Grußformeln

Hallo Fremder!

Wanderer grüßen stets freundlich, während Kundinnen und Kunden im Supermarkt wortlos aneinander vorbeilaufen. Warum ist das so? Und wann ist ein Grüß Gott zwingend angebracht? Eine kleine Benimm- und Sozialgeschichte.

Von Lucia Bramert; Design Jessy Asmus
29. Oktober 2022 - 4 Min. Lesezeit

In den Bergen herrscht ja stets ein großes Hallo. Wo immer Wanderer oder Spaziergängerinnen unterwegs sind, wird auf Schritt und Tritt gegrüßt, das fällt einem gerade jetzt wieder auf, in der goldenen Spätherbstsaison. Menschen, die einander völlig fremd sind, rufen sich schon von Weitem ein freundliches „Grüß Gott!“, „Servus“ oder „Hallo“ zu. Aber wieso eigentlich?

Kaum jemand käme auf die Idee, die anderen Kundinnen an der Wursttheke zu grüßen oder entgegenkraulende Schwimmer im Hallenbad.

Eine allgemeingültige Regel, wann ein Gruß unter Fremden angebracht ist, gebe es nicht, sagt die Hamburger Betriebswirtin und Imagetrainerin Imme Vogelsang, die Seminare über Umgangsformen anbietet. „Man kann das tun, das ist nett, aber absolut kein Muss.“ Es gebe Orte, an denen der Gruß unter Unbekannten üblich sei: auf dem Golfplatz etwa. Im Wartezimmer beim Arzt sei er sogar unbedingt angebracht. „Reinkommen, freundlich ,Guten Morgen‘ sagen – das gehört sich. Genauso in der Bahn oder im Flugzeug, wenn man sich neben jemanden setzt.“ Auch den Sitznachbarn im Theater gebühre zumindest ein Nicken oder ein Lächeln.

Dahinter steckt in vielen Fällen eine – wenn auch unbewusste – Kosten-Nutzen-Rechnung: Ob es sich lohnt, „Hallo“ zu sagen, hängt unter anderem davon ab, wie lange man in der Nähe der Person verweilen wird und ob diese den Gruß erwartet. Im Zweifelsfall wird eher geschwiegen.

Dirk Meinberg, 47, seit mehr als 20 Jahren Busfahrer bei der Münchner Verkehrsgesellschaft, liebt es, gegrüßt zu werden. „Wenn man den ganzen Tag mit dem Bus in der Stadt unterwegs ist und einfach nur noch platt – und dann kommt jemand rein und grüßt freundlich, lächelt, dann bringt mich das aus der schlechten Laune wieder raus.“ Insgesamt seien die Grüß-Gott-Sager in den vergangenen Jahren deutlich weniger geworden, das sei auch eine Generationenfrage: je älter, desto grüßender. „Aber es gibt auch echt nette Kinder“, sagt Meinberg. „Gerade nach der Schule grüßen sie gern, morgens wird eher geschwiegen.“

Aber nicht nur Alter und Tageszeit spielen eine Rolle, sondern auch lokale Gepflogenheiten. „Ob ich gegrüßt werde, hängt auch davon ab, wo ich gerade unterwegs bin. In der Innenstadt ist es meist sehr unpersönlich, da grüßt fast niemand beim Ein- oder Aussteigen. Weiter außerhalb am Stadtrand grüßen viele Fahrgäste.“

Es herrscht ganz offensichtlich eine Stadt-Land-Gruß-Divergenz. Nicht nur beim Busfahren, sondern auch beim Spazierengehen wird auf dem Dorf eher Hallo gesagt als in der Stadt. Der Sozialpsychologe Moritz Fedeneder von der Ludwig-Maximilians-Universität München erklärt, dass das Grüßen oder eben auch Nicht-Grüßen mit unseren sozialen Normen zu tun habe. Also dem Verhalten, das von uns gefordert oder gewünscht wird. Diese Normen können konkrete Anweisungen sein, was wir tun sollen und tun dürfen, aber auch eine Art unausgesprochene Erwartung an einen Menschen. Und die Erwartungen sind auf dem Dorf andere als in der Stadt.

„In ländlichen Gegenden wird mehr gegrüßt, weil man es gewohnt ist, vielleicht auch so erzogen wurde“, sagt Fedeneder. Hinzu komme, dass Menschen, die man eigentlich nur vom Sehen kennt, vertrauter wirkten, je häufiger man ihnen begegne. Und im Tausend-Seelen-Dorf sei die Wahrscheinlichkeit, denselben Unbekannten mehrmals zu treffen, nun mal rein statistisch recht hoch.

Und in der Stadt? Die Sozialpsychologie spricht von „Urban overload“, Reizüberflutung in der Stadt. Gerade dort, wo man theoretisch mit vielen Menschen in Kontakt treten könnte, sei man schnell von den Eindrücken überfordert, sagt Fedeneder. „Dadurch fokussiert man sich eher auf sich selbst und schaut eher aufs Handy als anderen ins Gesicht.“

Außerdem sei der Zeitdruck in der Stadt oft größer: Wer unter Stress stehe, verzichte eher aufs Grüßen. „Und wenn niemand grüßt, dann fühlt man selbst auch keine Verantwortung, damit anzufangen, sondern passt sich an die Gruppe, in dem Fall die fremde Menschenmenge, an.“

Ob wir grüßen oder nicht, hängt also mit vielerlei Dingen zusammen. Beim Wandern, erklärt Fedeneder, spiele auch das starke Gefühl einer gemeinsamen Zugehörigkeit eine große Rolle: „In dem Moment ist uns unser Hobby sehr bewusst. Wenn wir nun eine andere Person sehen, die auch Wanderschuhe trägt, Wanderstöcke dabei hat und entsprechend gekleidet ist, dann nehmen wir diese fremde Person als Teil derselben Gruppe wahr.“

Das Gleiche passiert bei Busfahrer Meinberg und seinen Kollegen, die sich stets und „selbstverständlich!“ grüßen, ob sie sich nun namentlich kennen oder nicht. Oder bei Fans derselben Mannschaft, die sich anhand des Trikots oder Fanschals erkennen.

Und was, wenn man unsicher ist, ob der Gruß angebracht ist oder nicht? „Lieber einmal zu viel grüßen“, empfiehlt Imme Vogelsang. Vom unerwarteten Gruß habe sich noch niemand auf den Schlips getreten gefühlt.

Grußformeln

Hallo Fremder!

Wanderer grüßen stets freundlich, während Kundinnen und Kunden im Supermarkt wortlos aneinander vorbeilaufen. Warum ist das so? Und wann ist ein Grüß Gott zwingend angebracht? Eine kleine Benimm- und Sozialgeschichte.

In den Bergen herrscht ja stets ein großes Hallo. Wo immer Wanderer oder Spaziergängerinnen unterwegs sind, wird auf Schritt und Tritt gegrüßt, das fällt einem gerade jetzt wieder auf, in der goldenen Spätherbstsaison. Menschen, die einander völlig fremd sind, rufen sich schon von Weitem ein freundliches „Grüß Gott!“, „Servus“ oder „Hallo“ zu. Aber wieso eigentlich?

Kaum jemand käme auf die Idee, die anderen Kundinnen an der Wursttheke zu grüßen oder entgegenkraulende Schwimmer im Hallenbad.

Eine allgemeingültige Regel, wann ein Gruß unter Fremden angebracht ist, gebe es nicht, sagt die Hamburger Betriebswirtin und Imagetrainerin Imme Vogelsang, die Seminare über Umgangsformen anbietet. „Man kann das tun, das ist nett, aber absolut kein Muss.“ Es gebe Orte, an denen der Gruß unter Unbekannten üblich sei: auf dem Golfplatz etwa. Im Wartezimmer beim Arzt sei er sogar unbedingt angebracht. „Reinkommen, freundlich ,Guten Morgen‘ sagen – das gehört sich. Genauso in der Bahn oder im Flugzeug, wenn man sich neben jemanden setzt.“ Auch den Sitznachbarn im Theater gebühre zumindest ein Nicken oder ein Lächeln.

Dahinter steckt in vielen Fällen eine – wenn auch unbewusste – Kosten-Nutzen-Rechnung: Ob es sich lohnt, „Hallo“ zu sagen, hängt unter anderem davon ab, wie lange man in der Nähe der Person verweilen wird und ob diese den Gruß erwartet. Im Zweifelsfall wird eher geschwiegen.

Dirk Meinberg, 47, seit mehr als 20 Jahren Busfahrer bei der Münchner Verkehrsgesellschaft, liebt es, gegrüßt zu werden. „Wenn man den ganzen Tag mit dem Bus in der Stadt unterwegs ist und einfach nur noch platt – und dann kommt jemand rein und grüßt freundlich, lächelt, dann bringt mich das aus der schlechten Laune wieder raus.“ Insgesamt seien die Grüß-Gott-Sager in den vergangenen Jahren deutlich weniger geworden, das sei auch eine Generationenfrage: je älter, desto grüßender. „Aber es gibt auch echt nette Kinder“, sagt Meinberg. „Gerade nach der Schule grüßen sie gern, morgens wird eher geschwiegen.“

Aber nicht nur Alter und Tageszeit spielen eine Rolle, sondern auch lokale Gepflogenheiten. „Ob ich gegrüßt werde, hängt auch davon ab, wo ich gerade unterwegs bin. In der Innenstadt ist es meist sehr unpersönlich, da grüßt fast niemand beim Ein- oder Aussteigen. Weiter außerhalb am Stadtrand grüßen viele Fahrgäste.“

Es herrscht ganz offensichtlich eine Stadt-Land-Gruß-Divergenz. Nicht nur beim Busfahren, sondern auch beim Spazierengehen wird auf dem Dorf eher Hallo gesagt als in der Stadt. Der Sozialpsychologe Moritz Fedeneder von der Ludwig-Maximilians-Universität München erklärt, dass das Grüßen oder eben auch Nicht-Grüßen mit unseren sozialen Normen zu tun habe. Also dem Verhalten, das von uns gefordert oder gewünscht wird. Diese Normen können konkrete Anweisungen sein, was wir tun sollen und tun dürfen, aber auch eine Art unausgesprochene Erwartung an einen Menschen. Und die Erwartungen sind auf dem Dorf andere als in der Stadt.

„In ländlichen Gegenden wird mehr gegrüßt, weil man es gewohnt ist, vielleicht auch so erzogen wurde“, sagt Fedeneder. Hinzu komme, dass Menschen, die man eigentlich nur vom Sehen kennt, vertrauter wirkten, je häufiger man ihnen begegne. Und im Tausend-Seelen-Dorf sei die Wahrscheinlichkeit, denselben Unbekannten mehrmals zu treffen, nun mal rein statistisch recht hoch.

Und in der Stadt? Die Sozialpsychologie spricht von „Urban overload“, Reizüberflutung in der Stadt. Gerade dort, wo man theoretisch mit vielen Menschen in Kontakt treten könnte, sei man schnell von den Eindrücken überfordert, sagt Fedeneder. „Dadurch fokussiert man sich eher auf sich selbst und schaut eher aufs Handy als anderen ins Gesicht.“

Außerdem sei der Zeitdruck in der Stadt oft größer: Wer unter Stress stehe, verzichte eher aufs Grüßen. „Und wenn niemand grüßt, dann fühlt man selbst auch keine Verantwortung, damit anzufangen, sondern passt sich an die Gruppe, in dem Fall die fremde Menschenmenge, an.“

Ob wir grüßen oder nicht, hängt also mit vielerlei Dingen zusammen. Beim Wandern, erklärt Fedeneder, spiele auch das starke Gefühl einer gemeinsamen Zugehörigkeit eine große Rolle: „In dem Moment ist uns unser Hobby sehr bewusst. Wenn wir nun eine andere Person sehen, die auch Wanderschuhe trägt, Wanderstöcke dabei hat und entsprechend gekleidet ist, dann nehmen wir diese fremde Person als Teil derselben Gruppe wahr.“

Das Gleiche passiert bei Busfahrer Meinberg und seinen Kollegen, die sich stets und „selbstverständlich!“ grüßen, ob sie sich nun namentlich kennen oder nicht. Oder bei Fans derselben Mannschaft, die sich anhand des Trikots oder Fanschals erkennen.

Und was, wenn man unsicher ist, ob der Gruß angebracht ist oder nicht? „Lieber einmal zu viel grüßen“, empfiehlt Imme Vogelsang. Vom unerwarteten Gruß habe sich noch niemand auf den Schlips getreten gefühlt.

Team
Text Lucia Bramert
Illustration Getty, Jessy Asmus
Digitales Storytelling Jessy Asmus