Süddeutsche Zeitung

Parlamentswahl:Die Partei der Ängstlichen hat gute Chancen

  • Am kommenden Sonntag wählen die Polen eine neue Regierung.
  • In Umfragen führt Beata Szydło von der PiS, der nationalkonservativen Partei von Jarosław Kaczyński.
  • Polen ist nach wie vor in einen wohlhabenderen und liberaleren Westen und einen deutlich konservativeren Osten gespalten.

Von Florian Hassel, Kulesze Kościelne

Jarosław Siekierko musste nicht lange überlegen, als er gebeten wurde, den Kandidaten der nationalkonservativen Oppositionspartei "Recht und Gerechtigkeit" (PiS) im Präsidentschaftswahlkampf in diesem Frühjahr zu unterstützen. Siekierko, Bürgermeister der Kleinstadt Wysokie Mazowieckie, 140 Kilometer nordöstlich von Warschau, unterstützte zusammen mit anderen in der Region geschätzten Politikern, Professoren und Unternehmern den PiS-Kandidaten Andrzej Duda. Ihr Einsatz hat sich gelohnt: Duda besiegte im Mai klar den bisherigen Präsidenten, der sich allzu sehr auf seinen Amtsbonus verlassen hatte. "Viele Menschen hoffen, dass Duda Polen zum Besseren verändert", sagt Siekierko - und dass es der PiS mit Spitzenkandidatin Beata Szydło gelingt, nach dem Präsidentenamt nun auch die Regierungsspitze zu erobern.

Am Sonntag wählen die Polen ihr neues Parlament und damit eine neue Regierung. Die aktuelle, von der Bürgerplattform (PO) geführte Mitte-rechts-Koalition liegt in allen Umfragen weit hinter der PiS von Parteichef Jarosław Kaczyński zurück. Und das, obwohl Polen in acht PO-Jahren einen in Zentral- und Osteuropa einmaligen Aufschwung erlebt hat. Doch viele Polen hadern mit Veränderungen, auch wenn sie von ihnen profitieren - wie im Osten Polens, traditionell einer PiS-Hochburg.

Vor elf Jahren stimmten 70 Prozent der Bauern gegen den EU-Beitritt

"In unserer Region spielen Patriotismus und Polnisch-Sein eine große Rolle", sagt Bürgermeister Siekierko. "Der bisherigen Regierung ist das nicht so wichtig. Andrzej Duda aber ist stolz darauf, Pole zu sein, und er zeigt es auch - etwa wenn er demonstrativ an der Seite von Erzbischöfen der in Polen immer noch sehr einflussreichen katholischen Kirche auftritt. Auch deshalb bekam PiS-Kandidat Duda in Wysokie Mazowieckie und Umgebung mindestens zwei Drittel der Stimmen.

In der ländlichen Gemeinde Kulesze Kościelne waren es sogar 93,5 Prozent - landesweiter Rekord. "Alte Traditionen, die Kirche und die Erde sind uns wichtig", sagt Gemeindevorsteher Józef Grochowski. "Manche Familiennamen reichen bis ins 15. Jahrhundert zurück. Wer hier früher Land verkaufte, das er von seinem Vater geerbt hatte, stempelte sich zum Außenseiter."

Die haben es hier traditionell nicht leicht. Nach dem Zweiten Weltkrieg kämpfte die "Polnische Heimatarmee" noch Anfang der Fünfzigerjahre gegen das kommunistische Regime. Nicht nur Bürgermeister Siekierko glaubt, dass sich die Kommunisten deshalb nicht trauten, Bauern hier zu enteignen und wie anderswo in Sowchosen oder Kolchosen zu zwingen. Später misstrauten die Menschen auch der EU. "Die Bauern hatten Angst, in der EU unterzugehen. Bei uns haben vor elf Jahren 70 Prozent der Einwohner gegen den Beitritt zur EU gestimmt", sagt Gemeindevorsteher Grochowski. "Heute freilich würden die meisten wohl mit Ja stimmen."

Die Bauern hoffen auf ein Gesetz, das sie vor westlichen Konzernen schützt

Wie vielerorts in Polen sind in Kulesze Kościelne die ehemals schlechten Straßen frisch asphaltiert, die Schulen und Kindergärten sind modernisiert und mit neuen Fußballplätzen ausgestattet - stets versehen mit einem Schild, das auf EU-Förderung hinweist. Auch Wiesław Wnorowski ist heute "glücklich, dass Polen in der EU ist".

Der Aufstieg seiner Familie zu den größten Bauern der Gegend war nicht einfach. Großvater Hippolit, Hofgründer und Dorfvorsteher, wurde unter deutscher Besetzung im Zweiten Weltkrieg von der SS verhaftet, weil es einigen Juden gelungen war, sich im Dorf zeitweise vor den deutschen Mördern zu verstecken. Er starb im Konzentrationslager Stutthof in der Nähe von Danzig. Wnorowskis Vater Julian führte den Hof fort. Später bauten Wiesław Wnorowski und seine Frau Teresa den Hof auf die vierfache Größe aus, mit 80 Hektar eigenem Land und 230 Milchkühen.

Im Wohnzimmer mit dem mächtigen Kamin und Bildern von Papst Johannes Paul II. ist eine Kommode mit glänzenden Pokalen gefüllt - Auszeichnungen für die "besten Milchkühe" oder den "Bauernhof des Jahres". Die Wnorowskis bekamen zwar EU-Subventionen, bezahlten ihren Ausbau aber vor allem auf Pump. "Wir Bauern waren verdammt, einen Kredit nach dem anderen aufzunehmen, um auf EU-Niveau zu kommen", sagt Teresa Wnorowski.

Immer noch haben die Bauern Angst vor einem Ausverkauf an übermächtige westliche Konzerne. Von der PiS erhoffen sie sich im Falle eines Wahlsiegs "ein Gesetz zum Schutz polnischer Bauern, das uns vor dem Ausverkauf schützt und uns ein Vorkaufsrecht sichert", sagt Teresa Wnorowski. Und so ziert den Hofeingang ein großes Wahlplakat des örtlichen PiS-Kandidaten für die Parlamentswahl.

Die jungen Leute ziehen vom Land in die Stadt

Den eigenen Erfolg sehen die Wnorowskis nicht ohne Skepsis. "Wir konnten nur so stark expandieren, weil viele junge Polen in unserem Land keine Zukunft für sich sehen", sagt Wiesław Wnorowski. "Wir haben das Land derer gekauft, die gegangen sind." Statt zehn gibt es nur noch zwei Bauernhöfe im Dorf. Der Sohn der Wnorowskis, der 26 Jahre alte Kamil, wird den Hof übernehmen - damit ist er die Ausnahme von der Regel.

Drei Neffen und Nichten von Teresa Wnorowski sind wegen besser bezahlter Jobs schon ausgewandert. Und so hat die Gemeinde zwar ein schön renoviertes Schulgebäude, es sitzen aber immer weniger Kinder drin. "2002 hatten wir etwa 500 Schüler - heute noch 300", sagt Gemeindevorsteher Grochowski. Statt wie früher 4300 Menschen sind in der Gemeinde nur noch 3250 Einwohner gemeldet. "Und von diesen wohnen in Wahrheit viele ebenfalls im Ausland."

Schuld an dem Exodus, der sich anderswo in Polen wiederholt, hat aus Sicht der Wnorowskis auch die Regierung. "In acht Jahren hat die Regierung nichts getan, um junge Polen zum Bleiben zu bewegen", sagt Teresa Wnorowski. Bürgermeister Siekierko in Wysokie Mazowieckie beklagt, Polen habe einen großen Teil seiner Industrie verloren. "Die neue Regierung muss Jobs schaffen, das Mindestgehalt erhöhen und jungen Polen ein höheres steuerfreies Einkommen sichern." Versprechen, wie sie PiS-Spitzenkandidatin Beata Szydło im Wahlkampf oft verkündet hat.

Vielen konservativen Polen geht der Wandel zu schnell

In Westeuropa dominierte lange das Bild eines sich modernisierenden Landes mit glänzenden Einkaufszentren und Wolkenkratzern im Zentrum Warschaus. Das aber war nur ein Teil der Wahrheit: Polen ist immer noch gespalten - und zwar nicht nur in den wohlhabenderen und liberaleren Westen und einen deutlich konservativeren Osten, der vor allem PiS wählt. Auch in Warschau haben viele junge Polen das Gefühl, der Aufschwung gehe an ihnen vorbei. Viele von ihnen wählten deshalb schon im Mai die PiS oder einen der Protestkandidaten.

Zudem geht vielen konservativen Polen der gesellschaftliche Wandel zu schnell. "Dies ist eine tief katholische Gegend", sagt Teresa Wnorowski. "Viele Dinge, die diese Regierung getan hat, missfallen uns." Etwa ein Gesetz, das Geschlechtsumwandlung erleichtern soll - und gegen das der neue Präsident kürzlich sein Veto einlegte.

Und noch etwas anderes irritiert Teresa Wnorowski: "Es stört mich, wenn in unseren Schulen polnischen Klassiker durch Harry Potter abgelöst werden", sagt sie. Zwar steht Harry Potter auch in Polen nicht auf den Lehrplan. Für konservative Teile der katholischen Kirche ist der Zauberlehrling aber wegen seiner vermeintlich unchristlichen Magie ein Reizobjekt.

Lieber Kinder statt Flüchtlinge

Polen profitiert finanziell von allen EU-Ländern mit Abstand am meisten von seiner Mitgliedschaft: Von 2014 bis 2020 zahlt Warschau etwa 30 Milliarden Euro an die EU, bekommt aber knapp 106 Milliarden Euro. Diese Zahlen freilich kennen die meisten Polen nicht: Schließlich untermauern Ressentiments gegen übermächtige Außenstehende die immer noch unsichere polnische Staatsidentität. "Die PO hat es in den vergangenen acht Jahren zugelassen, dass die stärkeren Länder der EU uns vorgeschrieben haben, was wir zu tun haben", sagt Bürgermeister Siekierko.

Dieses Gefühl bestimmt auch den Umgang mit Europas Thema Nummer eins, den Flüchtlingen. Warnungen von PiS-Parteichef Kaczyński vor Überfremdung durch muslimische Flüchtlinge fallen auf fruchtbaren Boden. "Wenn wir so vorgehen, wie es die EU jetzt will, und viele Flüchtlinge von außen aufnehmen, kann es in zehn oder fünfzehn Jahren in Europa so viele Fremde wie Einheimische geben - und dann werden wir mit ihnen kämpfen müssen", befürchtet Teresa Wnorowski. Europa brauche nicht die vielen Flüchtlinge, sondern eine wirksame Geburtenpolitik, "damit bei uns wieder mehr Kinder zur Welt kommen".

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SZ vom 21.10.2015/ewid
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