Süddeutsche Zeitung

Lübcke-Prozess:"Das wird nie wieder so sein"

Nach dem Mord am ehemaligen Regierungspräsidenten überlegte die Familie, das Haus zu verkaufen, das zum Tatort wurde. Doch dann entschied sie sich zu bleiben - Lübckes Sohn berichtet im Gericht, warum.

Von Annette Ramelsberger, Frankfurt

Sie wohnen noch immer in diesem Haus, das der Attentäter jahrelang ausgespäht hat. Die Witwe von Walter Lübcke unten im Erdgeschoss, sein jüngerer Sohn, dessen Frau und die Enkelin im ersten Stock. Mit einer Wiese hinter dem Haus, einem Hund und einem Pferd. Es könnte eine Idylle sein, aber es ist ein Tatort. Die Familie lebt dort, wo ein Rechtsradikaler dem Kommunalpolitiker am 1. Juni 2019 aufgelauert und ihn auf seiner Terrasse ermordet hat.

Im ersten Impuls, so erzählt Jan-Hendrik Lübcke, "da dachten wir: Wir verkaufen alles, ziehen weg und lassen alles hinter uns. Aber nur weil jemand meint, er müsste über unseren Vater urteilen ..." Der Sohn knetet seine Hände, er atmet tief durch, dann sagt er: "Wir wollen dort weiter wohnen bleiben. Wir wollen damit bekräftigen, dass wir hinter unserem Vater stehen." Stephan Ernst, der des Mordes an Lübcke angeklagt ist, sitzt fahl und bleich auf seinem Stuhl und hält die Hände still im Schoß. Er hört zu.

Es ist der siebte Verhandlungstag im Prozess gegen Ernst, der zugegeben hat, den Kasseler Regierungspräsidenten Lübcke erschossen zu haben - aus Hass wegen seines Einsatzes für die Unterbringung von Flüchtlingen. Unter dem Einfluss seines Anwalts Frank Hannig hat er dieses Geständnis dann widerrufen. Doch diesen Anwalt gibt es seit Dienstag nicht mehr in dem Verfahren. Das Gericht hat ihn entpflichtet.

Einer der Anwälte muss den Saal verlassen

Er schade den Interessen seines Mandanten, sagte der Richter. Denn Hannig hatte unabgesprochen Anträge gestellt, die die Familie von Lübcke in ein dubioses Licht stellten und den Mordverdacht auch auf Arbeitskollegen von Ernst lenken sollten. Das aber hätte auf Ernst zurückfallen und die Hinweise mehren können, dass es sich bei ihm nicht um einen Einzeltäter, sondern um den Teil eines rechtsradikalen Netzwerk handeln könnte.

"Selbstverständlich wäre der Senat daran interessiert, ein rechtes Netzwerk aufzudecken", sagte Richter Thomas Sagebiel. "Aber das widerspricht den Interessen des Angeklagten." Deswegen ist Hannig raus, er muss den Saal verlassen.

Dann tritt der jüngere Sohn von Walter Lübcke in den Zeugenstand. Jan-Hendrik Lübcke, 30, hat seinen Vater nach dem Mordanschlag gefunden, er hat noch versucht, ihn wiederzubeleben, hat sein Herz massiert - und dann gesehen, dass immer mehr Blut aus Mund und Nase kommt. Was er sich nicht erklären konnte. Erst im Krankenhaus wurde die Kugel im Kopf von Lübcke gefunden - und auch das erst, als die Familie darauf drängte, sie wolle wissen, warum der Vater so viel Blut verloren hatte. Alle dachten, der Mann habe einen Herzinfarkt erlitten.

Der Sohn spricht mit einer Sachlichkeit über die Ereignisse dieser Nacht, die übermenschlich wirkt. Am Anfang entschuldigt er sich auch noch, er sei etwas angespannt, denn seine Frau sei überraschend ins Krankenhaus gekommen. Deswegen ist auch Lübckes Witwe Irmgard nicht da, sie passt auf die Enkelin auf, damit der Sohn der Pflicht als Zeuge nachkommen kann. Die Familie will alles tun, damit dieser Prozess ordnungsgemäß läuft.

"Wir werden damit nie fertig werden"

Der Sohn erzählt von jenem Samstag, dem 1. Juni 2019, an dem er abends auf der nahen Kirmes war. Als er nachts gegen halb eins nach Hause kam, schaute er auf die Terrasse und sah seinen Vater im Stuhl sitzen. Der Sohn macht es im Gerichtssaal vor: den Kopf zurück in den Nacken gesunken, der Mund offen, die Arme hängen herab, in der einen Hand eine erloschene Zigarette. "Es sah alles normal aus", sagt er. Nicht nach Kampf, sondern so, als wäre der Vater eingenickt. Erst als er ihn anfasste, spürte er, dass etwas nicht stimmte.

Er schildert das alles ruhig, klar, schnörkellos. Erst als er seinen Vater beschreiben soll, den "Waldecker Jung", der sich aus kleinen Verhältnissen hochgearbeitet hat bis zum "Fürst von Nordhessen", wie er scherzhaft genannt wurde, da bricht dem Sohn die Stimme. Er sei in seinem Amt als Regierungspräsident aufgegangen, er sei bei den Flüchtlingen auf dem Standpunkt gestanden: "Den Leuten muss geholfen werden." "Linie Merkel?", fragt der Richter. "Ja, Linie Merkel", sagt der Sohn.

Jeden Morgen haben sich Vater und Sohn an der Garage getroffen, wenn der eine ins Regierungspräsidium fuhr und der andere in seinen Photovoltaik-Betrieb. "Das wird nie wieder so sein", sagt der Sohn. Seine Stimme bricht.

"Wie geht es Ihrer Mutter", fragt der Richter weiter. "Sie ist noch schwerer getroffen als wir." Die Lübckes waren 40 Jahre lang miteinander verheiratet. "Wir werden damit nie fertig werden", sagt der Sohn.

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SZ vom 29.07.2020
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