Süddeutsche Zeitung

USA:Ein Tröpfchen Blut

Mit einem DNA-Test zieht die mögliche US-Präsidentschaftskandidatin Elizabeth Warren den Spott von Donald Trump auf sich.

Von Hubert Wetzel, Washington

Man kann ja irgendwie alles auf Goethe zurückführen. Also: Elizabeth Warren sitzt in ihrem Studierzimmer. Es klopft. Warren: "Es klopft? Herein! Wer will mich wieder plagen?" Herein tritt Donald Trump. Er plagt Warren schon seit Langem, aber jetzt will er mehr. Ein "Tröpfchen Blut" müsse sie ihm geben, fordert Trump. "Blut ist ein ganz besonderer Saft." Warren gibt ihr Blut. Und das Drama nimmt seinen Lauf.

So war es natürlich nicht, aber doch so ähnlich. Der Hintergrund: Donald Trump ist Republikaner und der Präsident der USA. Elizabeth Warren ist Demokratin, Senatorin, und sie wäre gerne die Präsidentin der USA. Auf den Listen mit den möglichen demokratischen Kandidaten für die Präsidentschaftswahl in zwei Jahren steht sie ganz oben. Warren gehört zum linken Flügel der Partei, sie ist bei der Basis und den Aktivisten sehr beliebt - mithin bei den Leuten, die Anfang 2020 in den Vorwahlen über den Kandidaten der Partei bestimmen werden.

Das ist auch der Grund, warum Trump Warren so plagt. Er weiß, dass sie 2020 möglicherweise seine Gegnerin sein wird. Deswegen versucht er schon jetzt, sie so heftig anzuschießen wie er kann.

In diesem Zusammenhang spielt das Blut eine wichtige Rolle. Warren, die 1949 in Oklahoma geboren wurde, hat in der Vergangenheit mehrmals von einer Familienlegende erzählt, wonach eine ihrer Vorfahrinnen mütterlicherseits eine Indianerin gewesen ist. Das ist bei Amerikanern, deren Familien einige Generationen lang im ehemals wilden Westen gelebt haben, nicht ungewöhnlich. Es gab freilich in den Achtzigerjahren Zeiten, in denen Warren selbst sich offiziell als Angehörige einer ethnischen Minderheit bezeichnet hat, als Amerikanische Ureinwohnerin oder als "person of color".

Das wiederum erschien dann doch etwas gewagt. Warren sieht eher so aus, als gehörten alle ihre Vorfahren zu einem blonden, nordischen Wikingervolk, nicht zu einem Stamm der Delaware- oder Cherokee-Indianer, wie die Familiensaga es offenbar behauptet. Trump hat Warren deswegen immer wieder gnadenlos verspottet. "Pocahontas" ist einer der Hassnamen, die er für sie erfunden hat, "Fake Indian" ein anderer. Warren habe sich als Angehörige einer einstmals verfolgten Minderheit ausgegeben, um ihre Karriere als Juraprofessorin zu befördern, behauptete Trump. Der Präsident forderte Beweise, sprich: einen Gentest. Das ist ein alter Trick von ihm. Trump hat auch stets angezweifelt, dass Barack Obama ein gebürtiger US-Staatsbürger ist und war selbst dann nicht ruhig, als dieser seine Geburtsurkunde aus Hawaii vorlegte.

Das hätte Warren eine Warnung sein können. Trotzdem ließ sie den Test machen. Ob sie sich dafür tatsächlich "ein Tröpfchen Blut" abnehmen ließ oder eine Speichelprobe reichte, ist nicht bekannt. Jedenfalls gab sie Trump, was er wollte. Diese Woche veröffentlichte sie die Ergebnisse. Und siehe da: In ihrer DNS gibt es starke Hinweise darauf, dass eine Person in ihrem Stammbaum indianischer Herkunft war. Sechs bis zehn Generationen sei das wohl her, so das Gutachten.

Auf diese Zeitangabe stürzten sich Warrens Gegner - allen voran Trump. Umgerechnet bedeute das, dass Warren höchsten zu einem Anteil von einem Vierundsechzigstel, vielleicht nur zu einem Eintausendvierundzwanzigstel Indianerin sei, ätzten die Republikaner. Das war eine unwissenschaftliche und bewusst irreleitende Interpretation des Testergebnisses, aber es ging ja auch nicht um Genetik, sondern um Politik. Einige Vertreter von Indianerstämmen waren ebenfalls nicht begeistert. Gentests seien kein geeigneter Weg, um zu bestimmen, wer zu ihrer Nation gehöre, stellten die Cherokee klar.

Und auch viele linke Kommentatoren, die Warren ideologisch nahestehen, fanden ihre Art der Rassenkunde zumindest befremdlich. Es möge ja sein, dass eine ferne Vorfahrin von Warren Indianerin gewesen sei. Aber so ein biologistisches Verständnis von Blutsverwandtschaft sei doch eigentlich überholt, kritisierte der New Yorker. Mit den echten amerikanischen Ureinwohnern und ihren Nachkommen verbinde Warren kulturell und historisch so gut wie nichts. In einem Milieu, in dem Identitätspolitik in den vergangenen Jahren das Maß aller Dinge war, ist das eine interessante Einsicht.

Wem der kleine Blutspakt, den Doktor Warren mit Mephistopheles Trump geschlossen hat, am Ende mehr hilft, muss man abwarten. Manche Beobachter halten Warren bereits für erledigt - Opfer einer Falle, die der Präsident ihr gestellt hat. Manche glauben hingegen, Warren habe mit dem Test frühzeitig ein Thema abgeräumt, das ihr 2020 ernsthaft hätte schaden können. Lieber jetzt den Hohn und die Häme ertragen als im Wahljahr. Faust überlistet Mephisto? Mal bei Goethe nachlesen.

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Quelle:
SZ vom 20.10.2018
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