Süddeutsche Zeitung

Pjöngjangs Atomtest:Es ist Zeit für eine neue Nordkorea-Politik

Der abermalige Atomtest Pjöngjangs ist eine Aufforderung zum Gespräch an die USA. Es wurde schon viel zu viel Zeit vergeudet.

Kommentar von Christoph Neidhart, Tokio

Schlechtes Benehmen darf nicht belohnt werden. Diesem pädagogischen Kindergarten-Prinzip folgen die USA und ihre Verbündeten mit ihrer Nordkorea-Politik. Präsident Barack Obama ignorierte die Provokationen Pjöngjangs, so weit das ging, er nannte das "strategische Geduld" und setzte auf verschärfte Sanktionen. Japans Premier Shinzo Abe und Südkoreas geschasste Präsidentin Park Geun-hye wollten Diktator Kim Jong-un bestrafen, wie sie explizit sagten. Und US-Präsident Donald Trump lobte Kim vor einigen Tagen für eine brave Phase, nachdem Nordkorea einige Wochen keine Rakete testete, er zeige endlich Respekt.

Wenige Tage danach ließ Kim eine Rakete über Japan schießen, am Sonntag zündete der Norden wohl seinen sechsten Atomtest. Jetzt wird wieder nach schärferen Sanktionen gerufen. Dabei hat es sich längst gezeigt, dass Sanktionen nichts erreichen. Die chinesisch-nordkoreanische Grenze wäre selbst gegen den Willen der chinesischen Regierung durchlässig, an Russland ist Nordkorea per Bahn angebunden. Zudem hat das Land zwei lange Küsten. Nordkorea mag vom Westen isoliert sein, aber es pflegt Verbindungen mit südostasiatischen und afrikanischen Staaten.

Kim Jong-un ist kein Dreikäsehoch in der Trotzphase, kein pubertierender Halbstarker und auch kein Verrückter, sondern ein kühl kalkulierender Diktator, der seine schlechten Karten geschickt spielt. Experten sagen von ihm, er sei der bessere Politiker als sein Vater Kim Jong-il. Man sollte sich von der überdrehten Rhetorik seiner Propaganda nicht täuschen lassen, er scheint genau zu erkennen, wie weit er gehen kann. Und ohnehin gibt es in der Geschichte kaum ein Beispiel dafür, dass ein Land mit Strafen zu Wohlverhalten gezwungen worden wäre.

Es ist nur noch Wunschdenken, Nordkorea gebe sein Atom- und Raketenprogramm auf. Und es wird mit jedem Atom- und Raketentest unwahrscheinlicher. Als das Programm in seinen Anfängen steckte, war das vielleicht noch möglich. Es ist auch Wunschdenken, China könnte Nordkoreas Atomprogramm stoppen. Pjöngjangs Misstrauen gegenüber Peking ist fast so groß wie jenes, das Kim gegenüber den USA hegt.

1994 einigten sich die USA und Nordkorea auf das "Genfer Rahmenabkommen". Jene, die dabeigewesen sind, vergleichen die Vereinbarung mit dem Nuklearabkommen mit dem Iran. Sie sei nicht perfekt gewesen, aber sie schuf ein Forum für Gespräche und Vertrauensbildung und brachte Pjöngjangs Atom-Ambitionen fast zum Stillstand. US-Präsident George W. Bush hat das Abkommen platzen lassen. Sein Vize Dick Cheney fabulierte offen über einen militärischen Präventivschlag und forderte den Regime-Wechsel. Daraus und aus dem Sturz von Saddam Hussein und Muammar Gaddafi haben die Kims ihre Lehren gezogen.

Pjöngjang wird immer dreister

Die USA können das Regime in Pjöngjang nicht stürzen, ohne einen Krieg zu provozieren. Ziehen sie die Lehren aus ihrer jüngeren Geschichte, können sie einen Sturz des Regime auch nicht wollen. Das gewaltsame Ende von Saddam Hussein und Gaddafi hat den Alltag der Menschen dort nicht verbessert, die Menschenrechte auch nicht. Die Sicherheit der ganzen Region schon gar nicht. Das wäre nicht anders, wenn Washington den Kollaps des nordkoreanischen Regimes herbeiführen würde.

Der Atomtest vom Sonntag ist, so paradox das klingen mag, eine Aufforderung zum Gespräch. Bush und Obama haben viel zu viel Zeit vergeudet. Pjöngjang wird mit jedem weiteren Atomversuch und jedem Raketenstart dreister. Kim wird anders als sein Vater im letzten Jahrzehnt eine rasche Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel als Ziel nicht mehr akzeptieren, schon gar nicht als Vorbedingung für Gespräche. Washington wird sich in einer ersten Phase mit dem Einfrieren der Programme begnügen müssen. Und seinerseits erhebliche Konzessionen machen müssen. Die Alternative ist eine Fortsetzung der Provokationen. Oder Krieg.

Kindergarten-Pädagogen deuten schlechtes Benehmen heute als Alarmsignal, dem man mit Strafen und Ignorieren nicht beikommt. Es ist Zeit, dass die Nordkorea-Politik des Westens das auch lernt.

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