Süddeutsche Zeitung

Standorte der NSA in Deutschland:Lauschende Freunde

Der Kalte Krieg ist vorbei - die Geheimnistuerei geblieben. Etliche Horchposten, von Bad Aibling bis Schleswig, unterhielt die NSA in Deutschland. Die USA bestätigen nicht einmal, dass ihr Spionagedienst hierzulande präsent ist. Was die Abhörer tun, sagen sie schon gar nicht.

Im Kalten Krieg hatte Amerikas geheimster Geheimdienst, die National Security Agency (NSA), in Deutschland besonders viele Horchposten stationiert. Das Netz erstreckte sich von Bad Aibling im Süden bis Schleswig im Norden; etliche Stationen waren an der deutsch-deutschen Grenze hochgezogen worden. Insgesamt unterhielt die NSA schätzungsweise 18 Einrichtungen in der Bundesrepublik. Die abgesicherten Anlagen wurden streng bewacht. Die Aktionen blieben geheim, die Namen der Mitarbeiter anonym.

Heute hat die NSA vermutlich noch drei Standorte in Deutschland: in Darmstadt, in Wiesbaden und in Stuttgart, wo seit 2008 auch Africom, das US-Oberkommando für Militäroperationen in Afrika, untergebracht ist. In Stuttgart betreibt die NSA mit einem "Representative Europe Office" die offizielle Vertretung für Europa. Und dann gibt es immer noch das ganz große Ohr in Bad Aibling: die deutsche Filiale des amerikanisch-britischen Abhörprojekts "Echelon". Die Amerikaner haben die Station zwar vor knapp einem Jahrzehnt dem Bundesnachrichtendienst (BND) übergeben, doch der kooperiert dort weiterhin eng mit der NSA. Abgefangen wird vor allem die Kommunikation aus Afghanistan und Nordafrika.

Trotz aller politischen Wechselfälle hat sich an der amtlichen Geheimnistuerei nichts geändert. Die USA wollen nicht einmal bestätigen, dass es NSA-Stationen in Deutschland gibt. Was sie dort so treiben, ist natürlich ebenfalls Geheimsache. Dass die in Deutschland arbeitenden NSA-Leute in Ausspähprogramme wie "Prism", das in diesen Tagen so viele Schlagzeilen macht, eingebunden sind, darf angenommen werden.

Ist alles wie früher?

Wie früher belauscht die NSA Freund und Feind: "Ihre Tätigkeit in Europa wird seit einigen Jahren (zu Recht) als gegnerische Spionage empfunden", schrieben vor etlichen Jahren die Autoren des Standardwerkes "Lexikon der Geheimdienste im 20. Jahrhundert", aber Konsequenzen wurden aus dieser Erkenntnis nicht gezogen. Kein Staatsanwalt legte sich mit den US-Agenten an, kein Landesamt für Verfassungsschutz und schon gar nicht das Bundesamt sammelte Informationen über die Arbeit der fremden Spione.

Wenn die deutschen Dienste angesichts von Prism oder dem britischen Gegenstück "Tempora" wirklich so ahnungslos sind, wie sie jetzt tun, hätten sie wieder einmal versagt. Oder ist alles wie früher? Der Freund ist demnach auch ein Freund, wenn er Böses oder Fragwürdiges tut, und außerdem ist er ja unheimlich behilflich.

Spitzenbeamte deutscher Sicherheitsbehörden empfanden es als Privileg, wenn ihnen die Amerikaner mal die Möglichkeit gaben, eine Abhörstation zu besichtigen. Zumindest für einen Moment sahen sie sich dann auf Augenhöhe mit dem großen Bruder. Sinnvoller wäre es vermutlich gewesen, Informanten zu gewinnen, die über die Arbeit in den deutschen NSA-Stationen hätten berichten können. In Berlin, Köln und Pullach, wo die großen deutschen In- und Auslandsnachrichtendienste residieren, gehen US-Geheimdienstler ein und aus. Sind deutsche Nachrichtendienstler auch regelmäßig Gäste in der Zentrale in Stuttgart-Vaihingen oder in Darmstadt-Griesheim, wo im "Dagger Complex" der militärische Nachrichtendienst der US-Armee seit 2004 - dem Jahr des Abzugs aus Bad Aibling - arbeiten soll?

Spionagetätigkeit im Schichtbetrieb

Von außen ist nicht viel zu sehen, außer ein paar Baracken und vielen Ablüftungsrohren - der Hauptteil der Anlage liegt offenbar unter der Erde. Gearbeitet wird in drei Schichten. Eine spezielle Geheimdienst-Brigade soll gleichzeitig für US-Regionalkommandos und für den Geheimdienst NSA Material besorgen. Die Ärmelabzeichen der Soldaten im Geheimauftrag zeigen eine Sphinx und einen stehenden Dolch. Die 1100 "Intelligence Professionals" und "Special Security Officers" sammeln nachrichtendienstliche Informationen und bereiten sie auf.

Andere Mitarbeiter sollen im "European Cryptology Center" arbeiten, das ebenfalls zum Dagger-Komplex gehört. Hier sollen Sicherheitsoffiziere in der Spionageabwehr tätig sein. Gearbeitet wird in drei Schichten. Was dort gemacht wird und wer wofür zuständig ist, lässt sich aus Anschaffungslisten und Stellenanzeigen ablesen: So wurde 2003 (als sich der Auszug der NSA aus Bad Aibling abzeichnete), die von der NSA gern verwendete Software Taclane für diesen Standort angeschafft.

Oder 2011: Damals wurden "Special Security Officer" für Darmstadt gesucht. Sie sollten für die Sicherheit sensibler Einrichtungen zuständig sein. Ein "Intelligence Specialist", der zwischen 50 287 und 65 371 Dollar Jahresgehalt haben sollte, musste "Kenntnisse und Erfahrungen mit der NSA" haben. Sonst wäre er ungeeignet.

Schon in den Achtzigern sollen die USA Leitungsnetze abgehört haben

Auf dem US-Stützpunkt Wiesbaden und mutmaßlich auch einer Mainzer Außenstelle ist eine Brigade tätig, die vor allem für die Verarbeitung und Analyse von Geheimdienstinformationen zuständig sein soll, wie es in amtlichen Papieren heißt. Diese Formel sagt alles und nichts. Angeblich soll die Brigade verstärkt werden. Die Darmstädter NSA-Station soll demnach schon bald nach Wiesbaden umziehen, wo derzeit für mehrere Millionen Dollar ein "Consolidated Intelligence Center" entstehen soll. Was genau in den abhörsicheren Räumen der Anlage besprochen und gemacht wird, ist nicht bekannt. Eigentlich ist damit alles wie früher. Die NSA betreibt in Deutschland munter weiter ihr geheimes Geschäft.

Zuletzt gab es Hinweise, dass die NSA am weltgrößten Internet-Knotenpunkt "De-Cix" in Frankfurt massenhaft Daten abzapft. Die Betreiberfirma erklärte prompt, niemand zapfe Daten ab. Das würde doch auffallen. Auch das klingt bekannt. Als Ende der Achtzigerjahre spekuliert wurde, die USA würden in Frankfurt, zwischen der Zeil und der Großen Eschenheimer Straße, die Richtfunk-und Leitungsnetze der Post abhören, erklärten amtliche Fachleute, das sei nicht möglich, und außerdem hätten die Amerikaner keine Sonderrechte mehr im Fernmeldewesen. Die NSA blieb unbehelligt. Angeblich zog sie dann um - ein paar Ecken weiter in ein Gebäude am Hauptbahnhof.

Abgezogen sind die Amerikaner freilich nicht. Dafür ist Deutschland zu wichtig. Wie wichtig, ist schon daran zu sehen, dass es hierzulande eine eigene Außenstelle des sogenannten Hilfsdienstes für NSA-Mitarbeiter geben soll. Er berät die Geheimen in Trauerarbeit - oder, wenn sie ihre sozialen Fähigkeiten verbessern wollen.

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Quelle:
SZ vom 10.07.2013/fran
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