Süddeutsche Zeitung

UN:Rückschlag im Kampf gegen Hunger

Eigentlich sollte Nahrungsknappheit bis 2030 besiegt sein. Das wird nicht gelingen, zeigt der neue Welthungerbericht. Die Lage hat sich sogar verschlechtert.

Von Marc Beise, Rom

Der Krieg in der Ukraine und die Covid-19-Pandemie haben die erklärte Hoffnung der Weltgemeinschaft zunichte gemacht, den Hunger auf allen Kontinenten bis 2030 zu besiegen - wenn das Ziel überhaupt jemals realistisch war. Die jüngsten Zahlen der Vereinten Nationen zur Ernährungssituation in der Welt stimmen nicht optimistisch. Aus dem neuen Welthungerbericht, der am Mittwoch in Rom und New York veröffentlicht wurde, ergibt sich, dass die tatsächlichen Zahlen immer noch weit über den Erwartungen von vor der Covid-19-Pandemie liegen.

Zwar ist der Hunger 2022 im Vergleich zu 2021 bei weiter steigender Weltbevölkerung von jetzt schon mehr als acht Milliarden Menschen um 3,8 Millionen leicht zurückgegangen, doch waren auch im vergangenen Jahr zwischen 690 und 783 Millionen Menschen von Hunger bedroht, schätzen die zahlreichen Experten, die zu dem umfangreichen und mit vielen Daten gespickten 313-seitigen Bericht beigetragen haben. Das sind 122 Millionen Menschen mehr, als in Prognosen vor Covid und dem Krieg erwartet worden waren. Der Sofi-Report (State of Food Security and Nutrition in the World) wird jährlich unter anderem von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), dem Kinderhilfswerk Unicef und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erstellt.

"Kein Grund zur Selbstzufriedenheit"

Zwar seien in einigen Regionen im vergangenen Jahr Fortschritte gemacht worden, aber es gebe "keinen Grund zur Selbstzufriedenheit". Bescheidene Fortschritte würden durch steigende Lebensmittel- und Energiepreise in Folge des Krieges in der Ukraine untergraben. Namentlich in Westasien, der Karibik und den meisten Teilen Afrikas habe sich die Situation verschlechtert.

Nach jetzigen Erwartungen werden auch im Jahr 2030 noch fast 600 Millionen Menschen von Hunger bedroht sein; das wären 119 Millionen Menschen mehr als in einem früheren Szenario noch ohne Pandemie und Ukraine-Krieg. Die UN wollen ihr offizielles Null-Hunger-Ziel bis 2030 nicht aufgeben, aber sie sprechen von einer "enormen Herausforderung". Deutlicher wurde kürzlich der Papst in einer Botschaft an die FAO. Er wies darauf hin, dass das UN-Ziel wohl nicht mehr zu erreichen sei. Dies dürfe jedoch nicht dazu verleiten, die Programme nach den Interessen der Geberländer umzugestalten. Franziskus warnte vor einer "ideologischen Kolonisierung". Projekte dürften nicht von oben herab oder von Organisationen, die ihre eigenen Interessen oder ihren Profit im Auge hätten, aufgezwungen werden.

Die Vereinten Nationen sorgt aber nicht nur der unmittelbare Hunger in der Welt, sondern auch die Ernährungssituation insgesamt. So hatten im Berichtsjahr 2022 insgesamt 2,4 Milliarden Menschen keinen eigenen Zugang zu nahrhaften, sicheren und ausreichenden Lebensmitteln über das ganze Jahr, darunter besonders viele Frauen und Menschen in ländlichen Gebieten. Trotz der Fortschritte im Kampf gegen Unterernährung bei Kindern sei die Welt auch hier nicht auf dem Weg, die damit verbundenen Ziele für 2030 zu erreichen, das sei eine "enttäuschende Entwicklung", schreiben die Leiter der beteiligten UN-Organisationen in ihrem gemeinsamen Vorwort.

Kleinbauern brauchen direkten Zugang zu Technik und Finanzen

Ein besonderer Fokus des diesjährigen Berichts liegt auf den Auswirkungen der Verstädterung auf die Ernährungssicherheit weltweit. Heute schon leben mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten, 2050 werden es 70 Prozent sein. Damit wird sich das Konsumverhalten verändern, so werden mehr Obst, Gemüse, Fleisch, Milchprodukte und raffinierte Lebensmittel nachgefragt werden.

Dies eröffne neue Chancen für Kleinbäuerinnen und Kleinbauern und die Landbevölkerung insgesamt, sagt Alvaro Lario, Präsident des UN-Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung (IFAD), der wie die FAO in Rom sitzt und Mitherausgeber des Berichts ist. Wenn kleinbäuerliche Produzenten direkten Zugang zu modernen Technologien und Finanzmitteln bekämen, könnten sie mehr Lebensmittel produzieren, die Produktion diversifizieren und sowohl städtische als auch ländliche Märkte versorgen. Das könne am Ende "den Unterschied machen".

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