Um den Verfall der Artenvielfalt zu stoppen, will die Weltgemeinschaft bis 2030 wenigstens 30 Prozent der Erde schützen.

Ausgerechnet für die indigenen Völker ist das keine gute Nachricht.

UN-Naturschutzkonferenz in Montreal

Schutzgebiete ohne Beschützer?

Um den Verfall der Artenvielfalt zu stoppen, will die Weltgemeinschaft bis 2030 wenigstens 30 Prozent der Erde schützen.

Ausgerechnet für die indigenen Völker ist das keine gute Nachricht.

UN-Naturschutzkonferenz in Montreal

Schutzgebiete ohne Beschützer?

3. November 2022 - 6 Min. Lesezeit

Anfang Juni tauchten die Grenzpfähle auf. 1500 Quadratkilometer waren auf einmal abgesteckt, östlich der Serengeti. Die Massai, die bis dahin dort gelebt hatten, sollten nun gehen, so wollte es die tansanische Regierung. Doch das Nomadenvolk dachte gar nicht daran, hatten doch seine Vorfahren dort schon Vieh weiden lassen. Sie zogen die Pfähle einfach wieder heraus.

Am nächsten Morgen rückten Polizisten an. Mit Tränengas und scharfer Munition vertrieben sie Tausende Massai samt deren Rinderherden.

Sie wollen in dem Bezirk Loliondo ein neues Schutzgebiet errichten. Nach dem Willen der tansanischen Regierung soll es Touristen anlocken; ein Unternehmen aus den Vereinigten Arabischen Emiraten besitzt eine Jagdlizenz für die Region. "Unter dem Vorwand des Artenschutzes hat die Regierung die Massai förmlich aus ihrem Land geworfen", sagt Krystyna Swiderska vom Internationalen Institut für Umwelt und Entwicklung in London.

Einige Massai erinnern sich noch daran, wie einst Schutzgebiete ausgewiesen wurden und schließlich sie, die indigene Bevölkerung ausgesperrt wurden. So war es in der Serengeti, aber auch im Kruger-Nationalpark in Südafrika und einigen anderen Nationalparks Afrikas.

Wiederholt sich die Geschichte?

Das befürchten nicht nur die Massai in Tansania, sondern viele indigene Gruppen aus aller Welt. Der Grund: Mehr als 100 Länder – darunter Deutschland – fordern, bis zum Jahr 2030 30 Prozent der Erdoberfläche unter Schutz zu stellen. Und damit den Anteil der Schutzflächen auf der Welt fast zu verdoppeln. Das soll den Verfall von Ökosystemen und Artenreichtum stoppen.

Durchaus möglich, dass sich auf der UN-Naturschutzkonferenz im kanadischen Montreal im Dezember alle 196 Mitgliedsstaaten der Biodiversitätskonvention auf den Vorschlag einigen.

Allerdings regt sich Widerstand. Ausgerechnet von denjenigen, die seit Generationen für den Erhalt der Natur kämpfen und das manchmal unter Einsatz ihres Lebens: die indigenen Völker, die rund eine halbe Milliarde Menschen auf der Erde stellen und ein Viertel der Landoberfläche bewohnen.

Sie befürchten, durch das neue Rahmenwerk gezwungen zu werden, ihre Lebensweise anzupassen, sie könnten ihre Rechte verlieren oder gar aus ihren angestammten Gebieten ausgeschlossen werden.

Sie befürchten, durch das neue Rahmenwerk gezwungen zu werden, ihre Lebensweise anzupassen, sie könnten ihre Rechte verlieren oder gar aus ihren angestammten Gebieten ausgeschlossen werden.

Denn sie bewohnen die Regionen mit der größten Artenvielfalt und gerade diese sind die aussichtsreichsten Kandidaten für neue Schutzgebiete. Strikte Naturschutzregeln für einen "erheblichen Anteil" davon, so eine Formulierung im Entwurf für den Rahmenvertrag, könnten die Freiheit der indigenen Gruppen einschränken. "Für sie ist das 30-mal-30-Ziel sehr beunruhigend", sagt Krystyna Swiderska. "Denn bis heute dominiert in der Welt der Ansatz, dass Regierungen für Schutzgebiete verantwortlich sind, diese kontrollieren und die Regeln bestimmen, was dort gemacht werden darf."

Wer schützt die Natur besser? Die Regierungen einzelner Länder oder die indigenen Völker?

In den Verhandlungen in Montreal wird es deshalb auch um eine Grundsatzfrage gehen. Wer ist der effektivste Bewahrer der Natur? Die Regierungen der einzelnen Länder oder die indigenen Völker?

Jocelyne Sze von der Universität Sheffield wollte genau das herausfinden. Die Umweltwissenschaftlerin verglich Karten von Schutzgebieten rund um den Äquator mit Karten von Gebieten von indigenen Gruppen und berechnete anhand von Satellitendaten, wie stark die Gebiete Wald verloren oder sich ihr Zustand verschlechtert hatte.

Das Ergebnis erschien Anfang des Jahres im Fachjournal Nature Sustainability: Über die gesamten Tropen hinweg ging in den Gebieten der indigenen Gruppen ein Fünftel weniger Wald verloren als in den ungeschützten Gebieten. Am besten schnitten die Gebiete ab, die zugleich von Indigenen bewohnt waren und unter Schutz standen, schildert Sze in einer aktuellen Nachfolgestudie in Current Biology, in der sie sich noch genauer die Folgen für die Umwelt angesehen hat.

Ähnliches konnte schon eine PNAS-Studie aus dem Jahr 2020 für den Amazonas-Regenwald nachweisen.

Dort, wo indigene Gruppen die vollen Eigentumsrechte über ihr Gebiet besitzen, wird deutlich weniger Wald abgeholzt.

Dort, wo indigene Gruppen die vollen Eigentumsrechte über ihr Gebiet besitzen, wird deutlich weniger Wald abgeholzt.

"Indigene Völker erklären seit Jahrzehnten, dass sie die besten Hüter ihrer Heimat sind", erklärte Sze in einer Mitteilung ihrer Universität. "Und unsere Ergebnisse bestätigen diesen Punkt."

Auch wenn die Kulturen der indigenen Völker sehr verschieden seien, so würden sie in den allermeisten Fällen doch dieselben Werte im Umgang mit der Natur teilen, erklärt Krystyna Swiderska. Die britische Expertin für traditionelles Wissen reist seit 17 Jahren nach Südamerika, Afrika und Asien, um dort insgesamt elf indigene Gruppen zu besuchen. "Indigene Völker und traditionelle Gemeinschaften auf der ganzen Welt haben eine sehr enge Beziehung zur Natur", sagt sie. "Nicht nur, weil ihre Lebensgrundlage davon abhängt, sondern auch in religiöser Hinsicht."

So vertreten etwa die Quechua im Nordwesten der peruanischen Andenstadt Cusco die Sicht, dass die Welt aus drei Teilen besteht.

So vertreten etwa die Quechua im Nordwesten der peruanischen Andenstadt Cusco die Sicht, dass die Welt aus drei Teilen besteht.

Der Mensch samt seiner Nutztiere und Getreideflächen in den Tälern, die wild lebenden Pflanzen und Tiere in den Bergen sowie alles Heilige, das sich in den Gipfeln, in den Seen oder sakralen Stätten befindet. Nur wenn sich alle drei Elemente im Gleichgewicht hielten, sei das Wohl des Menschen möglich.

Ganz ähnliche Konzepte fand Swiderska auch in Kenia, China und Indien wieder. Indigene Gruppen rund um die Welt hätten sich selbst Regeln für eine nachhaltige Nutzung ihrer Gebiete gegeben, um dafür zu sorgen, dass natürliche Lebensräume und Artenvielfalt erhalten bleiben. Etwa indem sie es in manchen Gebieten und zu manchen Jahreszeiten verbieten, zu jagen, zu ernten oder Bäume zu fällen oder Obergrenzen setzen.

Doch nicht jede indigene Gruppe von heute lebt noch so naturverbunden wie ihre Vorfahren. Der Anpassungsdruck durch die moderne Welt, die Regierungen oder Armut ist groß.

"Das 30x30-Ziel muss nicht notwendigerweise schlecht sein"

Joseph Ogutu kennt das Gebiet der der Massai seit Jahren. Erst Ende September war der Biostatistiker von der Universität Hohenheim wieder dort. Er untersucht die Migration der Gnuherden von Kenia nach Tansania und wieder zurück. Die Region, aus der die Massai nun ausgesperrt wurden, sei sehr wichtig für die Migration, erklärt er. Vielerorts sei eine solche dort aber gar nicht mehr möglich. "An vielen Orten findet man überhaupt keine Wildtiere mehr."

Das Problem: Die Bevölkerung der Massai sei "exponentiell" gewachsen.

Und mit ihr die Zahl an Ziegen, Schafen und Rindern. Letztere würden das Gras abfressen, weshalb für die Gnus, Gazellen oder Zebras zu wenig zum Fressen bleibe.

Und mit ihr die Zahl an Ziegen, Schafen und Rindern. Letztere würden das Gras abfressen, weshalb für die Gnus, Gazellen oder Zebras zu wenig zum Fressen bleibe.

Zugleich hätten viele Massai ihren Lebensstil gezwungenermaßen geändert und würden nun ihrerseits das Land mit Zäunen, Straßen oder Siedlungen fragmentieren. "Die Tiere können sich nun nicht mehr frei bewegen", sagt Ogutu.

Weltweit geraten indigene Gruppen unter Druck, müssen sich anpassen oder verlieren Flächen. Jocelyne Sze konnte das auf ihren Karten nachvollziehen. Entgegen dem weltweiten Trend lag in Südamerika die Entwaldung in indigenen Hoheitsgebieten um rund 15 Prozent höher als in Schutzgebieten, die nicht von Indigenen bewohnt waren. Viele ungeschützte Gebiete von Indigenen in Amerika und Asien schnitten sogar schlechter ab als ungeschützte, nicht von Indigenen bewohnte Gebiete, so die aktuelle Studie in Current Biology.

Sze erklärt sich das damit, dass sich dort, wo Indigene leben, häufig wertvolle Rohstoffe wie Edelmetalle, Öl oder Gas im Boden finden. Sind diese Gebiete nicht geschützt, werden die Rechte der Bewohner oft missachtet. Der anstehende UN-Klimagipfel in Scharm el-Scheich und die UN-Naturschutzkonferenz in Montreal seien deshalb gute Gelegenheiten, die Rechte der indigenen Völker anzuerkennen und die Menschen auch finanziell zu unterstützen.

Entscheidend wird Beobachtern zufolge sein, ob das UN-Dokument die Rechte der indigenen Gruppen stärkt, etwa mit Verweis auf die Menschenrechte oder die UN-Deklaration über die Rechte der indigenen Völker. "Das 30-x-30-Ziel muss nicht notwendigerweise schlecht sein", sagt Umweltwissenschaftlerin Sze. "Das hängt davon ab, ob zugleich Schutzklauseln verankert werden."

Team
Text Benjamin von Brackel
Redaktion Tina Baier
Bildredaktion Julia Hecht
Digitales Storytelling Tobias Bug