Süddeutsche Zeitung

Pflegeheime im Ausland:Die verrückte Idee vom Greisen-Export

Lesezeit: 3 min

Deutschland ist sehr erfolgreich als Exportnation. So kommt es, dass nicht nur Autos und Chemieerzeugnisse ins Ausland exportiert werden, sondern auch pflegebedüftige Menschen. Heime in Thailand oder Osteuropa sind billiger als hierzulande. Aber die Zwangs-Entsorgung der Alten ist ein Akt der Verrohung.

Heribert Prantl

Beim Exportieren ist Deutschland große Klasse; es war Ausfuhr-Weltmeister bis 2008 und ist seitdem auf Spitzenplätzen. Niemand sonst exportiert so viele Autos, Maschinen und chemische Erzeugnisse in alle Welt. Der Export sorgt für hohen Lebensstandard und nationales Wohlergehen.

Weil Deutschland so versiert im Exportieren ist, schafft es sich auch Probleme durch Export vom Hals: Müll wird exportiert. Atommüll, alte Arzneimittel, Batterien und Essensreste landen, legal oder illegal, dort, wo Entsorgung billiger ist; grenzüberschreitende Abfallverbringung nennt man das. Export ist ein Denk-, Handlungs- und Lösungsprinzip.

So kommt es wohl, dass nun auch pflegebedürftige Menschen exportiert werden sollen; man kann das grenzüberschreitende Altenverbringung nennen. Pflegeheime in Thailand, Spanien oder Osteuropa sind billiger als deutsche Pflegeheime. Kranken- und Pflegekassen zeigen sich daher interessiert am Greisen-Export; der Unions-Pflegeexperte Willi Zylajew sieht darin ein alternatives Pflegemodell.

Gerontologischer Kolonialismus

Sollen künftig auch Kinder exportiert werden, wenn die Kindergärten hierzulande zu teuer werden? Der gerontologische Kolonialismus klingt wie ein Stück aus dem Tollhaus, ist aber Realität. Sogenannte Träger erwägen, Pflegeverträge mit Heimen im Ausland zu schließen; zum Teil wird das Auslandsheim als Geschäftsmodell schon betrieben.

Pflege in Deutschland ist angeblich zu teuer; immer mehr alte Menschen können sie sich nicht mehr leisten; Staat und Pflegekassen wollen sie nicht mehr leisten. Immer mehr Pflegebedürftige müssen "Hilfe zur Pflege" beantragen. Und die Kinder der Alten fürchten, dass die Sozialkasse dann auf sie zurückgreift, um diese Sozialhilfe wieder einzutreiben. Das ist die Gemengelage, in der die verrückte Idee vom Greisen-Export entstanden ist.

Wenn Rente plus Pflegezuschuss nicht reichen, um die Pflege im Alter zu finanzieren, ist das nicht die Schuld von Alten, die ihr Leben lang gerackert haben. Es ist die Schuld einer unzulänglichen Arbeitsmarkt- und Rentenpolitik. Und es ist die Schuld eines abenteuerlich falschen Pflegekonzepts, das sich nun seit Jahrzehnten auf die Unterbringung in Heimen konzentriert. Die Kritiker sprechen von der "Pflegeindustrie": Vorhang zu, Mund auf, schneller schlucken!

Wo ist der Ruck der Beschämung?

Gewiss: Es gibt Zustände, die zum Himmel schreien; manchmal gleicht die Behandlung der Alten einer Strafe, die an ihnen dafür vollstreckt wird, dass sie so lange leben. Aber pauschale Verurteilung wird der Fürsorglichkeit nicht gerecht, die es in Heimen auch gibt. Richtig ist: Die Fixierung der Politik auf das Heimkonzept ist teuer und altenfeindlich. Sie reißt Menschen aus ihrer Umgebung heraus, statt sie dort so lang wie möglich leben zu lassen.

Ein Ruck der Beschämung sollte durch Deutschland gehen

Häusliche Pflege wird nicht belohnt, sondern bestraft: Das Geld der Sozialkassen fließt nur in die teure stationäre Pflege. Pflege zu Hause zahlt die Familie, durch Gehaltseinbußen oder Finanzierung einer Billigkraft aus dem Ausland, die offiziell als Haushaltshilfe firmiert. Das alles zeigt: Ein Land, das zwar die besten Maschinen der Welt bauen kann, ist bisher nicht in der Lage, ein anständiges und kluges Pflegekonzept zu entwickeln. In einer guten Generation wird jeder 15. Deutsche pflegebedürftig sein.

Die Erfinder des Oma- und Opa-Exports sprechen vom "alternativen Pflegemodell". Das ist bösartig. Alternative Pflegemodelle sind etwas anderes: Wohngemeinschaften, Wohnpflege-Gruppen, Gastfamilien, Betreutes Wohnen. Es geht bei den Alternativen zum Heim um Betreuung und Begleitung im Quartier, also im Stadtviertel, in einer gewohnten und vertrauten Umgebung, in der die Alten nicht separiert werden, sondern mittendrin sind. Weil so oft kleine Alltagshilfen und Prävention fehlen, müssen alte Menschen zu schnell in "Pflegestufe 1" eingruppiert werden; das kostet. Alternativen beginnen schon mit simplen Überlegungen dazu, wie man, solange es geht, den "Pflegefall" vermeiden kann.

Wenn ein Greisen-Export allen Ernstes erwogen und als Geschäftsmodell propagiert wird, hat das auch sein Gutes: Es geht daraufhin, hoffentlich, ein Ruck der Beschämung durchs Land. Die Zwangs-Entsorgung der Alten wäre ein Akt der Verrohung der Gesellschaft. Ein Gemeinwesen, das solches plant, ist kein Gemeinwesen, sondern nur noch gemein.

Deutschland schwimmt derzeit in Steuereinnahmen. Mit fünf Milliarden Euro könnten sämtliche Pflegebedürftigen gut gepflegt werden. Ist es populistisch, das zu fordern? Nein, es ist notwendig, weil das Grundvertrauen der Bürger nicht zerstört werden darf - das Vertrauen darin, gesellschaftliche Hilfe dann zu bekommen, wenn man sie ganz dringend braucht.

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Quelle:
SZ vom 02.11.2012/olkl
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