Süddeutsche Zeitung

Österreichische Regentin:Herrscherin und Reichshausfrau

Lesezeit: 6 min

Vor 300 Jahren wurde Maria Theresia geboren. Zwei neue Biografien gehen der Frage nach: Wie war die legendäre Habsburgerin wirklich?

Rezension von Rudolf Neumaier

Geschichten von Helden und Antihelden werden mit Superlativen geschrieben, und Heldinnen wiederum funkeln schon allein wegen ihrer Seltenheit in den von Männern dominierten Geschichtsbüchern am glamourösesten hervor.

Bei der "edlen und erhabenen" Maria Theresia handle es sich um eine der "größten Fürsten, die je eine Krone trugen", heißt es im "Damen Conversations Lexikon", erschienen im Jahr 1834. Bei ihr verbanden sich die "schönsten weiblichen Tugenden mit den glänzenden Eigenschaften, die eine Krone würdig zieren".

Noch überschwänglicher schreibt drei Dekaden später der Historiker Alfred von Arneth von ihr, Staatsarchivdirektor in Wien. Sie habe in "höherem Maße als irgend ein Monarch vor oder nach ihr zum Wohle der österreichischen Länder gewirkt" und diese zur "schönsten Blüthe" geführt. Maria Theresias Persönlichkeit bilde die "glänzendste Erscheinung, von welcher die Geschichte Österreichs zu berichten weiß".

Die Habsburger Kaiser von Rudolf I. über Maximilian I. bis zu Karl V. - sie alle verblassten gegenüber dieser Heldin, die im 19. Jahrhundert zu einer Nationalheiligen avancierte. Zeit für eine Entheiligung, Entehrung, Entheldung? Jedenfalls für Klarstellungen.

Seit nahezu 200 Jahren, seit Ritter von Arneth, hat sich kein Historiker mehr ernsthaft und eingehend mit Leben und Wirken der Königin-Kaiserin beschäftigt. Im Jubiläumsjahr dieser Habsburgerin, die am 13. Mai 1717 geboren wurde, erscheinen nun Maria-Theresia-Bücher von zwei Biografinnen.

Die Arbeit der Münsteraner Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger setzt in der Erforschung dieser Herrscherin und in der Bibliografie zu dieser Person auf Dauer einen Meilenstein. Eine wesentlich straffere Studie stammt von der französischen Philosophin Élisabeth Badinter.

Eine Biografie wie ein Meilenstein

Barbara Stollberg-Rilinger, Jahrgang 1955 und seit zwanzig Jahren Inhaberin des Lehrstuhls für Frühe Neuzeit in Münster, hat sich in der internationalen Historikerelite etabliert, indem sie mit ihren Studien über Herrscherrituale und ihre Bedeutung Macht- und Standessymbole sehr plastisch dechiffrierte.

Unter anderem bekam sie den Leibniz-Preis und den Preis des Historischen Kollegs, und es würde keineswegs überraschen, wenn sie nun auch für ihre "Maria Theresia", die ganz nebenbei eine Enzyklopädie des Lebens am Hof im 18. Jahrhundert mitliefert, Auszeichnungen erhielte.

Die Superlative, die sich in diesem akribisch recherchierten und mehr als 1000 Seiten umfassenden Buch finden, lassen sich an einer Hand abzählen. Die Geschichte fasziniert trotzdem.

Maria Theresias Vater, Kaiser Karl VI., hatte schon frühzeitig eine Regelung getroffen, die seinen weiblichen Nachkommen den Vorrang vor etwa konkurrierenden Töchtern seines Bruders gab: die Pragmatische Sanktion.

Dieses neue Habsburger Hausgesetz verschaffte Maria Theresia, deren einziger Bruder mit sieben Monaten gestorben war, die Nachfolge - und den anderen europäischen Mächten die Gelegenheit, das Haus Österreich mit allerlei Ansprüchen zu behelligen. Sie musste sich in einem achtjährigen Erbfolgekrieg behaupten, der Österreich allerdings die reiche Provinz Schlesien kostete.

"Die Tatsache, dass Maria Theresia eine Frau war, bedeutete für ihre Regentschaft Fluch und Segen zugleich", schreibt Barbara Stollberg-Rilinger. Friedrich II., der misogyne Preuße, stellte seine Angriffe gegen Österreich zu Beginn jenes Krieges als gut gemeinte Schutzmaßnahme dar: Junger und strammer Kavalier springt seiner ebenso jungen Kollegin, einer Vertreterin des schwachen Geschlechts, zur Seite - blanker Zynismus.

Innige Ehe-Liebe und 16 Kinder

Für eine 23-jährige, in politischen Dingen nicht allzu bewanderte Königstochter handelte die junge Habsburgerin erstaunlich, man möchte fast sagen märchenhaft kühn. Statt sich einschüchtern zu lassen, bot sie ihren Gegnern die Stirn - und das mit einer Armee, die ihr der Vater nach heutigem Verständnis im Zustand einer Gurkentruppe hinterlassen hatte.

Wie selbstverständlich sah sie sich als exponiertes Wesen einer überirdischen Weltordnung. Die göttliche Vorsehung selbst hatte ihr diese Rolle zuerkannt, das Erbrecht galt ihr im wahrsten Wortsinn als heilig. Wer es infrage stellte, handelte in ihren Augen dieser von Gottes Gnade eingesetzten Ordnung und damit Gott selbst zuwider.

Die Vorsehung zu verteidigen war ihrer Überzeugung nach ihr heiliger Auftrag. Sie wusste von Anfang an, dass sie Geschichte schreiben würde, welche Unbilden und Erfolge auch immer sie zu verzeichnen hätte. Diese Selbsteinschätzung begründete ihr Image von der standhaften Herrscherin.

Eine der vielen Titulierungen, die Maria Theresia im Laufe der Zeit zuteilwurden, lautet Reichshausfrau. Heute klingt sie alles andere als schmeichelhaft, sie verhöhnt ihre Distinktion. Ja, diese Frau war ein Familienmensch, und ja, sie kümmerte sich wohl stärker und beherzter um ihre Kinder, als die meisten männlichen Monarchen dies taten.

Doch die Staatsgeschäfte standen bei ihr Tag für Tag im Vordergrund. Die Erzherzogin und spätere Königin gebar 16 Kinder. Es ist aus heutiger Sicht schwer vorstellbar, wie eine Frau, die fast ununterbrochen schwanger ist, ein solches Vielvölkergebilde regieren kann. Maria Theresia schaffte es. Darauf haben schon immer alle verwiesen, die sie als Heldin verehren.

Bei Barbara Stollberg-Rilinger lernen die Leser eine Monarchin nicht nur in ihren privaten Gemächern und Gedankengängen kennen, bei dekadentem Zocken mit ihren Hofleuten um Tausende Gulden am Spieltisch und beim Vorbereiten der geliebten Schwiegertochter auf die Niederkunft, sondern auch in ihrem politischen Alltag. Sie war verschiedener Sprachen mächtig, verwendete aber in der Konversation mit ihrer Entourage ein Deutsch mit Wiener Einschlag. Schriftlich verständigte sie sich häufig auf Französisch, mitunter auf Italienisch.

Als die junge Königin im Jahr 1741 vor den ungarischen Ständen eine flammende Rede auf Lateinisch hielt und Unterstützung im Kampf gegen den nassforschen Preußenkönig Friedrich erbat, sollen die Magyaren begeistert die Säbel gezogen und gerufen haben, sie würden für die Königin sterben.

Grob gesagt, hat ihre vier Dekaden währende Regentschaft im Jahr 1740 trotz der widrigen äußeren Umstände gut begonnen. Doch je länger sie dauerte, desto schwerer tat sich Maria Theresia - und desto ungeschickter stellte sie sich an. Sie, die große Bewahrerin der alten Ordnung, hatte größte Schwierigkeiten mit der neuen Zeit und ihren geistigen Strömungen.

Aufklärung! Man kann bei Stollberg-Rilinger ungefähr nachempfinden, wie oft und immer öfter Maria Theresia die Hände über dem Kopf zusammenschlug, wenn sie mit dieser in ihren Augen misslichen "Modephilosophie" konfrontiert war. Auch die Mode selbst missfiel ihr: "Bald zieht man gar nichts mehr an und läuft herum wie die Neger", schrieb sie. Die Gesellschaft wandelte sich, und die Königin-Kaiserin wandelte sich nicht mit ihr, sondern bewegte sich in die Gegenrichtung.

Sie agierte am Anfang eher unkonventionell. Als ihr Johann Adolph Hasse 1744 nach einem Libretto von Pietro Metastasio eine Oper komponiert hatte, musste sie erst davon überzeugt werden, dass es nicht statthaft sei für eine Herrscherin, selbst darin aufzutreten.

Als Jugendliche war Maria Theresia häufig auf der Bühne aufgetreten. Auch im Staatswesen traf sie überraschende Entscheidungen. Sie reformierte das Organigramm am Hof, mit der Abschaffung der Hofkanzleien im Mai 1749 per Handbillets aus dem Schloss Schönbrunn stieß sie einer Schar alter Amtsträger vor den Kopf.

Herzzerreißende Einschätzungen

Welche Stimmungen sie auslöste, verfolgt Stollberg-Rilinger gern in den Aufzeichnungen des Obersthofmeisters Johann Joseph von Khevenhüller, einer wunderbaren Quelle aus erster Hand.

Khevenhüller war ein Höfling alter Schule, loyal bis zur Selbstverleugnung. Was er aber seinem Tagebuch anvertraute, war nicht immer nur schmeichelhaft für die Herrin. Es kam vor, dass die Monarchin Termine platzen ließ, weil "die Toilette nicht wohl gerathen und mann mit einem üblen Aufbutz in publico nicht erscheinen wollen", schreibt Khevenhüller.

Wobei Barbara Stollberg-Rilinger ihrer Hauptfigur deshalb nicht gleich einen Schönheitswahn andichten würde - vorschnelle Urteile sind ihr fremd. Vielmehr, sagt sie, habe Maria Theresia schlicht die Notwendigkeit erkannt, "den herrscherlichen Körper als solchen zu inszenieren. Der Habitus des Monarchen war eine Staatsangelegenheit."

Élisabeth Badinter hingegen nimmt sich zum Beschreiben des historischen Kontextes selten Zeit. Sie schildert eine Frauengeschichte und produziert nahezu herzzerreißende Einschätzungen wie diese: "Der Konflikt zwischen Mutter und Herrscherin muss herzzerreißend gewesen sein", nachdem die Königin ihren Sohn und Mitregenten düpiert hatte.

Zu den Aufgaben einer guten Herrscherin gehörte es zweifellos nicht, ihren Nachruhm durch die Vernichtung von Akten zu beeinflussen. Archivieren ließ sie nur, was ihr gefiel und womit sie gefallen konnte. Uneitel, wie die Maria-Theresia-Verehrer des 19. Jahrhunderts in ihren panegyrischen Lebensberichten schrieben, war diese Frau sicher nicht. Und großherzig gegen die kleinen Leute, die Armen und Beladenen, war sie auch nicht. Vielmehr, das arbeitet Stollberg-Rilinger klug heraus, handelte sie mit Gunst. Als Gegenleistung erwartete sie Loyalität.

Einen bemerkenswerten Ausschnitt dieses riesigen Gemäldes, das Barbara Stollberg-Rilinger um ihr Porträt der Habsburgerin herum malt, bildet die Beziehung Maria Theresias zu ihrem Mann Franz Stephan ab. So agil und temperamentvoll die Frau war, so träge erschien er. Aber sie liebte ihn, und zwar - so märchenhaft es auch klingt - von Kindheit an bis zu seinem Tod.

Franz Stephan von Lothringen hatte einen schweren Stand am Wiener Hof: Sie war die Herrin, er hatte nichts zu melden. Bis sie ihm die Kaiserwürde verschaffte. Maria Theresia wurde selbst nie zur Kaiserin gekrönt, sie trug den Titel als Kaisergattin.

Badinter macht ein von Maria Theresia angestrebtes "Modell des bürgerlichen Ehepaars, wie es hätte prüder nicht sein können" aus. Bei Stollberg-Rilinger dagegen lernt man, dass die Königin-Kaiserin überhaupt keinen Begriff von einer bürgerlichen Ehe hatte - dieses Modell entstand erst im nächsten Jahrhundert.

Jedenfalls beruhte die Liebe in ihrer eigenartigen Intensität offenbar nicht auf Gegenseitigkeit. Franz Stephan erlaubte sich Seitensprünge, was letztendlich die notorische Keuschheitspolitik seiner Frau entfachte. Sie verbot Bälle und setzte Spitzel ein, die sexuellen Ausschweifungen im Volk nachspüren mussten.

Für eine Heldin war Maria Theresia zu verbissen. Sogar das "Damen Conversations Lexicon" attestierte, ihr religiöser Eifer habe sie bisweilen zu Handlungen hingerissen, "die den Glanz ihres Andenkens trüben".

Barbara Stollberg-Rilinger: Maria Theresia. Die Kaiserin in ihrer Zeit. Eine Biographie. Verlag C.H.Beck, München 2017. 1083 Seiten, 34 Euro. E-Book 28,99 Euro.

Élisabeth Badinter: Maria Theresia. Die Macht der Frau. Aus dem Französischen von Horst Brühmann und Petra Willim. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2017. 301 Seiten, 24 Euro. E-Book 17,99 Euro.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.3413040
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 21.03.2017/odg
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.