Süddeutsche Zeitung

Profil:Abid Raja

Einst Gangmitglied, jetzt norwegischer Kulturminister.

So schnell geht das. Als die vergangene Woche begann, hatte Norwegen noch eine Regierung mit sieben Ministern der rechten Fortschrittspartei FRP, deren Führung sich den weißen und christlichen Norwegern gerne als Bollwerk gegen die angebliche "schleichende Islamisierung" empfahl. Und als die Woche endete, da rieben sich viele die Augen. Da hatte die FRP Hals über Kopf die Regierung verlassen und die konservative Premierministerin Erna Solberg einen muslimischen Bürger pakistanischer Abstammung namens Abid Raja zum neuen Minister gemacht. Und zwar zum Minister für Kultur und die Gleichstellung der Geschlechter.

Raja selbst schien am meisten verblüfft über diese Wendung. Bei der Amtseinführung am Freitag vergoss der 44-jährige Politiker der Liberalen als einziger der neuen Minister Tränen vor den Kameras. Dann gab er seiner Dankbarkeit Ausdruck, dass seine aus Pakistan kommenden Eltern in den 1970er-Jahren in Norwegen willkommen geheißen worden waren. "Ein langer Weg" sei es allerdings gewesen, sagte Raja dann noch, bis er das Gefühl gehabt habe, "für Norwegen gut genug zu sein".

Ein langer Weg, tatsächlich, länger noch als bei anderen. Heimkind war Abid Raja einmal gewesen, ein "zorniger junger Muslim", wie er selbst sagt, Mitglied einer Gang. Und jetzt Minister. Ein Kommentar im Boulevardblatt VG feierte seine Ernennung als die Erfüllung des "norwegischen Traums". Geboren wurde Abid Raja in eine Arbeiterfamilie, die Mutter war Analphabetin, der Vater fand Arbeit in einer Stahlfabrik. Gewalt war Alltag in der Familie, Abid Raja selbst zeigte seine Eltern beim Jugendamt an, da war er 15, und das Amt steckte ihn für ein halbes Jahr in ein Heim. Später fiel er als Schüler durch gute Leistungen auf, während des Jurastudiums dann gewann er als erster nicht ethnischer Norweger ein begehrtes Stipendium für die Oxford Universität. Er wurde Rechtsanwalt.

Seine Frau Nadia Ansar, eine Psychologin, lernte er während des Studiums kennen. Wegen der konservativen Moralvorstellungen der Einwanderergemeinschaft trafen sich die beiden lange heimlich, oft in einem Burger-King-Lokal. Später sagte Raja einmal, er sei deshalb der Liberalen Partei beigetreten, die den Kampf für die Freiheit des Individuums auf ihre Fahnen geschrieben hat, weil Norwegen ihm die Freiheit gegeben habe, diejenige zu heiraten, die er liebte. Als Anwalt erlangte Raja schnell Erfolg und Prominenz. Von Anfang an engagierte er sich auch politisch: gegen Diskriminierung, aber auch gegen häusliche Gewalt und Zwangsehen. Er begründet das mit der Erinnerung an die eigene Kindheit: Als Kind habe ihn die Furcht gehindert, sich denen entgegenzustellen, "die mir auf der Straße nachspuckten, die mich Pack und Kanake nannten." Er schrieb regelmäßig Kolumnen in den großen Zeitungen, organisierte öffentliche Debatten. 2013 wurde er ins Parlament gewählt, zuletzt war er stellvertretender Parlamentspräsident.

Auf seinem Weg hat sich Raja auch Gegner gemacht. Die Politiker von der FRP zum Beispiel, denen er "braune Propaganda" vorwarf, als FRP-Chefin Siv Jensen mal wieder die "schleichende Islamisierung" beschwor. Aber auch in der eigenen Partei mahnen sie Abid Raja, er solle die Politik doch bitte etwas mehr als Mannschaftssport verstehen. Seine Ernennung zum Minister wird als symbolhaft verstanden: Abid Raja wird als Vorbild gefeiert, vor allem für Jugendliche aus muslimischen Familien. "Mach uns stolz!", schrieb der Autor Zeeshan Shah. Selbst von politischen Rivalen kommt Applaus. Er wünsche sich zwar nichts sehnlicher als das Zusammenbrechen der konservativen Regierung Solberg, schrieb ein Lehrer und Politiker der sozialistischen Linken in einem Kommentar für die Zeitung Dagsavisen: "Aber eines muss ich zugeben: Die Ernennung Abid Rajas zum Kulturminister ist das Beste, was unserem Land seit Jahren passiert ist."

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SZ vom 29.01.2020
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