Pjöngjang protzt mit seinen Freunden

Zum 70. Jahrestag des Waffenstillstands, der die Kämpfe des Koreakriegs beendete, zeigt Nordkorea nicht nur seine atomwaffenfähigen Raketen.

Das Regime von Machthaber Kim Jong-un demonstriert auch den Schulterschluss mit China und Russland.

Pjöngjang protzt mit seinen Freunden

Zum 70. Jahrestag des Waffenstillstands, der die Kämpfe des Koreakriegs beendete, zeigt Nordkorea nicht nur seine atomwaffenfähigen Raketen.

Das Regime von Machthaber Kim Jong-un demonstriert auch den Schulterschluss mit China und Russland.

Von Thomas Hahn, Seoul, und Lea Sahay, Peking
27. Juli 2023 - 6 Min. Lesezeit

Um 20 Uhr Ortszeit ging es los am Donnerstagabend auf dem Kim-Il-sung-Platz von Pjöngjang in Nordkorea. Die große Parade zum Jahrestag des Waffenstillstands, mit dem vor genau 70 Jahren der blutige Koreakrieg zwischen dem Nord- und dem Südteil der Koreanischen Halbinsel endete, nahm ihren Lauf. Es war erst nicht klar, was das Regime des Machthabers Kim Jong-un alles aufbot, um seine militärische Macht zu demonstrieren. Westliche Medien konnten ja nicht dabei sein, auch die südkoreanische Nachrichtenagentur Yonhap war angewiesen auf die Berichte der KCNA, der staatlichen nordkoreanischen Nachrichtenagentur.

Nordkorea feiert am 27. Juli den „Tag des Sieges“ im „Vaterländischen Befreiungskrieg“, wie der Koreakrieg von 1950 bis 1953 dort genannt wird, bei dem China mithilfe der Sowjetunion auf der Seite des Nordens kämpfte und Truppen der Vereinten Nationen unter Führung der USA auf der Seite des Südens. Der Waffenstillstand kam auf Drängen der USA und der Sowjetunion zustande. Offiziell herrscht bis heute Krieg auf der koreanischen Halbinsel.

Die ersten Bilder vom Festakt zeigten schlanke Missiles auf Trägerfahrzeugen und Soldaten mit schweren Bannern. Man durfte davon ausgehen, dass Kim Jong-un seine größten atomwaffenfähigen Raketen aufführen würde an diesem Tag der nationalen Geschichts-Verklärung. Man durfte außerdem davon ausgehen, dass auch Delegationen aus China und Russland der Parade bewohnten, denn das hatte ja schon vor dem großen Festakt Schlagzeilen verursacht: dass Kim Jong-un zum ersten Mal seit Beginn der Grenzschließungen wegen des Coronavirus wieder ausländische Gäste empfing.

Namentlich den russischen Verteidigungsminister Sergej Schojgu ...

... und das chinesische Politbüro-Mitglied Li Hongzhong (links).

Namentlich den russischen Verteidigungsminister Sergej Schojgu ...

... und das chinesische Politbüro-Mitglied Li Hongzhong (links).

Es war also ein toller Tag für die Parteidiktatur Nordkorea. Das Regime wirkte wieder vitaler denn je, ausgerüstet mit neuen Waffen der Massenvernichtung und verbündet mit den mächtigsten USA-Widersachern. Die Staatspropaganda hat ganze Arbeit geleistet. Wie es um Nordkorea wirklich bestellt ist, davon erzählt die Propaganda natürlich nichts. Wie geht es den knapp 26 Millionen Menschen im Land, von denen viele unterernährt sind? Welche Folgen hat es für sie, dass ihre autoritäre Regierung nun schon seit über dreieinhalb Jahren eine Pandemie-Strategie der Abschottung aufrechterhält, die humanitäre Hilfe von Non-Profit-Organisationen aus dem Ausland und selbst zaghafte diplomatische Beziehungen zum Rest der Welt unmöglich macht? Und wie gut ist das Verhältnis zu Russland und China wirklich in diesen angespannten Zeiten?

Aus Sicht des Machthabers Kim Jong-un läuft es gerade tatsächlich nicht schlecht. Die Beziehungen zu Russland sind zwar vermutlich nicht ganz so fruchtbar für Pjöngjang, wie man sich das denken könnte. Außer Arbeitskräften hat Nordkorea an zivilen Gütern schlicht nichts zu bieten, was das verarmte Land für Russland als Handelspartner interessant machen würde. Und die Klage der USA, dass Nordkorea Russland Waffen für den Krieg in der Ukraine liefere und damit gegen die Resolution des UN-Sicherheitsrats verstoße, haben Moskau und Pjöngjang abgestritten.

Aber tatsächlich ist Nordkorea neben Russland und Syrien eines von nur drei UN-Mitgliedern, die die umkämpften ukrainischen Regionen Luhansk und Donezk als unabhängige Volksrepubliken anerkennt. Und natürlich war es auch ein Zeichen, dass Verteidigungsminister Schojgu zur 70-Jahr-Feier kam. Er traf seinen nordkoreanischen Amtskollegen. Er besuchte mit Kim Jong-un eine Ausstellung zu Nordkoreas neuesten Waffensystemen. Er übergab einen Brief von Wladimir Putin. Laut Nordkoreas Arbeiterparteizeitung Rodong Sinmun pries Schojgu Nordkoreas Armee auf einem Bankett als „die mächtigste Armee der Welt“. Gemäß dem russischen Verteidigungsministerium lobte Schojgu den Austausch als Beitrag dazu, „die Zusammenarbeit zwischen unseren Verteidigungsbehörden zu stärken“.

Was auch immer das alles genau bedeutete: Kim Jong-un kann das Verhältnis zu Russland gerade als starke antiamerikanische Allianz vermarkten.

Was auch immer das alles genau bedeutete: Kim Jong-un kann das Verhältnis zu Russland gerade als starke antiamerikanische Allianz vermarkten.

Und China ist der Partner, der Kims Laden zusammenhält. Kim Jong-un schottet sein Land weiter ab, obwohl die Pandemie offiziell vorbei ist. Er kann so seine Macht leichter vor westlichen Einflüssen schützen, die wegen der UN-Sanktionen ohnehin nicht sehr hilfreich sein können. Dank China kann er sich diese Isolation leisten. Vor der Pandemie wickelte Nordkorea mehr als 95 Prozent des gesamten Handels mit China ab. Seit die Grenzen geschlossen sind, ist chinesische Hilfe praktisch die einzige, die Nordkorea zulässt.

Vom großen Nachbarn bekommt das Regime das Allernötigste an Getreide, Dünger und Öl, um die Grundversorgung der Nation abzudecken. „Vielleicht macht China gerade ein bahnbrechendes Experiment“, sagt der Nordkorea-Experte Andrei Lankov von der Kookmin-Universität in Seoul, „es zahlt ein bedingungsloses Grundeinkommen, und zwar nicht für eine Einzelperson. Sondern für ein ganzes Land.“

Für die Regierenden in Pjöngjang ist Chinas Engagement praktisch: Sie müssen die heimische Planwirtschaft nicht reformieren und können mit ihrem Rüstungsprogramm weitermachen wie bisher, weil sie sich auf die Hilfe aus Peking verlassen können. Sie müssen nicht einmal viel tun für den mächtigen Gönner. „Nordkorea wird von den Chinesen einfach nur fürs Dasein bezahlt“, sagt Lankov.

Nordkorea ist für China die Pufferzone, die verhindert, dass die Vereinigten Staaten als Verbündeter Südkoreas Soldaten an der koreanisch-chinesischen Grenze stationieren kann.

Nordkorea ist für China die Pufferzone, die verhindert, dass die Vereinigten Staaten als Verbündeter Südkoreas Soldaten an der koreanisch-chinesischen Grenze stationieren kann.

Außerdem passt die Geschichte des Kim-Regimes in Pekings Propaganda-Konzept. Es war der chinesischen Regierung sicher wichtig, bei den Feierlichkeiten am Donnerstag dabei gewesen zu sein. Während der erste tödliche Konflikt im Kalten Krieg hierzulande fast gänzlich vergessen ist, spielt er in China heute wieder eine große Rolle. Seit der Annäherung zu den USA in den 1970er-Jahren wurde eher leise an den Stellvertreterkrieg erinnert, in dem rund 4,5 Millionen Menschen ums Leben kamen.

Inzwischen lässt Peking den Koreakrieg in Blockbustern neu verfilmen, Kinder lernen in der Schule über den „Überfall der Amerikaner“, eine angebliche Attacke unter dem Deckmantel einer UN-Mission. Am Donnerstag schwemmten die Staatsmedien die sozialen Medien mit Berichten von Zeitzeugen, die in Korea kämpften, aber auch Artikeln über die Modernisierung der eigenen Armee. Die zentrale Botschaft: Schon einmal haben wir die USA besiegt. Keine Angst also, für den nächsten Krieg ist China gewappnet.

Wie der Krieg selbst ist auch die Beziehung zu seinem Nachbarn deutlich komplizierter, als Peking es darstellt: Das Land füttert seinen Nachbarn zwar durch. Ein Zusammenbruch mit Millionen Binnenflüchtlingen ist für die Kommunistische Partei eine Horrorvorstellung. Solange das Land selbst seine Null-Covid-Strategie verfolgt, dürfte Peking die strikte Grenzpolitik sehr recht gewesen sein.

Doch während Chinas Führung in der Vergangenheit durchaus über die Waffentests hinweggeschaut hat, ist Pekings Sorge mit Blick auf Kims nukleare Ambitionen groß. Der Konflikt zwischen den USA und China und Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine haben die geopolitische Lage in der Region verändert. Nervös schaut Peking dabei zu, wie die USA und die Nato ihre Zusammenarbeit mit asiatischen Staaten im Pazifik neu stärken. US-Präsident Joe Biden hat den japanischen Regierungschef Fumio Kishida und den südkoreanischen Präsidenten Yoon Suk-yeol zu einem Dreiertreffen im August ins Camp David nahe Washington eingeladen.

Bei dem Treffen der Verbündeten dürfte es ebenso um Nordkorea gehen, wie um das wachsende Machtstreben Chinas in der Region. Südkorea und Japan fühlen sich zunehmend bedroht durch Kims Atomwaffenprogramm, die Folge könnte ein atomares Wettrüsten sein. Wie angespannt die Lage ist, zeigte sich auch am Montag wieder, als Nordkorea zwei ballistische Raketen abfeuerte, nachdem ein US-amerikanisches Atom-U-Boot in Südkorea eingetroffen war. UN-Beschlüsse untersagen Nordkorea die Tests von ballistischen Raketen jeglicher Reichweite.

Aber das interessiert Kim Jong-un nicht. Er will die Welt erschrecken mit den atomwaffenfähigen Raketen, die er hat. Das hat auch dieser Donnerstag wieder gezeigt.

Text: Lea Sahay, Thomas Hahn, Digitales Storytelling: Jonas Junack