Süddeutsche Zeitung

USA:Zahl der Fälle von Mord und Totschlag extrem gestiegen

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Wegen der Pandemie hat sich die Zahl schwerster Verbrechen um fast 30 Prozent erhöht. Aus Angst kauften Amerikaner deutlich mehr Waffen - mit massiven Folgen.

Von Hubert Wetzel, Washington

Die Corona-Pandemie hat die Zahl der Gewaltverbrechen in den Vereinigten Staaten stark ansteigen lassen. Besonders die Zahl der Fälle von Mord und Totschlag nahm im vergangenen Jahr dramatisch zu - um 29,4 Prozent. Das teilte das Federal Bureau of Investigation (FBI) am Montag mit. Nach Angaben der US-Bundespolizei wurden 2020 etwa 21 500 Menschen gewaltsam getötet. Das waren fast 5000 Todesopfer mehr als im Vorjahr. Eine solche Zunahme hat das FBI in den vergangenen Jahrzehnten noch nie gemessen. Für 2021 wird ein weiterer Anstieg der Mordzahlen erwartet, wenn auch kein so steiler.

Die Gründe sind vielfältig, haben aber wohl vor allem mit der Pandemie und den sozialen Problemen und Spannungen zu tun, die sie verursacht hat. So kauften sich Millionen Amerikaner im vergangenen Jahr aus Angst vor möglichen Unruhen eine Schusswaffe. Mehr Waffen aber bedeuten mehr Tote. Auch die Schließung der öffentlichen Schulen und anderer Orte, an denen sich Jugendliche in Sicherheit und unter Aufsicht aufhalten können, trug wohl zu der gestiegenen Mordrate bei. Junge Männer, vor allem Schwarze und Latinos, bilden sowohl die größte Täter- als auch die größte Opfergruppe bei Schusswaffengewalt. Kriminologen machen aber auch die massiven Proteste gegen Polizeigewalt im vergangenen Sommer für den Anstieg bei den Gewaltverbrechen mitverantwortlich: Sie hätten dazu geführt, dass die Polizei sich zurückgenommen und weniger verdächtige Personen kontrolliert habe.

Den Zusammenhang zwischen Veränderungen in der Kriminalstatistik und der Pandemie belegen auch andere Zahlen: Die Anzahl der Eigentumsdelikte zum Beispiel, vor allem der Wohnungseinbrüche, sank 2020 deutlich, weil mehr Menschen tagsüber zuhause waren. Dafür nahm die Zahl der Autodiebstähle zu. Das sogenannte "Car jacking", der Raub von Autos an Ampeln oder Tankstellen durch junge Männer, war im vergangenen Sommer ein weit verbreitetes Phänomen.

Trotz der gestiegenen Zahlen ist Amerika allerdings weit von den finsteren frühen Neunzigerjahren entfernt. Damals gab es gut 750 Gewaltverbrechen pro 100 000 Einwohner. Im vergangenen Jahr waren es knapp 400. Ähnliches gilt für die Mordrate. Diese lag 2020 bei 6,5 Morden pro 100 000 Einwohnern, Anfang der Neunzigerjahre erreichte sie fast zehn Morde.

Dennoch ist die gestiegene Kriminalität ein politisches Problem für Präsident Joe Biden. Die Republikaner werden die FBI-Statistik im Kongresswahlkampf nächstes Jahr ohne Zweifel nutzen, um Biden und die Demokraten anzugreifen.

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