Süddeutsche Zeitung

NSU-Prozess:NSU-Anwälte verbreiten rechte Verschwörungstheorien

  • Viele Rechte verehren den Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß. Auch Wohlleben soll Fanmaterial besessen haben.
  • Seine Anwälte breiten nun auf mehreren Seiten rechte Verschwörungstheorien zu Heß' Tod aus.
  • Demzufolge soll Heß sich nicht selbst getötet haben, sondern in Haft umgebracht worden sein.

Erstmals haben die Verteidiger des Angeklagten Ralf Wohlleben im NSU-Prozess offensiv rechtsextremistische Propaganda betrieben. Die Gesinnung seiner Anwälte war zwar auch bisher schon immer wieder mal zum Vorschein gekommen. Doch nun, am 316. Verhandlungstag, nutzten sie einen Beweisantrag, um seitenlang eine Verschwörungstheorie zum Tod des Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß auszubreiten.

Heß starb 1987 im Kriegsverbrechergefängnis Berlin-Spandau durch Suizid. Wohllebens Verteidigerin Nicole Schneiders, die wie ihr Mandant früher in der NPD aktiv war, stellte den Antrag, einen früheren Pfleger von Heß als Zeugen zu laden. Er würde bekunden, dass Heß umgebracht worden sei. Der Krankenpfleger hat ein Buch mit seinen Erinnerungen geschrieben, das Rechtsextremisten gerne als Beleg für einen Mord an Heß zitieren.

Für viele in der rechten Szene ist Heß ein Held und Märtyrer. Auch der NSU und seine mutmaßlichen Helfer verehrten Heß. Uwe Mundlos besaß ein Foto seines Vorbilds; mit seinen Freunden nahm er in den Neunziger Jahren auch an einem sogenannten Heß-Gedenkmarsch teil.

Als Ralf Wohlleben nach Auffliegen des NSU festgenommen und seine Wohnung durchsucht wurde, fand die Polizei Material mit Heß-Bezug. Deshalb wollen nun seine Verteidiger Nicole Schneiders, Olaf Klemke und Wolfram Nahrath die Frage, wie Heß gestorben ist, im NSU-Prozess aufrollen. Offenbar soll gezeigt werden, dass ihr Mandant recht habe, der ebenfalls der Mordthese anhängt. Zugleich soll der Prozess offenbar für eines der Lieblingsthemen der Szene genutzt werden. Niemand rechnet freilich damit, dass das Gericht dem Antrag folgen wird.

Der Nebenklage-Anwalt Alexander Hoffmann, der Angehörige von NSU-Opfern vertritt, sagte: "Es ist bezeichnend, dass die Verteidigung Wohlleben uns hier Propaganda präsentiert, wie sie von den schlimmsten Nazizeitungen verbreitet wird."

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