Süddeutsche Zeitung

Zuwanderungsdebatte:Osteuropa verliert, Deutschland gewinnt

Am 1. Januar 2014 fallen die letzten Hürden, die bisher den Zuzug von Arbeitnehmern aus Osteuropa nach Deutschland beschränkt haben. Hierzulande machen Politiker bereits Stimmung gegen Migranten. Dabei leiden Rumänien und Bulgarien stark unter der Abwanderung hochqualifizierter Arbeitskräfte - und Deutschland profitiert erheblich vom Zuzug der Osteuropäer.

Von Florian Hassel, Belgrad

Ein bezugsfertiges Haus direkt neben der Klinik - auf den ersten Blick bieten die Regierungen Rumäniens und Ungarns neuen Ärzten in Sfantu Gheorghe hohen Komfort. Grund der Großzügigkeit in der auch von vielen Ungarn bewohnten rumänischen Stadt: die Abwanderung von Ärzten nach Westeuropa zu stoppen.

Der Exodus der klügsten Köpfe ins Ausland trifft Osteuropa schon seit Jahren. Und Rumänien und Bulgarien könnten vom 1. Januar 2014 an noch stärker betroffen sein. Dann enden in Deutschland, Österreich und sechs weiteren EU-Ländern die letzten Arbeitsbeschränkungen für Rumänen und Bulgaren, welche die reichen Länder vor der Aufnahme Bukarests und Sofias 2007 in die EU aus Angst vor einem Ansturm durchgesetzt hatten.

Vom 1. Januar an darf sich jeder Rumäne oder Bulgare überall in der EU niederlassen, arbeiten, aber auch Sozial- und Rentensysteme in Anspruch nehmen. Lehrlinge und Studenten, Akademiker und Fachkräfte, aber auch Saisonarbeiter dürfen schon seit Anfang 2012 nach Deutschland kommen. Kurz vor Weihnachten fasste das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), das der Bundesagentur für Arbeit untersteht, Erkenntnisse über die bereits gut 360.000 in Deutschland lebenden Rumänen und Bulgaren zusammen. Das Fazit: Deutschland profitiert von der Zuwanderung durch Rumänen und Bulgaren - und zwar erheblich.

Zwar sind in Berlin, Duisburg oder Dortmund etwa ein Viertel der dort lebenden Bulgaren und Rumänen arbeitslos, viele beziehen Sozialleistungen. Doch das ist nicht die Regel. Insgesamt waren laut IAB zur Jahresmitte nur 7,4 Prozent der in Deutschland lebenden Rumänen und Bulgaren ohne Arbeit - damit liegen die Zuwanderer sogar etwas unter dem Durchschnitt der Bevölkerung.

2014 kommen 100.000 Rumänen und Bulgaren - mindestens

Die eingewanderten Rumänen und Bulgaren sind meist jung, gut die Hälfte hat einen Berufs- oder Hochschulabschluss. Sie beziehen nur halb so häufig Kindergeld wie andere Ausländer. Sie bekommen selten Arbeitslosengeld oder Rente, zahlen aber viel in die Renten- und Sozialkassen ein. Unterm Strich bleibe "ein positiver Nettobeitrag der in Deutschland lebenden Migranten", stellten die IAB-Forscher schon im Sommer fest.

Dieser Beitrag werde steigen, wenn 2014 weitere 100.000 bis 180.000 Rumänen und Bulgaren nach Deutschland kämen. Auch dank der Polen, Rumänen und Bulgaren seien 2012 "zum ersten Mal seit 15 Jahren" wieder genug Einwanderer nach Deutschland gekommen, um die Alterung der Deutschen aufzufangen, so der Sachverständigenrat für Integration und Migration.

Die andere Seite der Bilanz: In Bulgarien ist die Einwohnerzahl seit dem Ende des Kommunismus von neun auf 7,4 Millionen gesunken, vor allem durch Abwanderung. Rumänien verlor fast vier Millionen Einwohner. Die Auswanderer gingen, weil der Lebensstandard deutlich niedriger ist als in Westeuropa oder den USA; weil die Regierungen korrupt sind und die Wirtschaft kriselt. Daran hat sich nichts geändert.

Anders als in Westeuropa sind Ärzte in Rumänien wenig angesehen. Die Ausstattung in den Krankenhäusern ist oft miserabel, das Gehalt eines Arztes liegt unter 1000 Euro. Und den Arbeitsplatz muss sich ein junger Arzt oft erst teuer erkaufen, wie Elena Stancu für das Balkan Investigative Reporting Network (BIRN) dokumentierte. Eine Arztstelle in einer rumänischen Kleinstadt kostet 15 000 Euro Bestechungsgeld. In einer größeren Stadt sind 30 000 Euro fällig - Kosten, die bei den Patienten wieder hereingeholt werden.

Auswanderungswelle der Mediziner

Mediziner, die diese Praxis ablehnen, gehen ins Ausland - nach Zahlen des Ärzteverbandes seit 2007 mindestens 13.000. Allein in Deutschland sind mittlerweile gut 2900 rumänische Ärzte registriert. Bulgarische Mediziner sind ähnlich ausreisewillig. Nach einer Umfrage der Medizinischen Universität von Sofia planen mehr als vier Fünftel der neuen Ärzte auszuwandern.

Rumänien und Bulgarien verlieren dadurch Milliarden, die zuvor in die Ausbildung der Ärzte gesteckt wurden. Freilich überweisen die Auswanderer auch Geld in die Heimat. In Bulgarien waren es 2013 fast 1,5 Milliarden Euro, knapp drei Prozent der Wirtschaftsleistung; in Rumänien rund drei Milliarden Euro, das entspricht zwei Prozent der Wirtschaftsleistung.

Das Geld fließt nicht nur in den Konsum, sondern auch in eine bessere Erziehung der zu Hause gebliebenen Kinder oder den Aufbau kleiner Geschäfte. Die ebenfalls stark alternden Gesellschaften Bulgariens und Rumäniens zahlen einen hohen Preis, wenn viele der Leistungsfähigsten gehen.

Nicht nur die Krankenhäuser verlieren Fachkräfte. Auch Baufirmen oder Textilfabriken, Sägewerke oder Hotels haben in Rumänien und Bulgarien mittlerweile die größten Probleme europaweit, Personal zu finden. Das ergab eine Umfrage der Unternehmensberatung Manpower.

Schwarzer Humor in Sofia

Die Regierung in Bukarest versucht schon seit 2008, ausgewanderte Rumänen zur Heimkehr zu bewegen. etwa mit Jobmessen. Der Erfolg ist mäßig. Die Abwanderung der Besten nimmt nach Ansicht der Forscherin Eva Militaru sogar zu, es gebe eine "vierte Auswanderungswelle". Sofias Tageszeitung 24 Stunden berichtete im Oktober über eine Umfrage, wonach 27 Prozent der Bulgaren bereit seien, ihr Land zu verlassen.

Einer anderen Erhebung zufolge überlegen 200 000 Bulgaren (knapp fünf Prozent der Gesamtbevölkerung), ihr Glück nach dem 1. Januar in anderen EU-Ländern zu versuchen. 85 Prozent dieser Auswanderungswilligen sind unter 40, drei Viertel haben Abitur oder Hochschulabschluss. Gehen sie wirklich, profitieren ihre neuen Aufnahmeländer.

In Sofia, so scherzen junge Bulgaren mit schwarzem Humor, gebe es zwei Wege aus der Krise - Terminal 1 und Terminal 2 des Flughafens.

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Quelle:
SZ vom 30.12.2013/odg
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