Süddeutsche Zeitung

Spanierin über Jobsuche in Europa:Das Märchen von der Mobilität

"Geht dahin, wo die Jobs sind": Diesen Rat hören junge Südeuropäer ständig. Doch wie soll die Wirtschaft in Portugal und Griechenland auf die Beine kommen, wenn die Talente auswandern? Eine Spanierin erklärt, wo Politiker wie Finanzminister Schäuble irren und wieso sie ihr privates Glück nicht der Arbeit opfern will.

"Geht woanders hin! Wenn Ihr in Spanien keinen Job findet, solltet Ihr weggehen. Ihr habt so viele Möglichkeiten" - solche Sätze habe ich in letzter Zeit sehr oft gehört und kurzzeitig habe ich auch gedacht, dass ich mit dieser Zauberformel meine Karriere vorantreiben könnte.

Sogar der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble hat in einer öffentlichen Veranstaltung zum Thema "Die Zukunft gehört uns! Junge Europäer diskutieren mit Wolfgang Schäuble" in Berlin im Juni 2013 so argumentiert. Er hat mir dringend empfohlen: "Geh woanders hin. Hochqualifizierte junge Menschen müssen flexibel und mobil sein. Für die weniger gut gebildeten ist es viel schwieriger." Mit dieser Antwort war ich überhaupt nicht zufrieden und so entstand folgender Dialog:

Ich: "Ich bin bereits woanders hingegangen. Ich habe als Erasmus-Studentin in England gelebt und ich habe in den Niederlanden und in Schottland gearbeitet. Ich stimme Ihnen unbedingt zu, dass internationale Erfahrungen neue Möglichkeiten bieten, aber das reicht nicht."

Schäuble: "Sobald sich die wirtschaftliche Lage verbessert, wird es in Spanien wieder mehr Jobs geben. Die spanische Wirtschaft funktioniert gut und ist auf einem guten Weg der wirtschaftlichen Erholung. Das Gleiche gilt für Irland, Portugal und Griechenland."

Ich: "Wie soll sich die Wirtschaft in Randstaaten der EU erholen, wenn die am besten ausgebildeten jungen Menschen nach Nord- und Westeuropa auswandern?"

Schäuble: "Junge Menschen werden weggehen, sie werden in anderen Ländern bessere Ideen bekommen und dann mit neuen Ideen und Geld in ihre Heimat zurückkehren. Dies wird ihren Heimatländern nutzen."

Ich: "Genau das habe ich getan. Ich habe das Land verlassen, im Ausland gearbeitet und bin nach Spanien zurückgekehrt, aber hier gibt es für mich keine Möglichkeiten. Wie soll ich meinem Land so jemals nützen?"

Ich bin eine junge, gut ausgebildete Spanierin und habe Berufserfahrung in mehreren europäischen Ländern gesammelt. Trotzdem habe ich in Spanien keinen Job gefunden. Ich gebe zu, dass ich erwogen habe, woanders hinzugehen, weil ich dachte, dies sei meine einzige Möglichkeit. Glücklicherweise habe ich bald erkannt, dass das nicht stimmt. Ich will gerne erklären, warum.

Weggehen oder nicht - ist das wirklich die Frage?

Anscheinend ist es so, dass sich alles auf die Frage reduziert, ob man flexibel und mobil ist. Wenn man sehr gut ausgebildet ist, aber am Wohnort keinen Arbeitsplatz findet, geht man eben woanders hin. Oberflächlich betrachtet ergibt das Sinn, aber man darf sich nicht täuschen lassen. So einfach ist es nicht.

  • Rechtliche und sprachliche Hürden: Nehmen wir an, ich würde mich entscheiden, nach Deutschland zu gehen. Ich könnte als Englisch- oder Spanisch-Lehrerin an einer weiterführenden Schule arbeiten. Dazu müsste ich als erstes meine ausländischen Studienabschlüsse anerkennen lassen. Ganz davon abgesehen, dass ich wohl zunächst gebeten würde, einen Eignungstest abzulegen, bevor meine Ausbildung anerkannt wird. Natürlich müsste ich auch Deutsch lernen und nachweisen können, dass ich die Sprache sicher beherrsche. Eine Freundin von mir hat diesen Prozess durchlaufen, und er hat bei ihr drei Jahre gedauert. Das bedeutet: Drei Jahre in Deutschland zu leben bis sie überhaupt als Lehrerin arbeiten konnte. Wovon soll ich in dieser langen Zeit leben?
  • Verabschiede Dich von Deinem Privatleben: Was passiert mit deinem privaten Umfeld, wenn du wegziehst? Deine Berufstätigkeit und deine privaten Pläne sollten miteinander vereinbar sein, was aber nicht immer der Fall ist, wenn man wegzieht. Ich habe bereits im Ausland gelebt und musste jedes Mal komplett von vorne anfangen. Das war für mich nie ein Problem, weil es mir Spaß macht, neu anzufangen und weil ich leicht neue Freunde finde. Wenn man jedoch ein gewisses Alter erreicht hat - 30 in meinem Fall - möchte man gerne sesshaft werden und eine Familie gründen. Leider würde ein Wegzug meine Aussichten so ungewiss machen, dass ich es noch nicht einmal wagen dürfte, über private Pläne nachzudenken.
  • Abwanderung von Fachkräften (Brain Drain): Es sind die hochqualifizierten Berufstätigen, die bessere Chancen haben, wenn sie in andere EU-Staaten ziehen. Im Falle Spaniens wollen Politiker die positive Nachricht verbreiten, dass unsere Emigranten bislang geringqualifizierte Arbeiter waren, aber nun diejenigen sind, die am besten vorbereitet sind. "Wir exportieren Talente", sagen sie voller Stolz. Das wären gute Nachrichten, wenn wir ausreichend viele hätten, doch tatsächlich ist es so, dass wir unsere talentiertesten Kandidaten "exportieren" müssen, weil unsere Wirtschaft keine Verwendung für sie hat. Es ist nicht überraschend, dass ich in letzter Zeit sehr oft gehört habe: "Sie sind für diese Position überqualifiziert." Politiker sagen gerne, dass man eher Ingenieurwesen oder Medizin anstatt ein geisteswissenschaftliches Fach studieren soll und diese Berufsfelder weisen tatsächlich eine niedrigere Arbeitslosenquote auf. Doch aufgrund der Krise sind die Arbeitsbedingungen dort sehr prekär. Es läuft also darauf hinaus, dass kein Berufsfeld vor der Rezession sicher ist und eine hohe Qualifikation keine Garantie für einen guten Job darstellt.

Es geht darum, die eigene Angst zu überwinden

Wie soll man dieses Problem lösen? Im Falle Spaniens sind bereits viele Reformen umgesetzt worden, aber es hat sich kein Wandel vollzogen. Wenn Spanien zusammen mit anderen europäischen Ländern eine nachhaltige Wettbewerbsfähigkeit erreichen möchte, muss es mehr in Forschung und Entwicklung investieren anstatt sich darauf zu konzentrieren, traditionell dominierende Sektoren seiner Volkswirtschaft wiederzubeleben (Tourismus, Bau und Landwirtschaft). Anderenfalls könnte sich zwar die Wirtschaft erholen, bliebe aber im höchsten Grade abhängig und fragil. Dies würde sie für Fluktuationen in globalen Märkten besonders angreifbar machen und die Schaffung von hochqualifizierten Jobs erschweren.

Bleiben oder gehen?

Ich gebe zu, dass es für den europäischen Arbeitsmarkt wichtig und nötig ist, Mobilität anzuregen, aber das reicht sicherlich nicht aus. Die Frage der Bekämpfung von Jugendarbeitslosigkeit muss über die Frage "bleiben oder gehen" hinausgehen und in erster Linie ein Recht und keine Verpflichtung für junge Europäer bleiben. Mobilität ist weder die einzige Lösung noch die beste.

Nachdem ich einige Monate arbeitslos war und sich keine beruflichen Möglichkeiten ergeben haben, habe ich entschieden, dass es nun an der Zeit ist, selbst aktiv zu werden. "Das ist aber sehr riskant!" - wurde mir oft gesagt. Und ja, das ist es in der Tat. Ich habe mit meiner risikoscheuen Einstellung und mit meiner Angst vor dem Scheitern gehadert (und das wird wahrscheinlich immer so bleiben). Ich kenne in der Tat keinen einzigen Spanier, der sich nicht nach Stabilität sehnen würde. Ganz abgesehen davon, ist Spanien nicht gerade als unternehmerfreundlich bekannt - die Bürokratie und die steuerlichen Verpflichtungen sind gerade zu ein Alptraum.

Unabhängig von all diesen entmutigenden Faktoren bin ich zu dem Schluss gekommen, dass das Risiko zu warten höher ist als das Risiko zu scheitern. Nach Abschluss meiner wissenschaftlichen Karriere habe ich erkannt, dass ich mich neu erfinden muss. Aber ich habe auch erkannt, dass ich meine Erfahrung und mein Wissen als Lehrbeauftragte und Forscherin für bilinguale Erziehung nutzen kann, um als selbstständige Trainerin und Beraterin zu arbeiten.

Die Krise hat es allen Spaniern verdeutlicht, dass es sehr wichtig ist, seine Fremdsprachenkenntnisse zu verbessern und hier bot sich mir eine berufliche Perspektive. Aus diesem Grund arbeite ich nun freiberuflich, und habe ein - sehr bescheidenes aber vielversprechendes - Fremdspracheninstitut. Neu anzufangen ist immer schwierig, aber ich könnte niemals die Gelegenheit, die diese Krise bietet, ungenutzt verstreichen lassen.

Dieser Artikel erscheint im Rahmen der Kooperation "Mein Europa" von Süddeutsche.de mit dem Projekt FutureLab Europe der Körber-Stiftung. Bis zur Europawahl Ende Mai werden in der Serie junge Europäer zu Wort kommen - streitbar, provokativ und vielfältig.

Estefanía Almenta, 30, arbeitet als selbstständige Trainerin in Madrid. Sie hat in England, den Niederlanden, Schottland und Spanien studiert und gearbeitet. Sie wurde als "Herausragende Absolventin des Jahres" vom spanischen Bildungsministerium ausgezeichnet und von der Fundación Carolina als Teilnehmerin des 7. Lateinamerikanischen Young Leaders Programms ausgewählt.

An English version of the text is available at the website of FutureLab Europe.

Übersetzung: Dorothea Jestädt

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