
Anmerkung: Die Nature-Studie, die dieser Beitrag thematisiert, wurde von den Forschern am 3.12.2025 aufgrund methodischer Mängel zurückgezogen. Mehr dazu erfahren Sie in diesem Text: Wie teuer wird der Klimawandel?
Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung hat erklärt, die Studie zu überarbeiten und neu zur Begutachtung einzureichen. Aus Gründen der Dokumentation belassen wir den Artikel hier im Original.
Das Amazonas-Gebiet in Südamerika leidet seit rund einem Jahr unter einer schweren Dürre. Im Oktober 2023 setzte Starkregen die irische Region Cork unter Wasser. Und im Februar lag Westafrika unter einer langanhaltenden Hitzeglocke, die hohe Luftfeuchtigkeit ließ die ohnehin hohen Temperaturen noch bedrohlicher für die Gesundheit werden. Die kleine Auswahl an Ereignissen eint, dass der Klimawandel sie sehr wahrscheinlich verschärft hat. Ohne die vom Menschen verursachte Erderwärmung wäre es in Westafrika laut der Forschungsinitiative „World Weather Attribution“ vermutlich vier Grad kälter gewesen.
Forschende des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) kommen darin zum Ergebnis, dass die Erderwärmung alle Menschen zusammen in den nächsten 25 Jahren 19 Prozent des erwarteten Einkommens kosten könnte, verglichen mit einer fiktiven Zukunft ohne Erderwärmung. Mitte des Jahrhunderts würde der Klimawandel damit einen jährlichen Verlust von etwa 35 Billionen Euro verursachen, beziffert in heutiger Kaufkraft.
Die Schäden in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts hängen dann von der Entwicklung der Treibhausgase ab.



Bis Mitte des Jahrhunderts macht es demnach kaum einen Unterschied, ob fortan ambitionierter Klimaschutz betrieben wird oder nicht. Laut den Autoren hat das mit der Trägheit des Klimas und von wirtschaftlichen Prozessen zu tun. „Die Schäden bis Mitte des Jahrhunderts haben wir uns schon eingehandelt, dadurch dass wir bislang nicht gehandelt haben“, sagt die Klimaforscherin Leonie Wenz vom PIK, eine der Autorinnen der Studie.
Dass die Kosten für Klimaschutz viel geringer seien als die erwarteten Verluste, sei dennoch ein starker Anreiz, die Emissionen schnell zu senken. „Wir müssen jetzt handeln, um in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts nicht noch höhere Schäden zu bekommen.“
Die Autoren der Nature-Studie gehen für ihr Modell von historischen Wetterdaten der vergangenen 40 Jahre aus, sowie von Zahlen zur wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit von mehr als 1600 Regionen auf der Welt – in Deutschland sind dies etwa die einzelnen Bundesländer, in den USA die Bundesstaaten. Auf diese Weise leiten die Forscher zunächst ab, wie sich etwa Hitzewellen oder starke Regenfälle in der Vergangenheit wirtschaftlich ausgewirkt haben. Mithilfe von Klimasimulationen bestimmen sie anschließend, wie sich Temperaturen und Niederschläge künftig entwickeln könnten, und damit auch die Schäden.
Verluste können beispielsweise aus der Landwirtschaft resultieren, sagt Leonie Wenz, etwa aufgrund von Ernteverlusten. Regenextreme können die Infrastruktur lahmlegen und auf diese Weise zu Verlusten führen. Andere Auswirkungen seien subtiler. So gebe es eine Reihe von Studien, „die zeigen, dass bei höheren Temperaturen die Produktivität nachlässt, etwa im Baugewerbe“, sagt Wenz. In Deutschland ist die Zahl der Hitzetage mit Höchstwerten von mehr als 30 Grad Celsius in den vergangenen Jahrzehnten bereits deutlich gestiegen.
Laut den Berechnungen bezahlen ärmere Staaten einen überproportional hohen Preis für die Erderwärmung.


Die Verteilung der Schäden sei ungerecht, heißt es in der Studie: Staaten wie die USA, die historisch betrachtet besonders stark zur Erderwärmung beigetragen hätten, kämen wirtschaftlich eher glimpflich davon. Afrikanische Staaten, deren Emissionen äußerst gering sind, leiden hingegen stärker. Zugleich haben sie oftmals besonders wenige Ressourcen zur Verfügung, um sich an die Folgen anzupassen, etwa mithilfe einer besseren Infrastruktur.
„Wir wären viel besser dran, wenn wir den Klimaschutz nicht so lange verschleppt hätten“, sagt der Klimaökonom Ilan Noy von der Universität Wellington in Neuseeland. Das zeige die Studie ganz deutlich. Zweifel hat Noy aber daran, ob die PIK-Forscher auch regionale Unterschiede ausreichend berücksichtigen. Je nach ökonomischem Schwerpunkt seien Regionen unterschiedlich anfällig für Hitze oder Niederschläge.
Derartige Modellierungen hängen von vielen Annahmen und Faktoren ab, von denen einige sich nur schwer für die Zukunft abschätzen lassen. Etwa, wie stark Menschen sich künftig an die Folgen der Erderwärmung anpassen, oder ob sich manche wirtschaftlichen Aktivitäten auch einfach in andere Regionen verlagern werden, die nicht so anfällig für Klimarisiken sind.
Im Kern deckt sich die aktuelle Nature-Studie mit anderen Arbeiten zu den wirtschaftlichen Folgen der Erderwärmung. Im Fachmagazin Science kamen Forscher vor einigen Jahren zum Ergebnis, der Klimawandel könnte die USA pro Grad Temperaturerhöhung 1,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts kosten. Eine andere Abschätzung kommt zum Ergebnis, dass extreme Wetterereignisse bereits heute jedes Jahr ungefähr 136 Milliarden Euro kosten.
Die globale Erwärmung richte aber nicht nur finanzielle Schäden an, sagt Leonie Wenz. „Der Verlust von Leben, Heimat und Artenvielfalt ist hier noch gar nicht abgebildet.“
Mit Material vom Science Media Centre Neuseeland