Süddeutsche Zeitung

Occupy-Protestwelle weltweit:Blockade am Times Square - Randale in Rom

Zehntausende Menschen demonstrierten weltweit gegen das internationale Finanzsystem: In Rom, Madrid, Stockholm, Kopenhagen, London und Manila. Römer lieferten sich bis in die späten Abendstunden heftige Auseinandersetzungen mit der Polizei, mindestens 70 Personen wurden verletzt. In New York wurden Dutzende Demonstranten festgenommen.

Weltweit schließen sich immer mehr Menschen der New Yorker Occupy Wall Street-Bewegung an. Auch die spanischen Proteste der "Empörten" sind Vorbild für die derzeitigen Demonstrationen in Europa.

Die Aktionen richten sich den Angaben zufolge gegen "die Zerstörung der Rechte, des Allgemeinguts, der Arbeit und der Demokratie durch eine Anti-Krisenpolitik, die den Profit und die Finanzspekulation beschützt und rechtfertigt". Weltweit sollte die globale Protestwelle am Samstag alle fünf Kontinente und fast 1000 Orte umfassen.

Nicht nur in Deutschland standen tausende Menschen auf zentralen Plätzen und demonstrierten gegen das System der internationalen Finanzmärkte.

Rom: "Wir sind einfach zu viele"

Mehr als 100.000 Italiener folgten dem weltweiten Aufruf zum Protest der "Empörten". Unter dem Motto "People of Europe, rise up!" (Völker Europas, steht auf!) startete der Demonstrationszug durch Rom - früher als geplant. "Wir sind einfach zu viele", zitierten italienische Medien die Organisatoren aus der Hauptstadt. In Rom hatte man die europaweit größte Kundgebung organisiert. Italienischen Online-Medien und TV-Sendern zufolge folgten mindestens 150.000 Menschen in Rom dem weltweiten Aufruf zum Protest der "Empörten". 750 Autobusse aus 80 italienischen Regionen waren am Tiber erwartet worden.

Doch in Rom blieb es nicht friedlich: Bei Ausschreitungen am Rande der Proteste gegen die Macht der Finanzwelt in Rom sind laut der italienischen Nachrichtenagentur Ansa 70 Menschen verletzt worden. Drei von ihnen seien schwer verletzt. 25 Verletzte sollen in einem provisorischen Lazarett in der Nähe der Lateranbasilika behandelt werden, wo es die meisten Ausschreitungen zwischen Demonstranten und Polizei gegeben hatte. 45 weitere seien in Krankenhäuser in Rom eingeliefert worden.

Laut Augenzeugen zündete eine Gruppe von etwa 100 Vermummten auf der zentralen Via Cavour Autos an, deren Benzintanks explodierten. Mehrere Räume des Verteidigungsministeriums wurden durch Sprengsätze und Rauchbomben beschädigt, wie italienische Medien berichteten. Im Zentrum der italienischen Hauptstadt drang eine Gruppe Autonomer in eine der abgesperrten archäologischen Stätten in der Nähe des Kolosseums ein. Eine Kirche wurde beschädigt.

Ein 60-Jähriger sei im Gesicht verletzt worden bei dem Versuch, die Autonomen zu stoppen. Die friedlichen Demonstranten versuchten zeitweise, die Gewalttätigen zu isolieren. "Die haben von Anfang an nur zerstören wollen", berichtet der Teilnehmer Massimo der Nachrichtenagentur dpa.

Demonstrant verliert Finger

Andere Augenzeugen berichteten von mit Baseballschlägern bewaffneten Teenagern, die - schwarz gekleidet - Schaufenster einschlugen. Bis zum Abend lieferte sich die Gruppe der Vermummten heftige Straßenschlachten mit der Polizei. Ein Polizeiwagen wurde angezündet. Die Beamten konnten im letzten Moment das brennende Fahrzeug verlassen. Die Polizei ging mit Wasserwerfern gegen die Autonomen vor. Diese hatten sich hinter Müllcontainern verbarrikadiert. Ein Demonstrant verlor mehrere Finger bei der Explosion eines Knallkörpers.

Nach dem Sieg des umstrittenen italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi bei einer Vertrauensabstimmung am Freitag hatte die Polizei mit Zwischenfällen gerechnet. Bereits am Vormittag seien vier Personen aus anarchistischen Kreisen festgenommen worden.

In London versammelten sich Tausende Kritiker der Finanzmärkte an der Saint Paul's-Kathedrale und der Börse. Die Demonstranten skandierten "Die Straßen gehören uns!" und "Wir sind die 99 Prozent". Mit dem Slogan wollen sie ihre Ansicht ausdrücken, dass ein Prozent der Bevölkerung auf dem Rücken der anderen 99 Prozent reich geworden sei.

Aktivisten wollten später von der Kathedrale in Richtung Börse ziehen. "Warum zahlen wir für eine Krise, die die Banken verursacht haben? Banker fahren weiterhin Milliardengewinne ein und genehmigen sich enorme Boni, nachdem wir sie mit 850 Milliarden Pfund gerettet haben", sagte eine Demonstrantin. Die Polizei riegelte den Platz vor der Börse vorerst ab. Es kam zu Rangeleien mit den Polizeikräften, als einige der etwa 800 Demonstranten sich in Richtung der abgesperrten Börse bewegten.

Auch Wikileaks-Gründer Julian Assange nahm an den Protesten in London teil. Am Samstag verließ er den Landsitz seines Freundes Vaughan Smith, fuhr nach London und hielt eine Rede auf den Stufen der Saint Paul's Kathedrale. Assange sagte, das Londoner Bankensystem sei "Empfänger von korruptem Geld". Weil in Schweden gegen ihn wegen angeblicher sexeller Vergehen ermittelt wird, steht Assange derzeit in England unter Hausarrest.

New York: Festnahmen am Times Square

Am Geburtsort der Massenproteste wurden am Samstag mehr als 70 Menschen festgenommen. Die meisten Festnahmen gab es in der Nähe des Times Square, weil sich eine Gruppe von Demonstranten dern Aufforderungen der Polizei widersetzte, eine Nebenstraße freizumachen. Die Beamten führten 42 Leute in Handschellen ab. Bereits zuvor hatte es am Times Square vereinzelte Festnahmen gegeben, als Demonstranten die von der Polizei aufgestellten Absperrungen beiseite stießen. Beamte mit Helmen und Schlagstöcken und Polizisten zu Pferd drängten die Menschen zurück. Dabei hat es nach Angaben von Augenzeugen auch Verletzte gegeben.

Bis auf wenige Ausnahmen verlief die Demonstration auf New Yorks berühmter Vergnügungsmeile friedlich, Veranstalter schätzten die Zahl der Teilnehmer auf bis zu 50.000. 24 Wall-Street-Protestler wurden festgenommen nachdem diese in eine Filiale der Citibank geströmt waren, um ihre Konten in einer gemeinsamen Aktion aufzulösen. Der Filialleiter forderte die Gruppe nach Angaben von US-Medien auf, die Bank zu verlassen. Die Demonstranten weigerten sich allerdings und wurden in der Geschäftsstelle festgesetzt.

In Schwedens Hauptstadt Stockholm beteiligten sich etwa tausend Demonstranten an den Protestaktionen. In der dänischen Hauptstadt Kopenhagen erwarteten die Veranstalter einigen hundert Teilnehmer. Auch im philippinischen Manila, in Tokio, Hongkong und vielen anderen Orten wurde demonstriert.

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