Bundesregierung

Lasst sie machen

Das Abenteuer geht weiter: Warum die Ampelkoalition besser als ihr Ruf ist und ein Comeback der alten Bundesrepublik nicht infrage kommt.

Essay von Nils Minkmar
21. Oktober 2022 - 6 Min. Lesezeit

Die Philosophin Susan Neiman hat eine interessante Beobachtung gemacht. Sie führte, als das von ihr geleitete Einstein-Forum das Sommerhaus von Albert Einstein restauriert und zur Besichtigung freigegeben hatte, Besuchergruppen durch das schön gelegene Haus in Caputh. Und da fiel ihr etwas auf: Die internationalen Gäste freuten sich über die Möglichkeit, auf den Spuren Einsteins zu wandeln, und waren neugierig. Viele deutsche Besucher nutzten hingegen die Gelegenheit, über seine angebliche Schwäche in Mathematik zu lästern, oder die tragische Geschichte seiner ersten Ehe auszubreiten, ganz so, als sei es ihnen ein Bedürfnis, den genialen Wissenschaftler und Humanisten ein wenig abzuschleifen, um klarzumachen, dass Bäume nicht in den Himmel wachsen und auch Einstein nur mit Wasser kocht. Es war ihr, als wollten diese Besucherinnen keine Freude, keine Dankbarkeit aufkommen lassen und sich vor Enttäuschungen schützen, indem sie erst gar keine positiven Urteile zulassen. Neiman fand das merkwürdig und auch etwas schade.

Dieser Mechanismus der vorauseilenden Abwertung ist auch in der Beurteilung der Ampelkoalition zu beobachten – auch wenn keine Bundesregierung in unseren postheroischen Zeiten je mit einem Einstein auf einer Stufe stehen wird. Aber der kulturelle Mechanismus ist ganz ähnlich. Fast seit ihrem Bestehen weist man auf die Spannungen und Differenzen innerhalb des Dreibundes hin, dessen hervorstechendstes Merkmal es freilich ist, eine einmalige, erst mal ungewöhnliche, wenn nicht unmögliche Koalition zu sein.

Bundesregierung

Lasst sie machen

Das Abenteuer geht weiter: Warum die Ampelkoalition besser als ihr Ruf ist und ein Comeback der alten Bundesrepublik nicht infrage kommt.

Die Philosophin Susan Neiman hat eine interessante Beobachtung gemacht. Sie führte, als das von ihr geleitete Einstein-Forum das Sommerhaus von Albert Einstein restauriert und zur Besichtigung freigegeben hatte, Besuchergruppen durch das schön gelegene Haus in Caputh. Und da fiel ihr etwas auf: Die internationalen Gäste freuten sich über die Möglichkeit, auf den Spuren Einsteins zu wandeln, und waren neugierig. Viele deutsche Besucher nutzten hingegen die Gelegenheit, über seine angebliche Schwäche in Mathematik zu lästern, oder die tragische Geschichte seiner ersten Ehe auszubreiten, ganz so, als sei es ihnen ein Bedürfnis, den genialen Wissenschaftler und Humanisten ein wenig abzuschleifen, um klarzumachen, dass Bäume nicht in den Himmel wachsen und auch Einstein nur mit Wasser kocht. Es war ihr, als wollten diese Besucherinnen keine Freude, keine Dankbarkeit aufkommen lassen und sich vor Enttäuschungen schützen, indem sie erst gar keine positiven Urteile zulassen. Neiman fand das merkwürdig und auch etwas schade.

Dieser Mechanismus der vorauseilenden Abwertung ist auch in der Beurteilung der Ampelkoalition zu beobachten – auch wenn keine Bundesregierung in unseren postheroischen Zeiten je mit einem Einstein auf einer Stufe stehen wird. Aber der kulturelle Mechanismus ist ganz ähnlich. Fast seit ihrem Bestehen weist man auf die Spannungen und Differenzen innerhalb des Dreibundes hin, dessen hervorstechendstes Merkmal es freilich ist, eine einmalige, erst mal ungewöhnliche, wenn nicht unmögliche Koalition zu sein.