Süddeutsche Zeitung

Opfer-Anwalt im Lüneburger Auschwitz-Prozess:Ruheloser Kämpfer für späte Gerechtigkeit

In Lüneburg wird dem früheren SS-Mann Oskar Gröning der Prozess gemacht - auch dank Thomas Walther. Der Anwalt der Nebenkläger half schon dabei, einen weiteren KZ-Handlanger vor Gericht zu bringen.

Porträt von Peter Burghardt

Wäre Thomas Walther ein Jurist wie so viele Juristen, die sich mit der deutschen Nazivergangenheit beschäftigen sollten, dann würde er vermutlich seinen Ruhestand genießen. Das Allgäu, wo der 72 Jahre alte Rechtsanwalt wohnt, eignet sich bestimmt nicht schlecht für den Rückzug aus dem Berufsleben.

Zwei Generationen von Staatsanwälten in Deutschland haben es in den meisten Fällen versäumt, die Handlanger des Holocaust ernsthaft zu verfolgen. "Kollege Walther, die Zeiten sind vorbei", dozierte einmal jemand: "Denken Sie nicht, dass da noch Anklagen rauskommen."

Wühlen in Archiven, Besuche bei Überlebenden

Doch der Aufklärer Walther sitzt nun trotz seines Rentenalters vor dem Landgericht in Lüneburg. Dort vertritt er Überlebende, die im Prozess gegen den früheren SS-Mann Oskar Gröning als Nebenkläger auftreten.

Er war 1943 in Erfurt gerade zur Welt gekommen, als seinen heutigen Mandanten oder deren Verwandten die Hölle bevorstand. Im Sommer 1944 verschleppten die Nazis Hunderttausende Juden aus Ungarn nach Auschwitz-Birkenau, mindestens 300 000 von ihnen wurden dort ermordet.

Seit diesem Montag sagen der 93-jährige Beschuldigte und die ebenfalls betagten Zeugen aus, Gröning muss sich wegen Beihilfe zum Mord in 300 000 Fällen verantworten. 71 Jahre danach. "Da wird späte Gerechtigkeit geübt", sagt Walther. Ohne Rechercheure wie ihn wäre es nie so weit gekommen.

Es ist sein Kampf gegen die Versäumnisse der Justiz. Thomas Walther war Richter und Staatsanwalt in Memmingen, Kempten, Sonthofen und Lindau, kurz vor der Pensionierung rief ihn 2006 die Zentrale Stelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg. "Dann machen Sie mal", sagte ihm ein Vorgesetzter, als der SS-Scherge John Demjanjuk in den USA aufgeflogen war. Er machte.

Walther wühlte sich durch Archive und besuchte Menschen, die dem Grauen in Sobibor entkommen waren. Als der Ermittler 2008 die Altersgrenze erreichte, schloss er sich einer Kemptner Kanzlei an. Der ruhelose Walther trug wesentlich dazu bei, dass Demjanjuk 2011 in München in erster Instanz als Gehilfe der Mörder verurteilt wurde.

Demjanjuk blieb nicht der letzte Nachtrag der Geschichte

Der Fall Demjanjuk schien ein letzter Nachtrag der Geschichte gewesen zu sein. Bis zur Causa Gröning. Dessen Strafsache hatte Frankfurts Staatsanwaltschaft 1985 eingestellt, doch Hannovers Staatsanwaltschaft klagt den Greis 2015 an - auch dank Walther.

Diesmal reiste er zu jüdischen Emigranten, die während Grönings Amtszeit nach Auschwitz deportiert worden waren. Vor seiner Videokamera erzählten sie, wie sie binnen Stunden ihre Familien in den Gaskammern der Nazis verloren.

Jetzt sitzen Opfer und ein Täter vor Lüneburgs Richtern, Gröning hat bisher moralische Mitschuld eingeräumt. In schwarzer Robe statt wie sonst mit weißem Schal zum Wuschelhaar erlebt der Nebenklägeranwalt Walther, wie einige Tote nach sieben Jahrzehnten Stimme, Gesicht und Würde bekommen.

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SZ vom 23.04.2015/odg
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