Süddeutsche Zeitung

Türkei:Russischer Botschafter getötet

Ein Attentäter erschießt den Diplomaten in einer Kunstgalerie in Ankara. Moskau spricht von Terroranschlag.

Von J. Hans, M. Baumstieger, Moskau

Ein Attentäter hat am Montagabend den russischen Botschafter in der Türkei getötet. Der Angreifer gab in einer Kunstgalerie mehrere Schüsse auf den 62-jährigen Andrej Karlow ab und schrie Parolen auf Türkisch und Arabisch. Sanitäter konnten das Leben des Diplomaten nicht retten. Polizisten erschossen den Angreifer nach einem 15-minütigen Schusswechsel. Das türkische Innenministerium identifizierte ihn als einheimischen Polizisten mit Jahrgang 1994, der seit zweieinhalb Jahren bei der Bereitschaftspolizei in Ankara arbeitete.

Kremlchef Wladimir Putin kündigte eine intensive Suche nach den Drahtziehern an. "Wir müssen wissen, wer die Hand des Mörders führte", sagte er nach Angaben der Agentur Interfax in Moskau. Als Antwort auf den Mord werde Russland seinen Kampf gegen den Terror verstärken. "Die Banditen werden es zu spüren bekommen." Putin ordnete die Bildung einer Ermittlergruppe an, die gemeinsam mit türkischen Behörden die Bluttat untersuchen soll. Der Mord sei eine Provokation, die das zwischenstaatliche Verhältnis stören solle.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan informierte Putin telefonisch über die ersten Ermittlungsergebnisse.

Eine Sprecherin des Außenministeriums in Moskau sagte: "Russland wertet den Mord des russischen Botschafters in der Türkei als Terroranschlag." Auf Videoaufnahmen war zu sehen, wie ein junger Mann in Anzug und Krawatte Schüsse abgibt, mit einer Pistole gestikuliert und Parolen schreit. Augenzeugen berichteten, er habe gerufen: "Wir sterben in Aleppo, ihr sterbt hier" und "Wir töten keine Frauen und Kinder in Aleppo wie ihr". Der Botschafter hatte in einem Zentrum für zeitgenössische Kunst eine Ausstellung eröffnet. Wenige Minuten nach Beginn der Rede fielen die Schüsse. Die Projektile trafen den Diplomaten in den Rücken, er blieb regungslos liegen. Karlow war seit 2013 Botschafter in Ankara. Zuvor hatte er die russische Vertretung in Nordkorea geleitet.

Das Attentat dürfte das Verhältnis der Türkei zu Russland erneut schwer belasten. Vor einem Jahr hatte der Abschuss eines russischen Bombers an der syrisch-türkischen Grenze zu einer Krise zwischen beiden Ländern geführt. Moskau hatte Charterreisen in die Türkei verboten und türkische Lebensmittel vom russischen Markt ausgeschlossen. Erst nachdem sich der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan im Juni bei den Hinterbliebenen des getöteten Piloten entschuldigt hatte, konnten die Spannungen abgebaut werden.

An diesem Dienstag sollten sich die Außen- und Verteidigungsminister Russlands, der Türkei und Irans in Moskau treffen, um über die Lage in der syrischen Stadt Aleppo zu beraten. Das Treffen soll trotz des Attentats stattfinden, erklärte Leonid Slutsk, Vorsitzender des Auswärtigen Parlaments-Ausschusses in Moskau.

Unterdessen einigte sich der UN-Sicherheitsrat nach monatelangem Stillstand auf eine gemeinsame Syrien-Resolution. Eine Beobachtermission der UN soll demnach so bald wie möglich in die syrische Bürgerkriegsstadt Aleppo entsandt werden. Die Resolution ruft alle Konfliktparteien auf, für humanitäre Hilfe einen "sicheren und ungehinderten Zugang" nach Aleppo zu ermöglichen. Die UN-Beobachter sollen den Transport der Zivilisten aus dem bisher von Aufständischen gehaltenen Ostteil der Stadt überwachen. Nach Angaben der US-Botschafterin bei den UN werden mindestens 100 zivile UN-Mitarbeiter an der Mission beteiligt sein.

Im Osten Aleppos ist die Lage laut Hilfsorganisationen verheerend. Dort halten sich weiterhin bis zu 40 000 Zivilisten und bis zu 5000 Kämpfer mit ihren Familien auf. Viele Zivilisten drängen zu den Sammelpunkten für die immer wieder ausgesetzten Evakuierungen, andere berichten, von schiitischen Milizen aus ihren Häusern vertrieben worden zu sein. Am Montag ging die Evakuierung zweier schiitischer Dörfer weiter, die seit Monaten von Rebellen belagert werden. Sonntagnacht verließen erste Busse die Orte al-Fu'a und Kafraya, nachdem zuvor mehrere Anläufe gescheitert waren. Schiitische Milizen hatten daraufhin die Evakuierungsversuche in Ost-Aleppo blockiert.

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Quelle:
SZ vom 20.12.2016
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