Süddeutsche Zeitung

Papst Franziskus in der Türkei:Brücken bauen in Ankara

Lesezeit: 3 min

Papst Franziskus schmeichelt beim Staatsbesuch seinen türkischen Gastgebern und versucht eine Wiederannäherung der katholischen Kirche und der orthodoxen Christen. Präsident Erdoğan lobt seinen Besucher - aber attackiert den Westen.

Von Christiane Schlötzer, Istanbul

Der erste Willkommensgruß für den Gast aus Rom fiel frostig aus. Ausgerechnet am ersten Tag des Papstbesuchs in der Türkei, der auch dem interreligiösen Dialog dienen soll, beherrschte Präsident Recep Tayyip Erdoğan die Schlagzeilen mit einer Attacke auf den Westen.

"Sie lieben die Muslime nicht", sondern nur "Öl, Gold, Diamanten", zitierte Hürriyet am Freitag Erdoğans Worte bei einer Konferenz islamischer Staaten. "Sie scheinen vordergründig unsere Freunde zu sein, aber freuen sich über unseren Tod und den Tod unserer Kinder", hatte Erdoğan bei dem Treffen am Vortag in Istanbul gesagt und der muslimischen Welt geraten, die Probleme im Nahen Osten allein zu lösen.

Schnellkurs in Kirchengeschichte

Die Maschine der Alitalia mit dem katholischen Kirchenoberhaupt landete pünktlich um 13 Uhr Ortszeit auf dem Flughafen Esenboğa von Ankara, wo Franziskus vom türkischen Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu, dem Gouverneur und dem Bürgermeister der Stadt begrüßt wurde.

Das Staatsfernsehen TRT übertrug stundenlang live und gab seinen Zuschauern auch eine Art Schnellkurs in Kirchengeschichte. Die Moderatoren verwiesen zudem immer wieder auf die außerordentlich hohen Sicherheitsmaßnahmen für den dreitägigen Besuch. Auf einem Dach des Flughafengebäudes war ein Scharfschütze zu sehen.

Erste Station des Papstes war das Mausoleum für den 1938 verstorbenen Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk auf einem Hügel über Ankara. Die Visite ist für Staatsgäste Pflicht. Atatürk war kein Freund der Religionen, er schaffte das Kalifat ab und drängte die islamischen Orden in den Untergrund. Er sorgte dafür, dass die 1923 gegründete Türkei eine säkulare Republik wurde.

Von einer vollständigen Trennung von Staat und Religion kann aber keine Rede sein. Das sunnitisch geprägte staatliche Religionsamt Diyanet kontrolliert auch den Spielraum der Muslime.

Flankiert von Soldaten, legte der Papst vor Atatürks Sarg ein rot-weißes Blumengebinde nieder und verharrte eine Weile in stillem Gebet. Er ließ sich auch das Museum mit persönlichen Gegenständen Atatürks zeigen. Ins Gästebuch trug er nach Angaben des türkischen Nachrichtensenders NTV ein, die Türkei sei eine "natürliche Brücke zwischen den Kontinenten".

Franziskus wünscht sich den Dialog

Er wünsche sich, notierte Franziskus, dass das mehrheitlich muslimische, aber westlich verfasste Land nicht nur als eine geografische Brücke fungiere, sondern auch ein Klima für den Dialog schaffe.

Vor Erdoğans Prunk-Palast wurde Franziskus, gekleidet in einen schlichten langen weißen Wintermantel, von einer Reiterstaffel abgeholt. Die Architektenkammer und die Oppositionspartei CHP hatten den Vatikan vergeblich gebeten, Erdoğan nicht als erster offizieller Staatsgast die Ehre in dessen neuem Saray der Superlative zu geben. Das Riesengebäude sei schließlich illegal in einem Naturschutzgebiet errichtet worden.

Der Vatikan hatte geantwortet, als "höflicher Mensch" folge der Papst der Einladung Erdoğans. Wie es das Zeremoniell verlangt, begrüßte der Papst vor dem ausladenden Palast eine militärische Ehrengarde mit dem Satz "Merhaba asker!" (Guten Tag, Soldat!). Die Aussprache des Türkischen gelang Franziskus so gut, dass Erdoğan lächelte.

Die Türkei sei "allen Christen teuer", sagt Franziskus

Das Gespräch zwischen Präsident und Papst dauerte dann länger als geplant. Der gemeinsame Auftritt vor den Kameras begann erst mit Verspätung. Erdoğan nannte das Treffen mit Franziskus mehrmals "fruchtbar" und sagte, dessen Besuch gebe auch der islamischen Welt "Hoffnung", weil er Vorurteile ausräumen könne. Erdoğan kritisierte aber auch "Islamophobie" und "Rassismus" im Westen. Muslime würden zu oft mit Terrorismus und Gewalt identifiziert und damit erst anfällig für Extremisten.

Der Papst nannte die Türkei ein Land, das schon wegen seiner Historie "allen Christen teuer ist". Er forderte die Regierung auf, christliche und jüdische Gemeinden "rechtlich und auch bei der Anwendung der Gesetze gleichzustellen". Religions- und Meinungsfreiheit nannte Franziskus "grundlegend".

Ausdrücklich würdigte er die Leistung der Türkei bei der Aufnahme von mehr als 1,5 Millionen Flüchtlingen aus Syrien und bezeichnete es als "moralische Pflicht", dem Land dabei zu helfen. Auf den Krieg in Syrien ging der Papst mit den Worten ein, gegen einen "ungerechten Angreifer" könnten auch militärische Mittel erlaubt sein, sie könnten die Probleme aber nicht alleine lösen.

Die Visite ist der erste Papstbesuch in der Türkei seit acht Jahren. Am Samstag wird Franziskus in Istanbul die Blaue Moschee besuchen. Die meiste Zeit aber wird er mit Patriarch Bartholomäus I. verbringen. Der 74-Jährige ist das Ehrenoberhaupt von 300 Millionen orthodoxen Christen. Mit dem Papst verbindet ihn der Wunsch, die Kirchen mögen sich wieder annähern, was am Sonntag in einer gemeinsamen Erklärung unterstrichen werden dürfte.

Der vielsprachige Bartholomäus, der unter anderem in Deutschland studiert hat, ist türkischer Staatsbürger, wie es Ankara verlangt. Zum Amtsbeginn von Franziskus war er als erster Ökumenischer Patriarch in den Vatikan gereist.

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SZ vom 29.11.2014/fued
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