Die Angst der Deutschen vor der Inflation

10,4 Prozent Inflation im Oktober: Die Preise steigen in Deutschland derzeit so stark wie seit 1951 nicht. Ein Blick zurück zeigt Parallelen zu heute.

Von Harald Freiberger, Stefan Kloiber und Sarah Unterhitzenberger
28. Oktober 2022 - 7 Min. Lesezeit

Die Preise in Deutschland steigen weiter in einem rasenden Tempo. Im Oktober lag die Inflationsrate bei 10,4 Prozent, meldete das Statistische Bundesamt am Freitag, nochmal deutlich über den 10,0 Prozent vom September. Die Gründe sind die hohen Energie- und Lebensmittelpreise infolge des Ukraine-Krieges, die immer mehr Bereiche des täglichen Lebens betreffen.

Seit 71 Jahren stiegen die Preise nicht mehr so stark. Die Deutschen haben aus historischen Gründen ein besonderes Verhältnis zur Inflation. Ein Rückblick auf die Inflationsrate seit 1949: Wann sie hoch war und wann niedrig, was sie begünstigte, was sie zähmte – und wo es Parallelen zu heute gibt.

Was vorher geschah

Die Deutschen haben zweimal erlebt, dass ihre Ersparnisse verloren gingen: 1923 kommt es zu einer Hyperinflation, weil der Staat nach dem Ersten Weltkrieg hoch verschuldet ist. Zudem belasten ihn hohe Reparationsforderungen, die er zu erfüllen versucht, indem er Geld druckt. Auf dem Höhepunkt kostet ein Kilo Roggenbrot 233 Milliarden Mark. Eine Währungsreform ist nötig. Die neue Reichsmark wird an Gold gebunden. „Eine hohe Inflation vernichtet immer das Geld der Sparer, das Vermögen landet beim größten Schuldner, und das ist der Staat“, sagt der Wirtschaftshistoriker Jan-Otmar Hesse von der Universität Bayreuth.

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg ist die Währung wegen der hohen Staatsverschuldung kaputt. Das Hitler-Regime hat die Inflation versteckt und die Preise schon von 1936 an gedeckelt. Doch wenn der Staat das Ansteigen der Preise politisch verhindert, löst er damit nicht das Knappheitsproblem. Die Folgen sind Mangelwirtschaft und Rationierung selbst existenzieller Güter wie Butter und Brot. Eine Lehre für heute: Staatliche Preisbremsen verschärfen die Knappheit, weil Hersteller weniger produzieren, wenn sie dafür weniger Geld kriegen. „Ich glaube nicht, dass die aktuelle Gasbremse lange aufrechterhalten werden kann“, sagt Historiker Hesse. Schon von 1940 an bildet sich ein blühender Schwarzmarkt, der auch nach Kriegsende anhält. Hauptwährung ist die Zigarette.

1948
Währungsreform

Erst drei Jahre nach Ende des Kriegs wird die D-Mark eingeführt. Seitdem sind Inflationsdaten verfügbar, die einen historischen Rückblick ermöglichen. Die Währungsreform am 20. Juni 1948 beendet die Mangelwirtschaft. Die Deutschen verlieren jedoch abermals ihre Ersparnisse. Aus 100 Reichsmark werden im Durchschnitt 6,50 D-Mark. Die zuvor auch von den Alliierten regulierten Preise werden teilweise freigegeben. „Sie schießen sofort hoch, weil die Händler ihre Waren vorher zurückgehalten haben und nun Cash haben wollen“, sagt Mark Spoerer, Professor für Wirtschaftsgeschichte an der Universität Regensburg. Darauf folgen erneute staatliche Preiskontrollen, die 1950 zu Deflation führen.

1951
Korea-Krieg

Der Korea-Krieg bringt die bis heute höchste Inflationsrate im Nachkriegsdeutschland mit sich: Im November 1951 erreicht sie 11,5 Prozent. Die USA rüsten wegen des Krieges hoch und exportieren keinen Stahl mehr, dadurch steigen die Preise. Das führt zu Rohstoffknappheit bei den deutschen Stahlherstellern. Sie erhöhen die Preise bei großer Nachfrage zusätzlich, was Branchen wie den Maschinenbau stark trifft. Die Einführung einer Europäischen Zahlungsunion entspannt die Lage: Sie erleichtert es, Güter zwischen den Ländern auszutauschen und beendet die Rohstoffknappheit in Deutschland. Die Inflation von 1951 gleiche der von heute strukturell, sagt Hesse von der Universität Bayreuth, „weil sie von Grundprodukten verursacht wurde – damals Rohstoffe, heute Energie –, nicht von Produkten für Endverbraucher wie Lebensmitteln“.

1958
D-Mark international

Das deutsche Wirtschaftswunder setzt früh ein, schon 1952 exportiert das Land mehr, als es importiert. Eine Folge der Wirtschaftskraft ist eine starke, stabile D-Mark. Diese ist zunächst eine rein nationale Währung, sie kann nicht gegen ausländische Devisen getauscht werden. Erst 1958 wird die D-Mark voll konvertibel. Das heißt: Sie ist fortan den Spekulationen ausländischer Investoren ausgesetzt. 1958 kommt es kurz zu einer Deflation. Ansonsten sind die Jahre des Wiederaufbaus bis Mitte der 1960er-Jahre von mäßiger Inflation geprägt. „Vollbeschäftigung gibt es erst ab 1960, die Löhne und Preise steigen in der Zeit des Wirtschaftswunders gering“, sagt der Regensburger Wirtschaftshistoriker Spoerer.

1966
Wirtschaftswunder

Die starke, konvertible D-Mark bringt die Bundesbank in die Zwickmühle: „Egal, was sie macht, sie kann Inflation nicht verhindern“, sagt Hesse. Hält sie die Zinsen niedrig, verbilligt sie Kredite und kurbelt die Wirtschaft an, was tendenziell zu höheren Preisen führt. Weil die Wirtschaft brummt, müsste sie die Zinsen eigentlich erhöhen. Erhöht sie die Zinsen, zieht sie damit internationales Kapital an, was ebenfalls inflationär wirkt, weil die Geldmenge steigt. „Diese importierte Inflation ist im Jahr 1966 ein stark diskutiertes Thema“, sagt Hesse. Die Inflationsrate steigt damals auf fast fünf Prozent. Die Bundesbank erhöht den Leitzins bis Mai 1966 binnen eines Jahres von drei auf fünf Prozent. Sie verursacht damit den ersten konjunkturellen Einbruch der Nachkriegszeit. „Aus heutiger Sicht ist die Krise mit nur 450 000 Arbeitslosen und einem minimalen Schrumpfen der Wirtschaftsleistung von 0,3 Prozent lächerlich, doch damals wurde sie dramatisch wahrgenommen“, sagt der Wirtschaftshistoriker. Einige Ökonomen und Politiker wollen sich vom System eines festen Wechselkurses gegenüber dem Dollar verabschieden, das nach dem Zweiten Weltkrieg im Abkommen von Bretton Woods festgelegt wurde.

1971
Aufwertung der D-Mark

Nach der konjunkturellen Delle 1966 erholt sich die deutsche Wirtschaft, es herrscht wieder Hochkonjunktur. Die starke D-Mark zieht weiter viel ausländisches Kapital an. Um Druck herauszunehmen, wird die D-Mark Ende 1968 erstmals gegenüber dem Dollar aufgewertet, doch die Preise steigen weiter, weil die Wirtschaft boomt. Das System fester Wechselkurse von Bretton Woods bricht zusammen. Im Jahr 1971 folgt eine noch stärkere Aufwertung. Trotzdem bekommt die Bundesbank die Inflation nicht in den Griff, sie steigt 1971 auf mehr als fünf Prozent. „Es ist wichtig zu sehen, dass die Inflation schon vor der ersten Ölkrise sehr hoch war“, sagt Hesse. Sie sei damals ein allgemeines ökonomisches Phänomen gewesen, verursacht von der boomenden Wirtschaft, einer starken D-Mark und spekulativen Kapitalzuflüssen aus dem Ausland.

1973
Erster Ölpreisschock

Im Oktober 1973 kommt es zum Jom-Kippur-Krieg zwischen Israel und arabischen Staaten. Um dem Westen zu schaden, der sich auf die Seite Israels schlägt, drosseln die Erdöl exportierenden Länder die Produktion. Innerhalb von drei Monaten vervierfacht sich der Ölpreis. Dieser Preisschock lässt die vorher schon hohe Inflationsrate bis auf fast acht Prozent steigen. Die Bundesregierung reagiert auf die Energiekrise mit Sonntagsfahrverboten. Die leeren Autobahnen werden zum Symbolbild der Ölkrise. Preisbremsen spielen damals keine Rolle.

1981
Zweiter Ölpreisschock

Im Vergleich zu anderen Ländern behält die Bundesbank die Inflation einigermaßen im Griff. Sie führt schon Mitte der 1970er-Jahre das System der Geldmengensteuerung ein. In Großbritannien steigen die Preise um fast 20 Prozent, in den USA um deutlich mehr als zehn Prozent. 1981 folgt der zweite Ölpreisschock: Nach der Islamischen Revolution in Iran kommt es zu Produktionsausfällen und einer hysterischen Preisreaktion. Die Inflation in Deutschland steigt wieder um mehr als sieben Prozent, es kommt zu einer Konjunkturkrise.

1992
Wiedervereinigungs-Boom

In der Ära von Bundeskanzler Helmut Kohl von 1983 an sind die Preise zunächst relativ stabil. Deutschland ist Exportweltmeister, die Geldpolitik der Bundesbank wirkt antiinflationär. Nach der Wiedervereinigung 1990 kommt es zu einem Wirtschaftsboom: 17 Millionen neue Bundesbürger holen Konsum nach, die Baubranche blüht, die Geldmenge steigt, die Preise ziehen 1992 um bis zu sechs Prozent an. Es folgt eine Rezession. Danach beruhigen sich die Preise, und zwar für eine sehr lange Zeit: Von 1994 bis 2021 steigt die Inflationsrate nie mehr über drei Prozent.

2002
Euro-Einführung

„Die Euro-Einführung hatte keinen Effekt auf die Preise, es ist eine Legende, dass der Euro ein Teuro sei“, sagt Wirtschaftshistoriker Spoerer. Aber: Die Bundesbank verliert dadurch die Macht, selbst über die Geldpolitik zu entscheiden. Diese wird nun von der Europäischen Zentralbank (EZB) bestimmt, die auch die Interessen wirtschaftlich schwächerer südlicher Länder vertreten muss. „Im Zweifel öffnet sie die Geldschleusen“, sagt Spoerer.

2008
Finanzkrise

Als 2008 die US-Immobilienblase platzt, kommt es weltweit zu Bankenkrise und Rezession. Die Notenbanken senken die Zinsen gegen null – ein Zustand, der bis 2022 anhält. Die Wirtschaft besonders in Europa bleibt dennoch schwach, es kommt zur Schuldenkrise in den südlichen Ländern. Trotz der niedrigen Zinsen bleibt die Inflation über Jahre niedrig. Von Sommer 2021 an jedoch ziehen die Preise in Deutschland und Europa deutlich an. Manche Ökonomen halten das für ein vorübergehendes Phänomen nach Ende eines langen Corona-Lockdowns. Andere warnen vor einer Trendwende und der Rückkehr der Inflation.

2022
Ukraine-Krieg

Schon Anfang 2022 ist die Inflation in Deutschland mit fünf Prozent hoch. Ende Februar beginnt Russland den Krieg gegen die Ukraine, der Öl und Gas verknappt und die Energiepreise enorm steigen lässt. Die Inflationsrate in Deutschland steigt bis auf zehn Prozent. Von Juni an beginnt die EZB damit, die Zinsen zu erhöhen.

Für Wirtschaftshistoriker Hesse zeigen sich jetzt die Nachteile der Art, wie die Inflation berechnet wird: „Es werden nur Preise von Gütern und Dienstleistungen berücksichtigt, doch die wahre Inflation spielte sich in den vergangenen 20 Jahren bei den Vermögenspreisen ab, bei Aktien und Immobilien“, sagt er. Die Ursache dafür ist das viele billige Geld durch die Notenbanken. Die Geldmenge steigt und steigt, doch die Inflation reagiert nicht. „Heute zeigt sich, dass die Inflationsrate über eine lange Zeit verzerrt war“, sagt Hesse. Sein Kollege Spoerer ist der Meinung, dass der EZB jetzt „die jahrelange Politik des billigen Geldes auf die Füße fällt“. Die Lehre daraus für ihn: „Eine Notenbank muss sich trauen, eine restriktive Geldpolitik zu machen, um die Inflation in Zaum zu halten.“

1948
Währungsreform

Erst drei Jahre nach Ende des Kriegs wird die D-Mark eingeführt. Seitdem sind Inflationsdaten verfügbar, die einen historischen Rückblick ermöglichen. Die Währungsreform am 20. Juni 1948 beendet die Mangelwirtschaft. Die Deutschen verlieren jedoch abermals ihre Ersparnisse. Aus 100 Reichsmark werden im Durchschnitt 6,50 D-Mark. Die zuvor auch von den Alliierten regulierten Preise werden teilweise freigegeben. „Sie schießen sofort hoch, weil die Händler ihre Waren vorher zurückgehalten haben und nun Cash haben wollen“, sagt Mark Spoerer, Professor für Wirtschaftsgeschichte an der Universität Regensburg. Darauf folgen erneute staatliche Preiskontrollen, die 1950 zu Deflation führen.

1951
Korea-Krieg

Der Korea-Krieg bringt die bis heute höchste Inflationsrate im Nachkriegsdeutschland mit sich: Im November 1951 erreicht sie 11,5 Prozent. Die USA rüsten wegen des Krieges hoch und exportieren keinen Stahl mehr, dadurch steigen die Preise. Das führt zu Rohstoffknappheit bei den deutschen Stahlherstellern. Sie erhöhen die Preise bei großer Nachfrage zusätzlich, was Branchen wie den Maschinenbau stark trifft. Die Einführung einer Europäischen Zahlungsunion entspannt die Lage: Sie erleichtert es, Güter zwischen den Ländern auszutauschen und beendet die Rohstoffknappheit in Deutschland. Die Inflation von 1951 gleiche der von heute strukturell, sagt Hesse von der Universität Bayreuth, „weil sie von Grundprodukten verursacht wurde – damals Rohstoffe, heute Energie –, nicht von Produkten für Endverbraucher wie Lebensmitteln“.

1958
D-Mark international

Das deutsche Wirtschaftswunder setzt früh ein, schon 1952 exportiert das Land mehr, als es importiert. Eine Folge der Wirtschaftskraft ist eine starke, stabile D-Mark. Diese ist zunächst eine rein nationale Währung, sie kann nicht gegen ausländische Devisen getauscht werden. Erst 1958 wird die D-Mark voll konvertibel. Das heißt: Sie ist fortan den Spekulationen ausländischer Investoren ausgesetzt. 1958 kommt es kurz zu einer Deflation. Ansonsten sind die Jahre des Wiederaufbaus bis Mitte der 1960er-Jahre von mäßiger Inflation geprägt. „Vollbeschäftigung gibt es erst ab 1960, die Löhne und Preise steigen in der Zeit des Wirtschaftswunders gering“, sagt der Regensburger Wirtschaftshistoriker Spoerer.

1966
Wirtschaftswunder

Die starke, konvertible D-Mark bringt die Bundesbank in die Zwickmühle: „Egal, was sie macht, sie kann Inflation nicht verhindern“, sagt Hesse. Hält sie die Zinsen niedrig, verbilligt sie Kredite und kurbelt die Wirtschaft an, was tendenziell zu höheren Preisen führt. Weil die Wirtschaft brummt, müsste sie die Zinsen eigentlich erhöhen. Erhöht sie die Zinsen, zieht sie damit internationales Kapital an, was ebenfalls inflationär wirkt, weil die Geldmenge steigt. „Diese importierte Inflation ist im Jahr 1966 ein stark diskutiertes Thema“, sagt Hesse. Die Inflationsrate steigt damals auf fast fünf Prozent. Die Bundesbank erhöht den Leitzins bis Mai 1966 binnen eines Jahres von drei auf fünf Prozent. Sie verursacht damit den ersten konjunkturellen Einbruch der Nachkriegszeit. „Aus heutiger Sicht ist die Krise mit nur 450 000 Arbeitslosen und einem minimalen Schrumpfen der Wirtschaftsleistung von 0,3 Prozent lächerlich, doch damals wurde sie dramatisch wahrgenommen“, sagt der Wirtschaftshistoriker. Einige Ökonomen und Politiker wollen sich vom System eines festen Wechselkurses gegenüber dem Dollar verabschieden, das nach dem Zweiten Weltkrieg im Abkommen von Bretton Woods festgelegt wurde.

1971
Aufwertung der D-Mark

Nach der konjunkturellen Delle 1966 erholt sich die deutsche Wirtschaft, es herrscht wieder Hochkonjunktur. Die starke D-Mark zieht weiter viel ausländisches Kapital an. Um Druck herauszunehmen, wird die D-Mark Ende 1968 erstmals gegenüber dem Dollar aufgewertet, doch die Preise steigen weiter, weil die Wirtschaft boomt. Das System fester Wechselkurse von Bretton Woods bricht zusammen. Im Jahr 1971 folgt eine noch stärkere Aufwertung. Trotzdem bekommt die Bundesbank die Inflation nicht in den Griff, sie steigt 1971 auf mehr als fünf Prozent. „Es ist wichtig zu sehen, dass die Inflation schon vor der ersten Ölkrise sehr hoch war“, sagt Hesse. Sie sei damals ein allgemeines ökonomisches Phänomen gewesen, verursacht von der boomenden Wirtschaft, einer starken D-Mark und spekulativen Kapitalzuflüssen aus dem Ausland.

1973
Erster Ölpreisschock

Im Oktober 1973 kommt es zum Jom-Kippur-Krieg zwischen Israel und arabischen Staaten. Um dem Westen zu schaden, der sich auf die Seite Israels schlägt, drosseln die Erdöl exportierenden Länder die Produktion. Innerhalb von drei Monaten vervierfacht sich der Ölpreis. Dieser Preisschock lässt die vorher schon hohe Inflationsrate bis auf fast acht Prozent steigen. Die Bundesregierung reagiert auf die Energiekrise mit Sonntagsfahrverboten. Die leeren Autobahnen werden zum Symbolbild der Ölkrise. Preisbremsen spielen damals keine Rolle.

1981
Zweiter Ölpreisschock

Im Vergleich zu anderen Ländern behält die Bundesbank die Inflation einigermaßen im Griff. Sie führt schon Mitte der 1970er-Jahre das System der Geldmengensteuerung ein. In Großbritannien steigen die Preise um fast 20 Prozent, in den USA um deutlich mehr als zehn Prozent. 1981 folgt der zweite Ölpreisschock: Nach der Islamischen Revolution in Iran kommt es zu Produktionsausfällen und einer hysterischen Preisreaktion. Die Inflation in Deutschland steigt wieder um mehr als sieben Prozent, es kommt zu einer Konjunkturkrise.

1992
Wiedervereinigungs-Boom

In der Ära von Bundeskanzler Helmut Kohl von 1983 an sind die Preise zunächst relativ stabil. Deutschland ist Exportweltmeister, die Geldpolitik der Bundesbank wirkt antiinflationär. Nach der Wiedervereinigung 1990 kommt es zu einem Wirtschaftsboom: 17 Millionen neue Bundesbürger holen Konsum nach, die Baubranche blüht, die Geldmenge steigt, die Preise ziehen 1992 um bis zu sechs Prozent an. Es folgt eine Rezession. Danach beruhigen sich die Preise, und zwar für eine sehr lange Zeit: Von 1994 bis 2021 steigt die Inflationsrate nie mehr über drei Prozent.

2002
Euro-Einführung

„Die Euro-Einführung hatte keinen Effekt auf die Preise, es ist eine Legende, dass der Euro ein Teuro sei“, sagt Wirtschaftshistoriker Spoerer. Aber: Die Bundesbank verliert dadurch die Macht, selbst über die Geldpolitik zu entscheiden. Diese wird nun von der Europäischen Zentralbank (EZB) bestimmt, die auch die Interessen wirtschaftlich schwächerer südlicher Länder vertreten muss. „Im Zweifel öffnet sie die Geldschleusen“, sagt Spoerer.

2008
Finanzkrise

Als 2008 die US-Immobilienblase platzt, kommt es weltweit zu Bankenkrise und Rezession. Die Notenbanken senken die Zinsen gegen null – ein Zustand, der bis 2022 anhält. Die Wirtschaft besonders in Europa bleibt dennoch schwach, es kommt zur Schuldenkrise in den südlichen Ländern. Trotz der niedrigen Zinsen bleibt die Inflation über Jahre niedrig. Von Sommer 2021 an jedoch ziehen die Preise in Deutschland und Europa deutlich an. Manche Ökonomen halten das für ein vorübergehendes Phänomen nach Ende eines langen Corona-Lockdowns. Andere warnen vor einer Trendwende und der Rückkehr der Inflation.

2022
Ukraine-Krieg

Schon Anfang 2022 ist die Inflation in Deutschland mit fünf Prozent hoch. Ende Februar beginnt Russland den Krieg gegen die Ukraine, der Öl und Gas verknappt und die Energiepreise enorm steigen lässt. Die Inflationsrate in Deutschland steigt bis auf zehn Prozent. Von Juni an beginnt die EZB damit, die Zinsen zu erhöhen.

Für Wirtschaftshistoriker Hesse zeigen sich jetzt die Nachteile der Art, wie die Inflation berechnet wird: „Es werden nur Preise von Gütern und Dienstleistungen berücksichtigt, doch die wahre Inflation spielte sich in den vergangenen 20 Jahren bei den Vermögenspreisen ab, bei Aktien und Immobilien“, sagt er. Die Ursache dafür ist das viele billige Geld durch die Notenbanken. Die Geldmenge steigt und steigt, doch die Inflation reagiert nicht. „Heute zeigt sich, dass die Inflationsrate über eine lange Zeit verzerrt war“, sagt Hesse. Sein Kollege Spoerer ist der Meinung, dass der EZB jetzt „die jahrelange Politik des billigen Geldes auf die Füße fällt“. Die Lehre daraus für ihn: „Eine Notenbank muss sich trauen, eine restriktive Geldpolitik zu machen, um die Inflation in Zaum zu halten.“

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Team
Text Harald Freiberger
Infografik Sarah Unterhitzenberger
Entwicklung Stefan Kloiber
Digitales Storytelling Vivien Timmler