Süddeutsche Zeitung

SZ-Serie: Der Weg nach Berlin:Saludos Amigos!

Er würde gern über die Euro-Rettung sprechen, stattdessen muss sich CSU-Mann Alexander Radwan mit der sehr praktischen Familienfürsorge der Landtagskollegen herumschlagen. "So ein Verhalten ist nicht zu vermitteln", so der Bundestagskandidat.

Politiker "sind doch alle gleich", lautet das Pauschalurteil vieler Deutscher. Sind sie nicht. Die Süddeutsche Zeitung begleitet bis zur Bundestagswahl sieben Kandidaten aus sieben Parteien - Fehler und Rückschläge inklusive.

Bei der CSU geht es gerade vor allem um ein Thema: Parlamentarier und Minister, die Familienangehörige beschäftigt haben. Und mittendrin versucht der CSU- Landtagsabgeordnete Alexander Radwan Wahlkampf zu führen.

Es hat sicher schon mal mehr Spaß gemacht, für die CSU in den Wahlkampf zu ziehen. Früher funktionierte das System in Bayern für die Partei so: Die Lage konnte noch so verfilzt sein - wenn der damalige Ministerpräsident Max Streibl mit einem trotzigen "Saludos Amigos!" bei Parteitagen einzog, applaudierte ihm das geneigte Volk ehrlich und von Herzen. Und jetzt? "Eine beschissene Situation", beschreibt Wahlkämpfer Alexander Radwan das, was er gerade in seinem Stimmkreis zwischen Starnberg und Tegernsee erlebt.

Die sehr praktische Familienfürsorge seiner Kollegen aus dem Landtag erbost die Wähler zusehends und hörbar. 5500 Euro Salär für die Ehefrau im Home-Office, ansehnliche Taschengeldzulagen für die minderjährigen Söhne, fragwürdige Büroarbeiten auf Staatskosten - Radwan wird auf Schritt und Tritt angesprochen und sagt resigniert: "So ein Verhalten ist nicht zu vermitteln. Ich versuche gar nicht mehr, da etwas zu erklären oder schönzureden."

Auch Radwan hat eine Mitarbeiterin - weder verwandt noch verschwägert

Selbst dort, wo man Wohlfühl-Biotope für konservative Politiker wie Radwan verorten würde, ist es recht ungemütlich geworden. Beim Wirtschaftsempfang des Landkreises Miesbach in dieser Woche beispielsweise. Für einen CSU-Mann wäre das eine "gmahde Wiesn", wie man hier sagt. Auf weiter Flur nur Unternehmer, die immer schon zuverlässig CSU gewählt habe. Bei der letzten Bundestagswahl triumphierte Radwans Stimmkreis-Vorgängerin Ilse Aigner hier mit 54 Prozent der Erststimmen. Jetzt aber empfangen die Wirtschaftsbosse ihren Politiker kopfschüttelnd. "Warum macht's des? Warum demontiert ihr euch selbst?", fragen sie Radwan. Und der schimpft: "Wir waren so gut unterwegs im Wahlkampf. Das kostet Stimmen." Wenn seine Statur nicht so rundlich barock wäre, könnte man vermuten, er winde sich bei diesen Worten vor Unbehagen.

Auch Radwan hat eine Mitarbeiterin. Sie heißt Isabelle Schaebbicke - weder verwandt, verschwägert noch verheiratet mit ihm. Er zahlt der ehemaligen Journalistin 3500 Euro brutto im Monat, sie arbeitet in Vollzeit in seinem Stimmkreisbüro in Rottach-Egern. Keine Familienbande, ganz bewusst, so Radwan. Denn als er Abgeordneter im Europa-Parlament war, habe sich die deutsche Gruppe schon dort freiwillig verpflichtet, keine Verwandten zu beschäftigen. Im Gegensatz zu vielen in Bayern verwurzelten Kollegen hat ihn das offenbar sensibilisiert. "Das Etikett Amigo heftet uns nun mal an, darum müssen wir besonders aufpassen."

Trotzdem wurmt es ihn, dass in diesen Tagen vor allem CSU-Politiker im Fokus stehen, schließlich sind ja fast alle Parteien betroffen. Nur, was tun? Er könnte über sein Thema, die Euro-Rettung, reden. Aber "das geht unter", sagt Radwan. Beim Geld dächten die Leute eh nur wieder an die jüngste CSU-Affäre.

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SZ vom 01.03.2013/sks
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