Süddeutsche Zeitung

Thüringen:Neonazi-Konzert entzweit Themar

Zum zweiten Mal in zwei Wochen treffen sich 1000 Rechtsextreme in der Thüringer Kleinstadt. Doch nicht alle in Themar finden das schlimm: Manche zeigen den Gegendemonstranten plötzlich den Hitlergruß.

Von Antonie Rietzschel, Themar

Plötzlich stehen zwei Männer vor Arnd Morgenroth, recken die Arme zum Hitlergruß. Vier Polizisten rennen herbei, zerren die Männer beiseite. Der eine hat Tätowierungen am ganzen Körper, wie hingekritzelt. Auf seinem T-Shirt steht: "Ich bin auch ohne Sonne braun." Morgenroth legt ihm die Hand auf die Schulter. "Das ist ein alter Kumpel, ich kenne ihn als großartigen Bauarbeiter", sagt er zu den Polizisten. Und: Der sei eigentlich nicht so. Das Wort "Nazi", spricht der 75-Jährige nicht aus. "Ich war schon immer so", sagt der Bauarbeiter. Morgenroth geht einen Schritt zurück. "Da bin ich jetzt enttäuscht."

Arnd Morgenroth, früher Pfarrer, jetzt Rentner, lebt seit Jahren in Themar, wo sich am Samstag zum zweiten Mal in zwei Wochen Rechtsextreme aus ganz Europa getroffen haben. Ein Bekannter hatte ihn vor dem ersten Konzert gewarnt. Damals glaubte Morgenroth noch, es gebe unter den knapp 3000 Einwohnern seiner kleinen Heimatstadt in Südthüringen nur ganz wenige Neonazis, zehn vielleicht. Er werde staunen, wer nun alles aus den Löchern krieche, warnte der Bekannte. Und tatsächlich kommt Morgenroth nicht mehr aus dem Staunen heraus. Mitte Juli fand in Themar das bisher größte Neonazi-Konzert in Deutschland statt. Bei "Rock gegen Überfremdung" trafen sich 6000 Rechtsextreme, die Ermittlungsverfahren wegen Dutzender Straftaten laufen noch. Und jetzt also "Rock für Identität" mit 1000 Teilnehmern. Themar gilt nun als weitere Neonazihochburg in Thüringen.

Das Bundesland ist seit Jahren beliebter Veranstaltungsort für Neonazi-Konzerte. 2016 hat sich deren Anzahl im Vergleich zu 2012 verdoppelt, auf insgesamt 50. Es gab Veranstaltungen in Kirchheim, in Gera. Aber auch in Schleusingen oder Hildburghausen, nur wenige Kilometer von Themar entfernt. Dort stellte sich die Zivilgesellschaft den Neonazis vehement entgegen. Auch mit Unterstützung aus Themar.

Nun sind die Neonazis ausgerechnet in Morgenroths Heimatstadt weitergezogen. Das hat etwas mit der Wiese zu tun, die direkt neben der Tankstelle am Ortsrand liegt. Sie gehört Bodo Dressel, dem Bürgermeister des Nachbarorts Grimmelshausen. Dressel wechselte von der CDU zur Alternative für Deutschland. Mittlerweile soll er auch dort kein Mitglied mehr sein. Dressel hat offenbar einen guten Draht zu Tommy Frenck. An ihn hat er die Wiese für einen Monat verpachtet.

Frenck betreibt nur wenige Kilometer von Themar entfernt ein Gasthaus. Ihm gehört außerdem ein rechtsextremer Versandhandel. Als "bauernschlau" und "geschäftstüchtig" ist er in der Region bekannt. Das Festival "Rock für Deutschland" meldete er nicht als private Veranstaltung an, sondern als politische Kundgebung, die durch das Versammlungsrecht geschützt ist. Das Landratsamt versuchte sich gerichtlich dagegen zu wehren, erfolglos. Die Stadt war verpflichtet, für die Teilnehmer Parkplätze auszuweisen sowie deren Schutz zu gewährleisten. Diese zahlten offiziell kein Eintrittsgeld, dafür aber eine "Spende" in Höhe von 35 Euro.

30 Euro Eintritt für die "politische Veranstaltung"

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow hat angekündigt, das Versammlungsrecht überprüfen zu wollen. Auch weil die zweite Veranstaltung "Rock für Identität" ebenfalls als Versammlung angemeldet wurde. Das Landratsamt versuchte nicht mal, sich zu wehren - wegen mangelnder Aussicht auf Erfolg. Organisator ist diesmal Patrick Schröder, ein bayerischer Neonazi und Vertrauter Frencks (mehr zu deren Zusammenarbeit hier). Schröder ist Geschäftsführer eines Onlineshops und betreibt ein rechtsextremes Medienportal, eigener Radiosender inklusive.

Patrick Schröder macht keinen Hehl daraus, dass es sich bei "Rock für Identität" um eine kommerzielle Veranstaltung handelt. Er verlangt offiziell Eintritt. 30 Euro. Viel Geld für Bands wie Sturmwehr oder Frontalkraft, die in der Neonazi-Szene längst nicht die gleiche Berühmtheit genießen wie Lunikoff-Verschwörung oder Stahlgewitter. Die waren vor zwei Wochen aufgetreten. Schröder will mit den Einnahmen nicht nur die Kosten der Veranstaltung decken. Das Geld solle auch der Szene zugutekommen. "Bürgerliche Parteien werden durch die Steuerzahler finanziert", sagt Schröder. Diese Möglichkeit habe die nationale Bewegung nicht.

Schröder, rotes Baseballcap auf dem blonden Schopf und Walkie-Talkie in der Hand, empfängt gut gelaunt auf der eingezäunten Wiese. Direkt an der Straße steht das weiße Festzelt mit Bühne. Drumherum zeigen Händler die ganze Palette des Nazi-Lifestyles, nicht mehr nur CDs, Klamotten, sondern auch Liegestühle mit der Aufschrift "Join the dark side". Auf der Wiese sind bereits einige hundert Neonazis versammelt. Reden wollen sie nicht. Die Aufschriften ihrer T-Shirts sagen aber viel: "Sturm auf Themar", "100 Prozent Rechtsrock" oder "European Brotherhood", steht dort.

Schröder eröffnet die Veranstaltung mit den Worten: "Wir werden euch jetzt weltanschauliche Ideen um die Ohren hauen, dass es nur so scheppert." Er hat nicht nur Bands, sondern zahlreiche Redner geladen, darunter Dieter Riefling. Riefling ist mehrmals vorbestraft, unter anderem wegen Volksverhetzung. Am Mikrofon macht er klar, dass es hier nicht nur um Spaß geht. Bier und Konzert seien Belohnung für diejenigen, die sich sonst den "Arsch aufreißen". Jeder, der hier stehe, müsse sich fragen, was er leiste, damit "Deutschland erwacht".

Mit Clownsnasen zur Gegendemonstration

Viele Menschen aus Themar haben sich in den vergangenen Tagen vor allem gefragt, was sie dem Neonazi-Tourismus entgegensetzen können. In der Stadt gibt es mittlerweile ein breites Bündnis aus Privatpersonen, darunter Erzieher aus dem Kindergarten, Vertreter der Kirche. Sie wissen den Bürgermeister auf ihrer Seite. An der Hauptstraße, die durch den Ort führt, grüßen unzählige Schilder die Autofahrer: "Deine Stimme gegen Nazis" oder "Braun ist Kacke", steht darauf. Bündnisse aus umliegenden Städten und Gemeinden haben Banner geschickt, um ihre Solidarität zu zeigen.

Die Stadt hat ein Marktfest organisiert, mit Hüpfburg und Kinderschminken. Von hier startet am Samstagnachmittag eine Gegendemonstration. Die Antifa läuft vorneweg. Einige fürchteten sich vor einem schwarzen Block und Ausschreitungen wie zum G20-Gipfel. In Themar sind nun einige Aktivisten vermummt, andere tragen Clownsnasen oder pusten Seifenblasen über die Straße. Hinterdrein folgt ein bunter Mix, insgesamt 400 Teilnehmer. Sie singen "Bella Ciao". Ein Junge trägt ein Schild, "Keine Kekse für Nazis." Die Demonstranten ziehen durch die Stadt zu einer Wiese, die genau gegenüber der Neonaziveranstaltung liegt.

Arnd Morgenroth kommt an diesem Tag öfter hierher. Gemeinsam mit der Pfarrerin führt er eine kleine Prozession an, die stündlich von der Friedhofskirche zu der Wiese läuft, um zu beten.

Beim vierten Mal passiert das mit dem Hitlergruß. Arnd Morgenroth und die zehn anderen Teilnehmer singen mit dünnen Stimmen "Der Friede des Herrn geleite euch", da stehen plötzlich die Männer vor ihnen, strecken den Arm aus. Sie sind betrunken, die Polizei nimmt die Personalien auf. "Dass ihr nicht merkt, wie ihr euch instrumentalisieren lasst, von denen", sagt Morgenroth zu ihnen und zeigt Richtung Neonazi-Konzert. Von dort ist jetzt Gegröle zu hören und ein dreschendes Schlagzeug. Morgenroth lässt den Bekannten mit den Tätowierungen stehen. In den vergangenen Wochen musste er lernen, dass Reden manchmal sinnlos ist.

Einmal hat Morgenroth einen Nachbarsjungen angehalten, weil er in einem T-Shirt mit rechtsextremem Slogan durchs Dorf fuhr. Der Junge beschimpfte den Rentner als "Kommunistenschwein". Morgenroth erstattete Anzeige. Die Anekdote gehört zur neuen Realität von Themar. Die Diskussionen über den Umgang mit den Neonazi-Konzerten legten die Gräben in der Kleinstadt frei. Die Leiterin des Kindergartens bekam erboste Nachrichten von Eltern, weil sie sich gegen die Neonazi-Konzerte engagiert. Ein anderer Bewohner berichtet, dass er bespuckt und beschimpft worden sei, als er Plakate aufhängte.

Wieder andere Bewohner sehen in den Gegendemonstranten das eigentliche Problem, sie würden die friedlichen Rechtsextremen erst provozieren. Diskutiert wird seit Tagen. Auf der Straße, am Gartenzaun, abends in der Dorfkneipe am Stammtisch. "Es gibt doch Meinungsfreiheit", sagt einer der Herren, die sich da versammelt haben. Sie wollen trinken, doch einer der Ältesten will jetzt mal was klar machen: "Beim letzten Konzert haben die die Wiese sehr sauber verlassen. Und solange solche Veranstaltungen nicht verboten sind, sollen die jungen Leute ihren Spaß haben." Darauf gibt es einen Schnaps.

Der "Spaß", er endet Samstagnacht, ein Uhr. Die Bilanz der Polizei am Sonntag: 1050 Teilnehmer und 36 Straftaten. Das Spektrum reiche vom Verwenden verfassungsfeindlicher Symbole, über Körperverletzung und Urkundenfälschung bis hin zu Widerstand gegen Polizisten und Verstößen gegen das Versammlungsgesetz. Und die Stadt scheint nicht zur Ruhe zu kommen. In Themar macht das Gerücht die Runde, dass es im September das nächste Konzert geben soll.

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