Süddeutsche Zeitung

Rohingya:Geld ist nicht genug

Hundertttausende muslimische Flüchtlinge aus Birma sind in den Lagern in Bangladesch in größter Gefahr. Finanzhilfen lösen das Problem allein nicht. Reiche Länder sollten mehr tun, auch wenn es unbequem ist.

Von Arne Perras

Wie aussichtslos die Lage für 700 000 aus Myanmar nach Bangladesch geflohene Rohingya erscheint, lässt sich an den "Repatriierungsnachrichten" ablesen, die Myanmars Regierung gerade verschickt. Da sind Bilder einer Familie zu sehen; aufgereiht vor der myanmarischen Flagge halten sie Ausweispapiere hoch. Myanmar präsentiert die fünf Menschen als angeblich erste muslimische Familie, die nach der Flucht zurückgekehrt sei. Man darf an dieser Darstellung zweifeln, zumal die Regierung in Bangladesch erklärt, dass diese Leute nie in ihrem Land gewesen seien. So gerät der vermeintliche Vorzeigefall zur Farce.

Rückführung von Rohingya? Das ist ein ferner Traum. Die Papiere, die auf Fotos hochgehalten werden, sind keine Dokumente, die ihre Inhaber als Bürger Myanmars ausweisen. Der Staat setzt keine Zeichen, dass er die Rechtlosigkeit vertriebener Muslime beenden will. Sie bleiben staatenlos.

Die Vertriebenen wollen nach Hause, aber sie haben Angst, was nur zu berechtigt ist. Von niemandem sollte erwartet werden, dass er sich freiwillig zurück in die Hände seines Peinigers begibt. Doch das wäre der Fall, solange die myanmarische Armee, der schwere Verbrechen angelastet werden, über sogenannte Repatriierungscamps für Rohingya wacht. Nur massive internationale Präsenz könnte daran etwas ändern, doch das Militär mauert. Deshalb geht nichts voran.

Die Weltgemeinschaft gibt Geld, damit Bangladesch die Flüchtlinge unterbringt. Das wirkt großzügig, ist aber halbherzig. Denn Bangladesch ist gar nicht mehr fähig, die Flüchtlingskrise zu bewältigen. Alarmzeichen gibt es viele: Die Lager sind überfüllt, es herrscht unerträgliche Enge. Die Regierung in Dhaka will nun Flüchtlinge auf eine kleine Insel im Golf von Bengalen umsiedeln, obgleich man weiß, wie leicht sie überflutet werden kann. Das wirkt zynisch, zeigt aber auch, wie überfordert das Land ist.

In ihrer Perspektivlosigkeit sind gerade junge Flüchtlinge leichte Beute für Menschenhändler. Und jetzt, da der Monsun naht, kann keiner für Sicherheit in den Lagern garantieren. Zehntausende sind von Überflutungen und Erdrutschen bedroht. All dies spitzt sich zu, ohne dass eine schnelle Rückführung möglich ist.

Reichere Staaten sollten einen Teil der Flüchtlinge aus Birma bei sich aufnehmen

Darauf zu setzen, dass sich die Krise von selbst löst, ist weltfremd und der falsche Weg. Die Spannungen werden zunehmen und im schlimmsten Fall Bangladesch destabilisieren und Hass zwischen den Religionen schüren. Es ist also überfällig, die Zustände in den Camps zu entschärfen. Die Rohingya brauchen einen globalen Notfallplan. Der muss sich auch mit unbequemen Fragen beschäftigen: Reichere Staaten sollten prüfen, ob sie nicht besser helfen könnten, wenn sie begrenzte Kontingente von Rohingya als Asylbewerber aufnehmen. Einst waren es Boat People aus Vietnam, die eine neue Heimat suchten, jetzt sollten die Rohingya eine Chance bekommen.

Die Vertreibung der Rohingya bleibt ein schweres Verbrechen, dessen Drahtzieher nicht straflos bleiben dürfen. Auch sollten die Staaten den Druck auf Myanmar erhöhen, damit viele Rohingya in Würde und Sicherheit zurückkehren können. Aber es ist klar, dass Bangladesch die Last der Flüchtlinge nicht mehr lange tragen kann. Wenn die Welt noch eine Gemeinschaft ist, kann sie es jetzt beweisen, indem sie Rohingya-Familien aufnimmt.

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Quelle:
SZ vom 18.04.2018
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