ziehen sich breite Forstwege für Gelegenheitsbergradler und Sonntagswanderer durch Bäume und über Almen; darüber beginnt die Zone der sportlich Ambitionierten.

Der Berg als Fitnessstudio

Hier wird je nach Jahreszeit in Scharen Ski gefahren, mit dem Gleitschirm geflogen, im Klettergarten geklettert, auf Firngleitern gerutscht (österreichisch: figln), mit dem Mountainbike auf Trails hasardiert oder den Grat entlang an einem Stahlseil gehangelt.

Einer wie Manfred Lorenz sagt: "Der Berg wird heute zum Fitnessstudio. Mit traditionellem Bergsport hat das nichts mehr zu tun."

Der moderne Bergmensch ist weniger Müßiggänger als Zeitoptimierer. Daher wundert es wenig, dass Geschwindigkeit oder zumindest eine möglichst hohe Trainingsintensität zum bestimmenden Element geworden sind. Als Bergtrends der vergangenen Jahre taten sich vor allem Feierabenddisziplinen wie Trailrunning, Sportklettern oder Pistenskitouren hervor, die den Bergbahn- und Hallenalpinisten den maximalen Energieverbrauch bei möglichst geringem Risiko garantieren.

Rauf, alkoholfreies Weißbier, runter - und am besten gleich anschließend die per App dokumentierte Leistung den Freunden in sozialen Netzwerken verkünden. Denn der Bergmensch ist nicht nur risikobewusst und leistungsorientiert, sondern freilich auch narzisstisch veranlagt. Dadurch die richtigen Verhaltensweisen zu lernen, wenn es einmal in wirklich unwegsames oder gar gefährliches Gelände führt, ist freilich schwierig.

"Der Berg wird zum reinen Turngerät"

Viele erfahrene Berggeher wundern sich über die neue Spezies. Axel Doering zum Beispiel. Doering war früher Förster im Classic-Skigebiet bei Garmisch, heute ist er Vizepräsident der Alpenschutzkommission Cipra Deutschland und Sprecher des Bund Naturschutz Arbeitskreis Alpen. Man darf davon ausgehen, dass der 70-Jährige nichts dagegen hat, dass sich Menschen in der Natur bewegen, im Gegenteil. Er hat ja früher selbst genug Zeit draußen verbracht. Aber manchmal wundert er sich, was da vor sich geht. "Der Berg", sagt Doering, "wird zum reinen Turngerät".

Früher sei es nämlich so gewesen: Und fünf Uhr nachmittags, wenn der Großteil der Skifahrer und Wanderer den Heimweg antrat, da habe "himmlische Stille" geherrscht, selbst an den viel besuchten Ausflugszielen. Aber dann seien die Bergläufer gekommen und dann die Mountainbiker und später die Tiefschneefahrer und Schneeschuhgeher, die jetzt quer durchs Gelände rasen und stapfen, während die Gleitschirmflieger darüber kreisen - von Spaßeinrichtungen wie Aussichtsplattformen und Seilrutschen ganz zu schweigen. Selbst die alten versteckten Jagdsteige könne heute jeder gehen, sobald sie ein mitteilungsbedürftiger Wanderer als Tour ins Internet gestellt hat. Inzwischen herrscht 365 Tage im Jahr an 24 Stunden Betrieb - und das auch noch in den letzten Winkeln der Berge. "Dabei braucht doch die Fauna auch ihre Regenerationszeiten", meint Doering.

Manfred Lorenz, der nachdenkliche Bergführer-Reiseveranstalter-Chef, sieht auch die positiven Seiten der neuen Bergwelt. Zum Beispiel das höhere Sicherheitsbedürfnis der Wanderer und Bergsteiger. Inzwischen sei es für viele selbstverständlich, vor einer Tour das Wetter und den Lawinenlagebericht zu prüfen. Dies hängt natürlich auch mit dem technischen Fortschritt und den besseren Möglichkeiten zusammen. "Heute besteht die Herausforderung eher darin, aus dem Überangebot an Informationen und Foren im Internet das richtige zu finden", so Lorenz.

Gestern Mountainbike, heute Klettersteig, morgen Hochtour

Durch die neuen Möglichkeiten - vom lokalen Wetterbericht auf dem Smartphone über die perfekte Hardshelljacke bis zum Notruf mit gut funktionierender Rettungskette - hat der Berg auch an Schrecken eingebüßt. Was früher Drohkulisse war, gilt heute als Freizeitpark. Nur zu gerne stellen Sportartikelhersteller und Tourismusgemeinden im alpinen Raum die positiven Effekte der Berge auf Kopf und Körper heraus und versuchen, mit diversen Bergsportangeboten auch die Randzeiten zu füllen. Der Tourenskihersteller Dynafit ruft etwa im Winter unter dem Schlagwort "Nachtspektakel" zum abendlichen Pistentouren mit Stirnlampe auf - was sich für Dynafit wie für die Hüttenbetreiber als gutes Geschäft entpuppt. Diverse Anbieter paaren Klettern mit Yoga und greifen dadurch eine noch größere Zielgruppe ab. Und kaum eine Region mag mehr auf Klettersteige verzichten, jenen perfekten Anreiz für Wanderer, denen der bloße Berghatsch zu langweilig geworden ist.

Spontan und vielseitig ist der moderne Bergsportler nämlich auch noch, und längst haben die Bergreiseveranstalter auf die Bedürfnisse ihrer Kunden reagiert. Die Alpinschule Innsbruck lässt bei bestimmten Reiseangeboten den genauen Programmablauf beispielsweise bewusst offen, damit sich jeder Teilnehmer kurzfristig entscheiden kann: gestern Mountainbike, heute Klettersteig, morgen Hochtour. Zugleich ist die Erwartungshaltung gestiegen, wie Lorenz als Chef des DAV Summit Club weiß: "Wenn mal etwas nicht klappt, geht es schnell in Richtung Regress."

Ob ein Ende in Sicht ist? Lorenz meint: "Ich sag' jetzt einfach einmal, dass diese Entwicklung so weitergehen wird."

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