Süddeutsche Zeitung

Rechtsextremismus:CDU-Funktionär in Neonazi-Szene aktiv

Lesezeit: 2 min

Nachhilfelehrer, CDU-Funktionär, Neonazi: Politik-Student Daniel B. galt bei den Kasseler Christdemokraten als unauffälliges Parteimitglied. Was die Christdemokraten nicht ahnten: Der junge Mann hetzte im Internet und trat bei Neonazi-Aufmärschen auf.

Oliver Klasen und Oliver Das Gupta

Die Enthüllungen über die rechtsextremistische Szene halten seit Wochen die Republik in Atem, nun folgt ein weiteres bizarres Kapitel.

Es geht um Daniel B., Jahrgang 1986, Politikstudent. Er verbreitete dem Hessischen Rundfunk zufolge rechtsextremistisches Gedankengut im Internet und reagierte dementsprechend auf den enthüllten Terror des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU).

Nachdem das Bekennervideo der Zwickauer Verbrecher-Gruppe aufgetaucht war, in dem die Mordszenen mit Zeichentricksequenzen zusammengeschnitten wurden, setzte er am 17. November die Comicfigur "Paulchen Panther" als Konterfei auf seine Facebook-Seite - offensichtlich aus Solidarität gegenüber der Neonazi-Terrorzelle. sueddeutsche.de berichtete bereits in der vergangenen Woche über die zur Schau gestellte Freude über die Mordserie in der Neonazi-Szene.

Daniel B. ist dem HR-Bericht zufolge auch Mitglied der braunen Kameradschaft "Freier Widerstand Kassel". Aber nicht nur das. Gleichzeitig ist er seit 2009 in der Kasseler CDU aktiv, wie die Partei auf Anfrage von sueddeutsche.de bestätigte. Zuletzt hat er es dort gar bis zum Schriftführer des CDU-Stadtbezirksverbandes Kassel-Nord gebracht.

In dem Stadtbezirk liegt auch der Tatort des letzten derzeit bekannten Mordes der NSU an Migranten im Jahre 2006. Damals war ein türkischstämmiger Betreiber eines Internetcafés erschossen worden. Zur Tatzeit befand sich in dem Cafe auch ein Mitarbeiter des Hessischen Verfassungsschutzes - unter bisher nicht restlos geklärten Umständen.

Und nun auch noch ein Rechtsextremist in der örtlichen CDU: Daniel B.s Vorgehen gleicht dem eines V-Mannes, der sich unerkannt einschleust. Nur dass Daniel B. den umgekehrten Weg ging: Er infiltrierte eine demokratische Partei.

"Er war total unauffällig"

"Er war total unauffällig", sagte Barbara Herrmann-Kirchberg, die Kreisgeschäftsführerin der CDU Kassel, zu sueddeutsche.de. Man werde nun rasch einen Parteiausschluss gegen Daniel B. einleiten. Bereits am Donnerstag wolle der Kreisvorstand ein förmliches Verfahren beschließen. In der Kasseler CDU sei man "sehr geschockt".

Daniel B. sei 2009 in die Partei eingetreten, er sei relativ selten zu den Vorstandssitzungen erschienen und habe sich meist mit familiären Verpflichtungen entschuldigt. Der Ortsverband, in dem er Schriftführer war, sei eine relativ kleine Parteigruppierung mit etwa 20 Mitgliedern gewesen.

B.s wahre Gesinnung habe er in der CDU nie gezeigt, versichert Herrmann-Kirchberg, von rechtsextremen Ansichten hätten die anderen Parteimitglieder nie etwas mitbekommen: "Man kann immer nur den Menschen ins Gesicht schauen; was sie denken, weiß man nicht."

In der Tat gab sich B. zahm, zumindest unter seinem vollen Namen: Im Internet schaltete er eine inzwischen gelöschte Anzeige, in dem er seine Dienste als Nachhilfelehrer anpreist: Er beschäftige sich "gerne mit Menschen", schrieb er, und: "Ich arbeite ehrenamtlich-kirchlich".

In der braunen Szene agierte der Mittzwanziger unter seinem Spitznamen. Vom HR mit den Tatsachen konfrontiert, erklärte B., seine Aktivitäten seien "Privatsache". Unmittelbar danach löschte er alle Internetseiten mit seinem Szene-Namen.

Seinen rechtsextremen Hintergrund soll B. der CDU inzwischen gestanden haben. Sein Amt als Schriftführer habe er niedergelegt, heißt es. Die CDU-Mitgliedschaft wolle er jedoch behalten. Über seine Aktivitäten im Stadtbezirksverband Kassel-Nord sagte Daniel B., der dortige Vorsitzende sei "ein Freund", den er aus dem Studium kenne.

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