Süddeutsche Zeitung

Tierschutz:Wenn der Stall brennt, sind die Tiere kaum zu retten

Bei Feuern sterben jährlich Tausende Schweine, Hühner und Rinder. Tierschützer und Versicherer fordern die Politik auf, endlich zu handeln.

Von Thomas Hummel

Fünf Monate ist es her, dass in dem kleinen Ort Alt Tellin in Mecklenburg-Vorpommern eine der größten Schweinezuchtanlagen Europas vollständig abbrannte. Seither werden die Überreste geräumt, es ist kompliziert. Zuletzt schaffte eine Abbruchfirma 281 Tonnen Gülleschlamm weg, der in den Kellern unterhalb der betonierten Spaltenböden in den Ställen lagerte.

Zuvor waren nach Angaben des Landesagrarministeriums mehrere Hundert Tonnen "Tierkadaver mit Anhaftungen" sowie "Bauschutt, Gülle und Kadavergemisch" entsorgt worden. Reste von mehr als 50 000 verbrannten Schweinen und Ferkeln. Die Dimension des Infernos könnte der Massentierhaltung in Deutschland erhebliche Probleme einbringen.

Leo Kraus stand am Samstag vor der Ruine, er hatte mit seinen Mitstreitern vom Aktionskreis Alt Tellin erstmals eine Protestaktion organisiert. Unterstützt wird die Gruppe von mehreren Umwelt- und Tierschutzverbänden, es kamen etwa 400 Menschen zusammen. Sie wenden sich generell gegen die industrielle Massentierhaltung und konkret gegen einen Wiederaufbau der Anlage in Alt Tellin. Denn die Katastrophe hier habe gezeigt, sagte Kraus, dass die Brandschutzverordnungen für solche Großanlagen vollkommen ungenügend seien.

Für den 62-Jährigen, der in der Nähe wohnt, steht fest: Wenn der Stall brennt, sind die Tiere kaum noch zu retten. In Alt Tellin waren vermutlich Hunderte Sauen in Kastenständen gefangen. Und für den Rest gelte: "Bei Gefahr verbarrikadieren sich die Schweine, legen sich auf den Boden und verharren dort", erklärt Kraus. Bis sie verbrennen. Die 1300 geretteten Tiere seien von der Feuerwehr und den Mitarbeitern quasi aus den Gebäuden heraus geprügelt worden.

Vorschlag: kleinere Stalleinheiten

Mingyi Wang kann das grundsätzlich bestätigen. Er ist Brandschutz-Experte im Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) und erklärt, dass etwa Hühner bisweilen sogar auf Feuer zulaufen. Bei einem Brand im Jahr 2019 im niedersächsischen Landkreis Vechta sind 85 000 Hühner gestorben.

Offizielle Statistiken zu Bränden in Tierställen gibt es nicht, nur die Versicherer haben einen groben Überblick. Wang spricht von etwa 5000 Bränden pro Jahr, Ställe mit drei Pferden genauso eingerechnet wie industrielle Großanlagen. Jährlich sterben Tausende Tiere im Feuer.

Meistens sei ein technischer Defekt die Ursache, berichtet Wang. Durch Ausscheidungen entstehende Gase wie Ammoniak seien ein großes Problem, weil sie Elektroanlagen angreifen und auf Dauer schädigen. So entstünden Kurzschlüsse. Deshalb fordern die Versicherer, dass Betreiber ihre Technik einmal pro Jahr prüfen lassen sollen. Bislang ist das nicht verpflichtend.

Wangs zweiter Vorschlag ist brisanter. Sein Verband regt an, kleinere Stallanlagen zu bauen. Das reduziere die Anzahl der gefährdeten Tiere, sagt Wang. Ein Betreiber müsste dann zwischen den Ställen etwa fünf Meter Abstand einplanen oder eine Brandwand errichten. Gerade bei der Agrarindustrie hält sich die Freude darüber in Grenzen, weil das die Kosten erhöhen würde. Doch in der Politik wird der Vorschlag nun aufgegriffen.

So hat der Bundesrat im Juni die Bundesregierung aufgefordert, "die Möglichkeit der Größenbeschränkungen für Tierhaltungsanlagen zu prüfen". Ebenso eine regionale, flächenbezogene und ökologisch vertretbare Begrenzung des Viehbesatzes mit Nutztieren. Selbst Bundesministerin Julia Klöckner (CDU), der mitunter zu große Nähe zur Industrie vorgeworfen wird, zeigt sich offen. "Klar ist: Die wirtschaftliche Optimierung in Betrieben darf nicht dazu führen, dass Fragen tiergerechter Betreuung und auch Fragen des Brandschutzes vernachlässigt werden", erklärt sie der SZ. Es sei allerdings Sache der Bundesländer, hier Vorschläge zu liefern.

Strafanzeige gegen Eigentümer und Behörden

Die Agrarministerkonferenz der Länder hat deshalb zusammen mit Klöckners Bundesministerium eine "Ad-hoc-Arbeitsgruppe" zum Thema Brandschutz einberufen, die im September erstmals tagen soll. Ergebnisse werden frühestens im kommenden Frühjahr erwartet. Diese müssen anschließend mit der Bauministerkonferenz der Länder besprochen werden. Die Sache könnte also dauern.

So lange wollen die Gegner der Massentieranlagen nicht warten. Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), der Deutsche Tierschutzbund und Greenpeace haben wegen des Brandes in Alt Tellin Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft in Stralsund gestellt. Sie werfen der Betreiberfirma LFD Holding sowie den Genehmigungsbehörden vor, "den tausendfachen Tod der Tiere im Brandfall von vornherein in Kauf genommen und keine ausreichende Vorsorge für den Brandfall getroffen zu haben".

Grundlage ist, dass der BUND bereits 2012 gegen die Anlage geklagt hatte - aufgrund ungenügenden Brandschutzes. BUND-Landesgeschäftsführerin Corinna Cwielag sagte am Samstag in Alt Tellin, die Staatsanwaltschaft warte noch auf die Brandursache. Bislang kamen die Gutachter zu keinem Ergebnis.

Till Backhaus (SPD), Agrarminister von Mecklenburg-Vorpommern, erklärt, er setze sich dafür ein, dass die Anlage in der bisherigen Art und Weise nicht wiedererrichtet werde. Er erwarte, dass die Eigentümer ein "zukunftsweisendes Konzept der Schweinehaltung entwickeln". Backhaus sprach einmal vom "Stall 4.0" mit bodengebundener Landwirtschaft und weniger Tieren. Eine Sprecherin seines Ministeriums teilt aber auch mit, dass der LFD Holding die Genehmigung eines Wiederaufbaus erteilt werden müsse, wenn das Unternehmen die rechtlichen Voraussetzungen erfülle. Und die sind aktuell unverändert.

In Alt Tellin ist das Vertrauen in die LFD Holding dahin. Noch lange nach dem Brand waberte der Geruch von verkohltem Fleisch durch die Ortschaft, der Gemeinderat fordert den Entzug der Betriebserlaubnis für das Unternehmen. Aktivist Leo Kraus sagt: "Wir wollen hier eine Gedenkstätte errichten, am liebsten einen Klimawald."

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