Süddeutsche Zeitung

Tod, Flucht, Zerstörung in Syrien:Der unfassbare Krieg

Hunderttausende Tote, Millionen auf der Flucht, Dutzende Kriegsparteien, die mal miteinander, mal gegeneinander kämpfen: Der Krieg in Syrien dauert nun schon länger als der Zweite Weltkrieg. Eine Annäherung in Zahlen und Grafiken.

Am Anfang war der Aufstand - schon gleich nach den ersten Unruhen während des Arabischen Frühlings 2011. Nachdem Regierungstruppen mit teils tödlicher Gewalt gegen Demonstranten, darunter auch Kinder, vorgegangen waren, bildeten sich Gruppen von Aufständischen, die verschiedene Regionen, Orte, Ortsteile, sogar Viertel der Hauptstadt Damaskus unter ihre Kontrolle brachten. Der Beginn des Krieges in Syrien, der bis heute andauert und mittlerweile so viele verschiedene Konfliktparteien umfasst, dass ein Überblick immer schwieriger wird.

Die Rebellen selbst haben etliche verschiedene, teils örtlich begrenzt kämpfende Milizen gebildet, von denen einige eher säkular sind, andere dagegen von gemäßigten oder auch fundamentalistischen Islamisten geprägt. Über die Zeit entstanden immer wieder neue Bündnisse, mit denen sich verschiedene Gruppen von Regierungsgegnern neu formiert haben.

Eine bedeutende Kriegspartei sind die Terroristen des sogenannten Islamischen Staates (IS), die innerhalb kurzer Zeit große Teile Syriens und des Irak eroberten und 2014 dort ein "Kalifat" ausriefen. Im Kampf gegen den IS wurden und werden einige Gruppen von Aufständischen und vor allem kurdische Kämpfer durch die USA und andere Staaten durch Luftangriffe und Waffenlieferungen unterstützt. Die syrische Armee wiederum erhält seit Herbst 2015 Hilfe von Russland - ebenfalls vor allem durch Luftangriffe. Schon früher erhielt Damaskus Hilfe durch Iran: Teheran hat eigene Soldaten und Hisbollah-Kämpfer aus Libanon nach Syrien geschickt.

Aufgrund der vielen Parteien, die am Krieg beteiligt sind, ist der Verlauf der Fronten verwirrend. Die Grafik zeigt, wie sich die Lage insbesondere aufgrund der russischen Intervention entwickelt hat.

Todesopfer

Wie viele Menschen im Syrien-Krieg bislang getötet wurden, ist unklar. Offizielle Zahlen der Vereinten Nationen gibt es seit 2014 nicht mehr. In diesem Jahr verschärfte sich der Konflikt dramatisch und die Organisation hörte auf, die Opfer zu zählen. 2013 gingen die UN von etwa 100 000 Toten aus. 2014 gab das Hochkommissariat der Vereinten Nationen für Flüchtlinge (UNHCR) eine Zahl von mindestens 8803 Kindern an, die bis zu diesem Zeitpunkt nachweislich durch den Krieg getötet wurden.

2016 berichteten das UNHCR und der Sonderbeauftragte der UN für Syrien, Staffan de Mistura, in dem Krieg seien seit 2011 vermutlich mehr als 400 000 Menschen getötet worden. Etwa eine Million wurden verwundet. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte, eine in Großbritannien ansässige oppositionsnahe Organisation, meldet mehr als 350 000 Tote seit dem Beginn des Kriegs im März 2011. Demnach sollen sich unter den Todesopfern 106 000 Zivilisten befinden, etwa 63 000 syrische Soldaten, 58 000 regierungstreue schiitische Milizionäre, 63 000 IS-Kämpfer und 62 000 Mitglieder verschiedener Rebellengruppen.

Manche Quellen sprechen inzwischen sogar von einer halben Million Toten in dem Krieg, der die Dauer des Zweiten Weltkriegs bereits überschritten hat. Alle diese Angaben lassen sich derzeit nicht durch eine unabhängige Stelle überprüfen.

Millionen auf der Flucht

Wie viele Menschen ihren Heimatort in Syrien seit 2011 verlassen mussten, um Kämpfen zu entgehen, weil ihre Häuser zerstört sind oder weil sie verfolgt werden, lässt sich nicht genau sagen. Das UNHCR schätzt, dass innerhalb des Landes etwa 6,6 Millionen Syrer auf der Flucht sind, fast drei Millionen befinden sich in Gebieten, die von Helfern kaum zu erreichen sind, etwa weil sie belagert werden. Insgesamt, so berichtet das UNHCR, benötigen 13,1 Millionen Syrer Hilfe, darunter etwa sechs Millionen Kinder. Mehr als 5,6 Millionen Syrer haben das Land verlassen. Die meisten Geflüchteten befinden sich in der Türkei. In Europa haben mehr als eine Million Syrer um Asyl gebeten.

Was der Krieg die Staaten, die irgendwie beteiligt sind, bislang gekostet hat, lässt sich kaum abschätzen. Für Syrien hat die Weltbank bereits im vergangenen Jahr berechnet, dass der Wiederaufbau 180 Milliarden Dollar kosten könnte. Experten der Organisation hatten damals festgestellt, dass in den meisten syrischen Gouvernements 23 Prozent aller Wohnhäuser beschädigt und neun Prozent völlig zerstört wurden.

Truppenstärke der am Krieg beteiligten Parteien

Streitkräfte der syrischen Regierung

Zählte die Armee von Diktator Baschar al-Assad zu Beginn des Kriegs am 15. März 2011 noch 350 000 Soldaten, war sie nach den ersten vier Jahren auf etwa 200 000 geschrumpft. Aktuellen Schätzungen des Londoner Forschungsinstituts International Institute for Strategic Studies im Journal The Military Balance zufolge verfügt die Regierung derzeit noch über 142 500 aktive Soldaten und sie hat Probleme, neue Soldaten zu rekrutieren. Fachleute gehen davon aus, dass sich die Regierung außerdem auf einen großen Teil der Armee nicht verlassen will.

Die Loyalität derjenigen Wehrpflichtigen, die wie die meisten Aufständischen der sunnitischen Glaubensgemeinschaft angehören, dürfte gegenüber dem Assad-Regime, das vor allem aus Alawiten und Schiiten besteht, nicht sehr groß sein. Große Truppenteile werden deshalb nicht eingesetzt oder nur in Gebieten, die Damaskus bereits kontrolliert.

Im Kampfeinsatz sind vor allem die 4. Division, die Präsidentengarde, Fallschirmjäger und Spezialeinheiten, die loyal zum Assad-Regime stehen. Auch auf die Luftwaffe kann Damaskus zurückgreifen. Der Council of Foreign Relations, ein Think Tank in New York, schätzt die Zahl der tatsächlich einsetzbaren syrischen Soldaten auf etwa 25 000. Dem IISS zufolge verfügen die syrischen Streitkräfte über etwa 260 Kampflugzeuge und mehr als 100 Kampfhubschrauber.

Unterstützt wird die Armee von etwa 100 000 paramilitärischen Kämpfern der Nationalen Verteidigungskräfte, eine Sammlung verschiedener Gruppen, die überwiegend lokal eingesetzt werden und aus eigenem Interesse mit der Armee zusammenarbeiten. Die Regierung hat nicht überall die vollständige Kontrolle über diese Milizen.

Iran

Iran ist in Syrien mit Soldaten des regulären Militärs, mit Beratern und Spezialeinheiten der Revolutionsgarden (den Al-Quds-Brigaden) vertreten. Nach Schätzungen des IISS sind insgesamt etwa 5000 iranische Soldaten in Syrien, davon 2000 Mitglieder der Revolutionsgarden. Unter iranischer Kontrolle stehen aber auch Kämpfer der Hisbollah aus Libanon, von denen sich ursprünglich etwa 12 000 in Syrien aufgehalten haben. Inzwischen wird ihre Zahl auf 7000 bis 8000 geschätzt.

Weitgehend unter iranischer Kontrolle stehen dem IISS zufolge auch etwa 50 000 paramilitärische schiitische Kämpfer aus Ländern wie Afghanistan, Irak und Pakistan, die gegen die Assad-Gegner eingesetzt werden.

Russland

Schätzungen des IISS zufolge hat Moskau etwa 6000 russische Soldaten nach Syrien geschickt, außerdem sind Dutzende Kampfflugzeuge und -hubschrauber im Einsatz, um die syrische Luftwaffe zu unterstützen.

Freie Syrische Armee (FSA)

Eine der größten Gruppen von Aufständischen in Syrien, der verschiedene lokale Milizen angehören, ist die Freie Syrische Armee mit geschätzten 35 000 Kämpfern. Sie besteht aus etlichen lokalen, sehr unterschiedlichen Gruppen. Ihre Mitglieder sind teils gemäßigte Islamisten, teils säkulare Regimegegner, die für eine Demokratie kämpfen. Was sie verbindet, ist die Ablehnung der Assad-Diktatur.

Freie Syrische Armee - Südliche Front (FSA - Southern Front)

Mit geschätzten mehr als 25 000 Kämpfern ist diese Koalition aus etlichen lokalen Gruppen im Süden von Damaskus ebenfalls ein wichtiger Faktor. Neben Islamisten gehören auch Stammeskrieger zu ihren Mitgliedern.

Syrische Demokratische Kräfte (SDF) / Kurdische Volksverteidigungseinheiten YPG

Neben arabischen Kämpfern gehört der größte Teil der Milizionäre in dieser Koalition der Kurdenmiliz YPG an. Insbesondere diese Gruppe wird von amerikanischen Special Forces unterstützt. Dem IISS zufolge dürfte die Koalition über etwa 50 000 Bewaffnete verfügen. Sie kontrolliert große Teile des Nordostens von Syrien, nachdem sie den IS dort zurückgedrängt hat. Im Grenzgebiet zur Türkei haben sich die kurdischen Kämpfer wegen einer Offensive türkischer Soldaten zurückgezogen.

Hayat Tahrir al-Scham

Diese aus der Al-Qaida-Organisation Al-Nusra-Front hervorgegangene Gruppe von islamistischen Extremisten verfügt dem IISS zufolge über etwa 20 000 Kämpfer. Die Islamisten haben sich bislang jedem Versuch einer Deeskalation in Syrien widersetzt.

Ahrar al-Sham

Die ultrakonservativen Salafisten der Ahrar al-Sham waren einmal eine der stärksten Rebellengruppen in Syrien, inzwischen verfügen sie nur noch über etwa 15 000 Kämpfer.

Jaisch al-Islam

Eine weitere Gruppe islamistischer Aufständischer, die immer noch eine Rolle spielen, ist Jaisch al-Islam. Sie verfügt dem IISS zufolge über etwa 10 000 Kämpfer.

"Islamischer Staat"

Nach den anfänglichen großen militärischen Erfolgen der Terroristen und dem Ausrufen des "Kalifats" 2014 verfügte der "Islamische Staat" über etliche Zehntausend Kämpfer, darunter viele aus dem Ausland, auch aus Europa. Seitdem das Gebiet des "Kalifats" fast vollständig von syrischen Truppen, Milizen, die Damaskus unterstützen, sowie von Aufständischen kontrolliert wird, ist unklar, wie viele IS-Terroristen noch aktiv sind. Viele wurden getötet, andere sind in ihre Heimatländer zurückgekehrt, wieder andere treten nicht mehr erkennbar als IS-Terroristen auf. Vermutlich sind nur noch wenige Tausend von ihnen in der Lage oder willens, zu kämpfen.

USA

Das Pentagon gab im Dezember bekannt, dass die Vereinigten Staaten 2000 Soldaten in Syrien, östlich des Euphrat, stationiert haben. Aktuellen Schätzungen des IISS zufolge waren es im Februar noch mehr als 1700. Die Soldaten werden gegen den "Islamischen Staat" eingesetzt. Unterstützt werden sie durch US-Kampfflugzeuge, die seit Beginn der Mission etwa 32 000 Luftangriffe geflogen haben. US-Präsident Trump hat nach dem Militärschlag auf mutmaßliche syrische Giftgasanlagen im April 2018 angekündigt, seine Truppen "schnellstmöglich" aus Syrien abzuziehen.

Türkei

Über die türkischen Truppen in Syrien gibt es kaum Zahlen. Der britischen Zeitung Independent zufolge wurden im Rahmen der Operation "Schutzschild Euphrat" im Oktober 2016 1000 Soldaten von Spezialeinheiten in Syrien eingesetzt. Das IISS geht von mehr als 500 Soldaten aus, die sich derzeit in Syrien befinden.

Das Londoner Institut schätzt außerdem, dass die Türkei im Nordwesten Syriens etwa 10 000 syrische Kämpfer kontrolliert, die vor allem zum Volk der Turkomanen (auch Turkmenen, nicht zu verwechseln mit dem Staatsvolk Turkmenistans) gehören, den Euphrat-Schutzkräften.

Frankreich

Im Juni 2016 hatte der französische Verteidigungsminister laut France24 eingeräumt, dass Spezialeinheiten in Syrien stationiert waren, um die syrische Opposition in Manbidsch in ihrem Kampf gegen den IS zu beraten. Zahlenangaben gab es jedoch nicht. Die türkische Nachrichtenagentur Anadolu sprach im Juni 2017 von etwa 75 bis 100 französischen Soldaten, von denen sich die meisten auf einer Basis bei Rakka befanden.

Stützpunkte und Luftangriffe

Seit 2014 greifen Kampfflugzeuge der USA und ihrer Verbündeten Stellungen von IS-Terroristen im Nordosten Syriens an. Im folgenden Jahr setzte Russland erstmals ebenfalls Kampfflugzeuge in Syrien ein, allerdings nicht nur gegen IS-Stellungen, sondern auch gegen solche von Aufständischen, die Moskau ebenfalls als Terroristen betrachtet.

Mittels dieser Unterstützung ist es den syrischen Truppen und ihren Helfern gelungen, große Teile des "IS-Kalifats" zu erobern, aber auch Aufständische zurückzudrängen. Mit Hilfe der Anti-IS-Koalition konnten insbesondere kurdische Kämpfer ebenfalls erfolgreich gegen IS-Terroristen vorgehen.

Verhandlungen über einen Frieden in Syrien

Schon bald nach dem Beginn der Kämpfe in Syrien bemühten sich verschiedene Staaten, die Vereinten Nationen und die Europäische Union, die Regierung in Damaskus und ihre Gegner zu Verhandlungen zu bewegen. Unzählige Konferenzen haben dazu in den vergangenen Jahren stattgefunden. Mit wenig Erfolg.

Chronik des Scheiterns

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