Zeichentrick

Ein Tollpatsch wird 90

1932 hatte Goofy seinen ersten Auftritt in einem Disney-Kurzfilm. Als sein Erfinder gilt der Zeichner Art Babbitt – doch das ist nur die halbe Wahrheit.

24. Mai 2022 - 4 Min. Lesezeit

Wer ist eigentlich Goofy, der an diesem 25. Mai seinen 90. Geburtstag feiert? Generationen von Comic-Leserinnen und Zeichentrick-Freunden sind mit ihm aufgewachsen.

Sie erinnern sich an seine schlaksigen Bewegungen, ...

... vor allem an sein rätselhaft unkoordiniertes Lachen.

Sie erinnern sich an seine schlaksigen Bewegungen, ...

... vor allem an sein rätselhaft unkoordiniertes Lachen.

In seiner Unbeholfenheit war und ist Goofy deutlich sympathischer als die fürchterlich streberhafte Micky Maus oder die total überspannte Ente Donald Duck. Hätte man sich aus dem Disney-Taschenbuch-Universum einen Freund fürs Leben auswählen dürfen, so wäre es – natürlich – Goofy gewesen. Warum eigentlich?

Man müsse sich Goofy als Zusammensetzung aus einem „unverbesserlichen Optimisten, einem barmherzigen Samariter, einem Halbidioten und einem hilflosen, gutmütigen Hinterwäldler“ vorstellen, so fasste es Disney-Zeichner Art Babbitt in den 1930er-Jahren zusammen.

Art Babbitt, der interessanterweise auch für die Entwicklung eines anderen starken Charakters, nämlich den der bösen Königin in Disneys erstem abendfüllenden Film „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ aus dem Jahr 1937, verantwortlich war, wird gerne als Erfinder Goofys bezeichnet. Doch die Sache ist komplizierter.

Auf der Suche nach neuen unterhaltsamen Charakteren für die Micky-Maus-Familie berichtete der Schauspieler Pinto Colvig, der für die Walt Disney Studios als Sprecher arbeitete, dem Animationsteam vom, heute muss man sich für diesen Ausdruck entschuldigen, „Dorfidioten“ des Städtchens, in dem er Ende des 19. Jahrhunderts, Anfang des 20. Jahrhunderts in Oregon aufgewachsen war.

In seiner Jugend war Colvig, das jüngste von sieben Kindern, von den interessanten Eigenheiten dieses Mannes fasziniert und beobachtete ihn. Später schlüpfte Colvig als Clown auf den Bühnen der damals sehr beliebten Klein-Varietés in dessen Rolle.

Art Babbitt, der interessanterweise auch für die Entwicklung eines anderen starken Charakters, nämlich den der bösen Königin in Disneys erstem abendfüllenden Film „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ aus dem Jahr 1937, verantwortlich war, wird gerne als Erfinder Goofys bezeichnet. Doch die Sache ist komplizierter.

Auf der Suche nach neuen unterhaltsamen Charakteren für die Micky-Maus-Familie berichtete der Schauspieler Pinto Colvig, der für die Walt Disney Studios als Sprecher arbeitete, dem Animationsteam vom, heute muss man sich für diesen Ausdruck entschuldigen, „Dorfidioten“ des Städtchens, in dem er Ende des 19. Jahrhunderts, Anfang des 20. Jahrhunderts in Oregon aufgewachsen war.

In seiner Jugend war Colvig, das jüngste von sieben Kindern, von den interessanten Eigenheiten dieses Mannes fasziniert und beobachtete ihn. Später schlüpfte Colvig als Clown auf den Bühnen der damals sehr beliebten Klein-Varietés in dessen Rolle.

Um Firmenboss Walt Disney den Charakter näherzubringen, habe er ihm im Konferenzzimmer eine kleine Kostprobe gegeben, so ist in Colvigs Erinnerungen zu lesen.

Disney beauftragte daraufhin einen seiner Zeichner, Skizzen von Colvigs Posen und Gesten anzufertigen, die ja eigentlich die des namenlosen Außenseiters aus Jacksonville/Oregon waren. Und Animator Art Babbitt erhielt später die Aufgabe, den Charakter weiterzuentwickeln. Heraus kam die (von Colvig gesprochene) Figur eines anthropomorphen Hundes, welcher – kaum größer als eine Maus – Micky in einem Kurzfilm erstmals als Freund an die Seite gezeichnet wurde.

Mickey Mouse, Donald Duck und Goofy in einem Comic aus den 30er-Jahren.
Mickey Mouse, Donald Duck und Goofy in einem Comic aus den 30er-Jahren.

Fast immer blieb Goofy ein Einzelgänger (erst in den 1990er-Jahren verpatchworkte man ihn zum alleinerziehenden Vater) – ungeschickt, aber gelassen.

Goofy mit seinem Sohn Max in "Goofy – Der Film" von 1995.
Goofy mit seinem Sohn Max in "Goofy – Der Film" von 1995.

Statt „Gosh!“ sagt er im Original „Gawrsh!“, vermutlich weil er aus Oregon kommt. Sein eruptiv auftretendes Lachen klingt eher nach „Ah-hyuck!“ als nach „Haha“. Und eigentlich ist schon sein Name diskriminierend: „Albern“ (anfangs hieß er „Dippy Dawg“, verdrehter Hund). Alles nicht nett. Zusammenfassend muss man über Goofy sagen: Wirkte er mit seinem Leben nicht derart zufrieden, so bräuchte er wahrscheinlich dringend Hilfe.

Goofy in einem Zeichentrickfilm aus den 40er-Jahren.
Goofy in einem Zeichentrickfilm aus den 40er-Jahren.

Dramaturgisch folgt der Charakter einem bis heute sehr bewährten Muster: Neben dem Helden braucht eine Geschichte eben immer auch einen Narren. Das Lachen über den Buffo-Charakter ermöglicht dem Leser, der Hörerin oder dem Zuschauer ein tieferes Eintauchen in die Geschichte. Das beweisen Papageno in Mozarts „Zauberflöte“ ...

... oder Touchstone in Shakespeares „Wie es euch gefällt“.

Es beweisen auch Obelix und Idefix als lustige Kontraparts zu Asterix, ...

... oder Touchstone in Shakespeares „Wie es euch gefällt“.

Es beweisen auch Obelix und Idefix als lustige Kontraparts zu Asterix, ...

... Snoopy und Woodstock bei den Peanuts und Grobi oder Ernie in der Sesamstraße. Humor macht das Leben immer leichter.

Und so spiegelt auch Goofy mit seinen nilpferdartigen Zähnen, seiner lächerlichen Mütze, seinen ausgelatschten Schuhen, der geflickten Hose, dem viel zu großen Pullover und einer völlig sinnlosen Weste vor allem eines: den Durchschnittsbürger, der alles andere ist als ein Held.

Goofy-Darstellung aus den 60er-Jahren.
Goofy-Darstellung aus den 60er-Jahren.

Man kann nur hoffen, dass Goofy – sollte sich seine nicht ganz unproblematische Herkunft noch weiter herumsprechen – nicht irgendwann auf dem, wie es Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek jüngst in ihrem Protest gegen die vom Egmont-Ehapa-Verlag überarbeiteten, einst von Erika Fuchs ins Deutsche übersetzen Micky-Maus-Geschichten nannte, „Altar des Götzen der Political Correctness quasi geopfert“ wird. Denn das würde ihm wirklich nicht gerecht.

Team
Digitales Storytelling Veronika Wulf
Redaktion Nadeschda Scharfenberg
Schlussredaktion Ralf Steinbacher
Bildredaktion Julia Hecht, Britta Tepperwien