Süddeutsche Zeitung

Tschetschenien:Angst säen

In Lille ist ein Blogger getötet worden. Er hatte offen Ramsan Kadyrow, Oberhaupt Tschetscheniens, kritisiert.

Im französischen Lille ist ein tschetschenischer Blogger ermordet worden. Imran Alijew war wie viele Kritiker aus der russischen Teilrepublik in den Westen geflohen. Er lebte in Belgien und stand dort einem Bekannten zufolge unter Polizeischutz, war bedroht worden. Vielleicht hatte sein Mörder ihn deswegen über die Grenze nach Frankreich gelockt.

In einem Hotel in Lille hatte Imran Alijew vorige Woche mit einem anderen Mann, vermutlich auch Tschetschene, eingecheckt. Am Donnerstag fanden Hotelmitarbeiter seine Leiche. Die Tat trage "alle Kennzeichen eines politischen Motivs", zitiert die französische Nachrichtenagentur AFP eine ungenannte Quelle, die den Ermittlungen nahestehe. Auf den Blogger war mehrfach eingestochen worden, das Messer lag noch am Tatort.

Imran Alijew, 44, veröffentlichte Youtube-Videos unter dem Pseudonym "Mansur Staryj", alter Mansur. Er kritisierte darin Tschetscheniens Oberhaupt Ramsan Kadyrow und dessen Schreckensregime. Allerdings griff er nicht nur die Regierung in Grosny an. Vor allem aus der Nachbarrepublik Inguschetien kam zuletzt Kritik an dem Blogger, der sich beleidigend über Inguschen geäußert hatte. Tschetschenien und Inguschetien streiten seit Langem über die gemeinsame Grenze.

Es gibt daher verschiedene Spekulationen zum Tatmotiv. Der tschetschenische Journalist Mussa Taipow kannte den Getöteten, seit fünf Jahren unterhielt er sich mit ihm über einen Whatsapp-Chat. Taipow lebt in Straßburg und schreibt über Alijew, dass er ein "schwieriger, aber ein aufrichtiger Mensch" und krank gewesen sei. Unter Medikamenteneinfluss habe er mitunter Dinge gesagt, durch die sich manche angegriffen, andere belustigt gefühlt hätten. Manchmal habe er Alijew geraten, ein Youtube-Video zu löschen. Meistens sei dieser dann seinem Rat gefolgt.

Tumso Abdurachmanow, ebenfalls Blogger aus Tschetschenien, lebt in Polen und berichtete in seinem Telegram-Kanal über den Mord. Dort nannte er den Namen des Mannes, den er für den Mörder hält, sogar dessen Adresse in einem tschetschenischen Dorf. Mitte Januar sei der Mann nach Spanien geflogen, dann nach Berlin und von dort nach Belgien gefahren. Eine Woche habe der mutmaßliche Mörder bei Alijew gewohnt, bevor sie nach Lille aufgebrochen seien. Dort habe der Täter seinem Opfer Schlafmittel eingeflößt, bevor er zustach. Dann sei er mit dem Zug nach Berlin, weil er dort offenbar Helfer hatte, und anschließend zurück nach Russland gereist.

Abdurachmanow nennt keine Quellen für seine Geschichte, wandte sich über Telegram aber direkt an die mutmaßlichen Helfer in Berlin: "Wenn ihr, wie ihr behauptet, missbraucht wurdet und nicht wusstet, dass ihr einem Verbrecher helft, dann informiert sofort die Polizei in Deutschland", schrieb er. Auf Youtube behauptet Abdurachmanow zudem, es seien bereits vor der Tat Hinweise auf den Attentäter mit der deutschen Polizei geteilt worden.

"Das Ziel war, Angst zu säen", sagt Mussa Taipow, der Journalist in Straßburg, am Telefon. Der Ermordete sei ein kranker, skandalöser Mensch gewesen, er sehe keinen Grund für dessen Tod. "Das Ziel war, dass weniger geschrieben und gesprochen wird, dass man Angst voreinander hat." Über die Situation der Tschetschenen in Europa sagt er, dass niemand ihnen Sicherheit garantieren würde. "Natürlich mache ich mir Sorgen um mein Leben."

In den vergangenen Jahren wurden mehrere Tschetschenen Opfer von Attentaten, nachdem sie geflüchtet waren. Im August wurde ein Tschetschene mit georgischem Pass in Berlin erschossen. Der Getötete hatte während des zweitens Tschetschenienkriegs auf Seiten der Rebellen gegen Russland gekämpft.

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SZ vom 05.02.2020
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