Süddeutsche Zeitung

Syrischer Flüchtling in Deutschland:Hauptsache, der Weihnachtsmann kommt nicht durch den Kamin

Mitfeiern? Ignorieren? Einen Baum kaufen, aber heimlich? Muslimische Flüchtlinge stehen an Weihnachten vor einer schwierigen Wahl. Unser Kolumnist hat sich entschieden.

Von Yahya Alaous

Der Weihnachtsmann ist nicht aus Syrien geflohen, trotz der schlechten Situation dort. Nein, er ist ein beliebter Charakter für bissige Karikaturisten geworden, jemand, der genau wie die anderen Syrer leidet. Man kann ihn sehen: Traurig sitzt er in einer zerstörten Gegend, er läuft mit seiner Waffe herum. Oder im Gefängnis; er ist sehr dünn geworden, weil er nicht genug zu essen bekommt, oder er sitzt, gezeichnet mit dem Gesicht Baschar Al-Assads, in einem Flugzeug und wirft "Geschenke" ab: Fassbomben und Raketen.

Zu Weihnachten gab es in Syrien immer und überall die Diskussion, ob man Weihnachten feiern sollte oder nicht. Die aktuellste Diskussion konnte ich zwischen einem syrischen Vater und seinem Kind verfolgen. Hier ist sie:

Kind: "Kommt der Weihnachtsmann, um mir ein Geschenk zu bringen?"

Vater: "Ja, aber du musst alles machen, was deine Mutter dir sagt, um sicher zu gehen, dass er dir ein schönes Geschenk gibt."

Kind: "Ich habe gehört, dass er manchmal durch den Kamin kommt! Was würden wir machen, wenn er dieses Mal durch den Kamin käme und meine Mutter hätte ihr Kopftuch nicht auf?"

Vater: "Dann müssen wir den Kamin zumachen, damit er an der Tür klopfen kann."

Yahya Alaous

arbeitete in Syrien als politischer Korrespondent einer großen Tageszeitung. Wegen seiner kritischen Berichterstattung saß der heute 42-Jährige von 2002 bis 2004 im Gefängnis, sein Ausweis wurde eingezogen, ihm wurde Berufsverbot erteilt. Nach der Entlassung wechselte er zu einer Untergrund-Webseite, die nach acht Jahren vom Regime geschlossen wurde. Während des Arabischen Frühlings schrieb er unter Pseudonym für eine Oppositions-Zeitung. Als es in Syrien zu gefährlich wurde, flüchtete er mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern nach Deutschland. Seit Sommer 2015 lebt die Familie in Berlin. In der SZ schreibt Yahya Alaous regelmäßig über "Mein Leben in Deutschland".

Kind: "Was wäre, wenn er an der nächsten Tür klopfen würde und die Geschenke den Kindern dort, nicht mir, geben würde?"

Vater: "Er wird das nicht machen, und wenn er es doch tun würde, dann würde ich dir das grösste und schönste Geschenk machen!"

Das Kind denkt, mit Anzeichen von Angst im Gesicht, dass es heute Nacht nicht schlafen könne. "Ich werde wach sein, bis er kommt, aber bitte, lieber Weihnachtsmann, benutze diesmal nicht den Kamin."

Betritt der Weihnachtsmann das Haus ohne Genehmigung?

Dieser Dialog, ein paar Tage vor Weihnachten zufälligerweise auf einem Berliner Weihnachtsmarkt mitgehört, zeigt einen Einblick in die muslimische Haltung gegenüber dem Weihnachtsfest.

Es besteht die Angst, dass der Weihnachtsmann das Haus ohne Genehmigung betritt und neue Werte mit sich bringt. Werte, die man später schwerlich wieder vergessen kann. Besonders jetzt, da die Kinder täglich mit der neuen Kultur konfrontiert werden. Mit einem neuen kulturellen Aspekt, den der Großteil der Eltern als ungewöhnlich und exotisch und dazu noch tief im Christentum beheimatet empfindet - während die Kinder Teil dieser für sie sehr attraktiven Tradition sein wollen.

Die Einstellung gegenüber Weihnachten ist sehr mit der familiären Auslegung des Islam verbunden, so dass konservative Familien dieses Fest als komplett seltsam empfinden. Sie wollen damit nichts zu tun haben, da sie es als eine Art der religiösen Missionierung ansehen. Also zeigen sie kein Interesse und versuchen es so stark wie möglich zu ignorieren. Andere Familien freuen sich auf Weihnachten, weil sie es als Ritual ansehen, einfach als ein schönes Fest.

Im Islam feiert man eigentlich keine Geburtstage, da macht der Geburtstag von Jesus Christus keine Ausnahme. Mohammed feierte, im Gegensatz zu Juden und Christen, seinen Geburtstag nicht; er sprach sich sogar ausdrücklich dagegen aus. Erst im 11. Jahrhundert begannen auch manche Muslime, ihren Geburtstag nach dem Mondkalender zu zelebrieren. Heute ist es schwer, eine muslimische Familie zu finden, die nicht in irgendeiner Weise diese Feste begeht. Und für die Menschen aus Syrien und dem Irak sind Weihnachten und Geburtstage sowieso nichts Neues. Muslime haben hier über Jahrhunderte Seite an Seite mit Christen gelebt, die ihre Bräuche und Traditionen genauso pflegten wie alle anderen Christen rund um die Welt. Der größte Weihnachtsbaum in Syrien stand in einer Stadt, die mehrheitlich von Muslimen bewohnt wurde. Man konnte in den muslimischen Stadtvierteln dieselben feierlichen Beleuchtungen wie in den christlichen sehen.

Muslime in Deutschland stehen nun vor zwei Möglichkeiten: Entweder zeigen sie, dass sie Teil der deutschen multikulturellen Vielfalt sind - so geben sie sich selbst die Möglichkeit, sich zu integrieren und beispielsweise die Beziehungen ihrer Kinder mit den deutschen Schulkameraden zu verbessern. Die zweite Möglichkeit ist, einfach zu sagen: Wir haben unsere Feste und ihr habt eure - das aber würde die Angriffsfläche und auch den Graben zwischen den Kulturen und den Menschen vergrößern. Man könnte dann über sie sagen, dass sie die soziale Isolation der Integration vorziehen.

Manche muslimische Flüchtlinge, die noch unentschieden sind, entscheiden sich für einen Mittelweg: Sie feiern Weihnachten heimlich. Heimlich, damit sie nicht von ihren muslimischen Landsleuten gesehen werden, wenn sie einen Baum beschaffen, Lichter, den Schmuck und die farbenfrohen Kugeln. Sie bevorzugen es, den Baum nicht am Fenster, sondern eher versteckt aufzubauen, weil sie sich nicht von konservativen Muslimen beobachten lassen möchten. Würde jemand sie doch beobachten, so würden sie sagen: "Das ist doch nur für die Kinder, es ist nur ein Spiel, so wie alle anderen Spiele!"

Die Weihnachtsgans soll sehr lecker sein

In Syrien hatten wir immer einen Plastikbaum. Wir haben ihn schon im November aufgestellt und bis Januar behalten. Aber in diesem Jahr habe ich zum ersten Mal einen echten Baum nach Hause gebracht, er war sehr schwer. Das bemerkte ich aber erst, als ich ihn jemandem im Bus auf den Fuß stellte. Meine Töchter waren sehr glücklich über ihn, und als meine Nachbarn sahen, wie ich ihn nach Hause trug, sagten sie mir, dass er sehr schön sei.

Dieses Weihnachten verbringen wir getrennt von unserer großen Familie in Syrien, aber wir haben eine neue hier: eine nette deutsch Familie hat uns zum gemeinsamen Feiern eingeladen. Wir werden zusammen deutsche Weihnachtslieder singen, ich glaube, meine Kinder haben sie schon gelernt. Ich habe gehört, dass wir einem deutschen Weihnachtsmann begegnen werden. Meine Frau und ich werden einige schöne Fotos machen und die Gans probieren. Man hat uns gesagt, sie soll sehr lecker sein.

Wenn wir dann zurück nach Hause kommen, werden wir die Fotos an meine große Familie senden und ich werde versuchen, den Baum so lange wie möglich im Haus zu behalten. Aber ich werde meinen Töchtern niemals sagen, dass in den deutschen Zoos schon Elefanten darauf warten, diesen Baum zu essen, wie ich der Zeitung entnahm. Diesen Baum, auf dessen Dekoration meine Töchter in Vorfreude auf das Fest so viel Zeit verwendet haben, kriegen die Elefanten nicht.

Übersetzung: Jasna Zajcek

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