Süddeutsche Zeitung

Katholische Kirche:Vatikan bremst Kirchenreformen aus

Der deutsche "Synodale Weg" sei nicht befugt, neue Ausrichtungen der katholischen Lehre und der Moral zu beschließen, schreibt der Heilige Stuhl. Im Kern wird damit allen Reformbemühungen eine Absage erteilt.

Von Annette Zoch

Die Ansage kam - wie so vieles aus dem Vatikan - völlig unerwartet. Sie ist knapp, aber in ihrer Deutlichkeit kaum misszuverstehen: "Erklärung des Heiligen Stuhls" sind die zwölf Zeilen überschrieben. Im Kern erteilt Rom den Bemühungen des deutschen Synodalen Wegs, der Reformdebatte zwischen Klerikern und Laien, eine Absage. "Zur Wahrung der Freiheit des Volkes Gottes und der Ausübung des bischöflichen Amtes erscheint es notwendig klarzustellen: Der 'Synodale Weg' in Deutschland ist nicht befugt, die Bischöfe und die Gläubigen zur Annahme neuer Formen der Leitung und neuer Ausrichtungen der Lehre und der Moral zu verpflichten", heißt es zu Beginn der Erklärung.

"Es wäre nicht zulässig, in den Diözesen vor einer auf Ebene der Universalkirche abgestimmten Übereinkunft neue amtliche Strukturen oder Lehren einzuführen, welche eine Verletzung der kirchlichen Gemeinschaft und eine Bedrohung der Einheit der Kirche darstellen würden", heißt es weiter. Es sei wünschenswert, "dass die Vorschläge des Weges der Teilkirchen in Deutschland in den synodalen Prozess, auf dem die Universalkirche unterwegs ist, einfließen mögen, um zur gegenseitigen Bereicherung beizutragen und ein Zeugnis der Einheit zu geben, mit welcher der Leib der Kirche seine Treue zu Christus, dem Herrn, bekundet."

Dass Papst Franziskus der deutschen Reformdebatte eher kritisch gegenübersteht, ist kein Geheimnis. Bereits vor Beginn des Synodalen Wegs hatte er in einem Schreiben "an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland" angemahnt, die Einheit mit der Weltkirche nicht aufzugeben. Der entscheidende Satz aus dem Schreiben wird nun auch in der nicht unterzeichneten Erklärung vom Donnerstag wiederholt: "Die Weltkirche lebt in und aus den Teilkirchen, so wie die Teilkirchen in und aus der Weltkirche leben und erblühen; falls sie von der Weltkirche getrennt wären, würden sie sich schwächen, verderben und sterben."

Papst Franziskus hatte im vergangenen Oktober einen Synodalen Prozess für die Weltkirche gestartet, der noch bis 2024 dauern soll. Unklar ist aber, was genau das Ziel dieses Prozesses ist und ob am Ende konkrete Reformen stehen. Weltweit sollen zwar auf Ebene der Diözesen Reformideen diskutiert und am Ende von einer Bischofssynode in Rom beraten werden.

Frauen als Diakoninnen? Reform des Zölibats? Am Ende entscheidet der Papst

Der deutsche Synodale Weg, initiiert von Deutscher Bischofskonferenz und dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) war deutlich früher gestartet, nämlich bereits 2019 und zudem als Konsequenz aus dem Missbrauchsskandal. Die Laien diskutieren "auf Augenhöhe", wie stets betont wird, mit Bischöfen und Klerikern - allerdings haben die Bischöfe am Ende eine Sperrminorität. Konkret beschlossen wurde bereits eine stärkere Beteiligung der Gläubigen bei der Berufung eines Bischofs. Weiterhin fordert der Synodale Weg unter anderem die Zulassung von Frauen zum Diakoninnen-Amt, eine Reform des Zölibats, die Zulassung von verheirateten Männern zum Priesteramt sowie den Segen der Kirche für homosexuelle Paare. Über diese besonders umstrittenen Punkte soll bei der nächsten Synodalversammlung Anfang September entschieden werden.

Doch selbst wenn all diese Punkte mit der nötigen Zwei-Drittel-Mehrheit der Bischöfe verabschiedet werden - über Fragen der katholischen Lehre wie dem Diakonat der Frau, dem Zölibat und der katholischen Sexuallehre kann am Ende nur der Papst oder ein Konzil entscheiden.

Die Träger des Synodalen Weges, die Deutsche Bischofskonferenz und das ZdK, wurden von der Erklärung aus Rom offensichtlich überrascht. Erst mehr als sechs Stunden nach der Veröffentlichung melden sich der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, und ZdK-Präsidentin Irme Stetter-Karp mit einer Stellungnahme zu Wort und üben offen Kritik an der römischen Kommunikationspolitik: "Wir bemühen uns seit Beginn des Synodalen Weges von Seiten des Präsidiums um direkte Wege der Kommunikation mit den römischen Stellen", schreiben Bätzing und Stetter-Karp. Leider sei das Synodalpräsidium bis heute nicht zu einem Gespräch nach Rom eingeladen worden. "Dass diese direkte Kommunikation bislang nicht stattfindet, bedauern wir irritiert. Synodale Kirche geht nach unserem Verständnis anders!" Auch wie die jüngste Erklärung kommuniziert worden sei, löse "Verwunderung" aus: "Es zeugt von keinem guten Stil der Kommunikation innerhalb der Kirche, wenn nicht namentlich gezeichnete Erklärungen veröffentlicht werden."

Bätzing und Stetter-Karp verbergen gar nicht mehr ihre Verärgerung, wenn sie süffisant schreiben: "Wir begrüßen, dass der Heilige Stuhl noch einmal hervorhebt, wozu wir uns bereits vor dem Beginn des Synodalen Weges 2019 in der Satzung und Geschäftsordnung verpflichtet haben." Laut Satzung nämlich entfalten Beschlüsse der Synodalversammlung ohnehin keine Rechtswirkung, ihre Umsetzung ist dem jeweiligen Diözesanbischof vorbehalten. Und alle Beschlüsse, die einer gesamtkirchlichen Regelung bedürfen, sollen lediglich als Votum dem Heiligen Stuhl übermittelt werden.

"Wir werden nicht müde zu betonen, dass die Kirche in Deutschland keinen ,deutschen Sonderweg' gehen wird", schreiben Bätzing und Stetter-Karp weiter. "Dennoch sehen wir es als unsere Pflicht an, klar zu benennen, wo aus unserer Sicht Änderungen notwendig sind. Dabei spüren wir bereits jetzt, dass die von uns benannten Probleme und Fragen weltweit ähnlich sind."

Auch andere Synodale melden sich unbeirrt bis kämpferisch zu Wort: "Die Freiheit des Volkes Gottes besteht freilich nicht nur darin, überkommene bischöfliche Lehren gehorsam anzunehmen; die Ausübung des bischöflichen Amtes besteht nicht nur darin, überkommene Lehren zu konservieren, koste es, was es wolle", sagte die in Erfurt lehrende Dogmatik-Professorin und Synodale Julia Knop der Katholischen Nachrichten-Agentur.

Die Synodale und Münchner Grünen-Stadträtin Gudrun Lux twitterte: "Als mündige Christ*innen sind wir völlig frei uns zu versammeln, zu beraten und auch zu beschließen, was immer wir wollen. Da werden wir uns von einem völlig aus der Zeit gefallenen Brief aus Rom nicht weiter beeindrucken lassen." Und der Bochumer Theologie-Professor und ZdK-Vize Thomas Söding weist ebenfalls darauf hin, dass Rom nur einschärfe, was in der Satzung stehe. Was aus Rom aber noch kommen müsse sei eine Unterstützung der Erneuerung vor Ort und Konsequenz aus dem Missbrauch.

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