Süddeutsche Zeitung

NSU-Prozess:Mit Beate gemütlich unterm Hitler-Bild

Eine liebe, nette Frau sei sie gewesen, sagt der Nachbar über Beate Zschäpe. Hübsch dazu. Sie habe öfter mit ihm und seinen Kumpels im Keller gesessen und Prosecco getrunken. Die politische Gesinnung sei nie ein Thema gewesen, behauptet er vor Gericht. Dabei feierten sie unter einem Porträt von Adolf Hitler.

Es muss lustig gewesen sein, damals im Keller in der Frühlingsstraße in Zwickau. Lauter gestandene Mannsbilder saßen da nach der Arbeit zusammen, alle vom Bau, sie tranken Bier, erzählten sich Blondinenwitze und flachsten darüber, dass sie "glücklich geschieden" sind. Und wenn dann die hübsche, junge Nachbarin vorbeikam, dann machte der Besitzer des Partykellers schon mal eine Proseccoflasche auf - denn Bier schmeckte der Nachbarin nicht so sehr. Und man wollte es doch gemütlich haben im Keller. Man war unter sich - das zeigte sich auch am Wandschmuck.

Olaf Busch kommt daher wie ein Seemann, breitbeiniger Gang, breites Kreuz, eine Stimme wie ein Nebelhorn. Er kommt ja auch aus dem Norden, auch wenn er die letzten Jahre in Zwickau gewohnt und dort auf dem Bau gearbeitet hat, bei Entrümpelungen, beim Abriss. Busch ist 44 Jahre, und man nimmt ihm ab, dass er es nett fand, dass diese junge Frau aus dem ersten Stock immer mal wieder bei ihm vorbeischaute, und er es nicht sonderlich störend fand, dass ihr Freund und dessen Bruder nicht auftauchten bei ihren Kellerrunden.

Die Nachbarn sagten "Diddlmaus" zu ihr

Susann Dienelt nannte sie sich und bald sagten die Männer "Diddlmaus" zu ihr. "Wie kamen Sie darauf"? fragt Richter Manfred Götzl den Zeugen. "Sie hieß Dienelt und sie ist 'ne Maus", sagt Busch. "Haben Sie sie auch so angesprochen?" - "Natürlich. Sie ist ja auch eine hübsche Maus." Und sie habe sich dadurch geehrt gefühlt.

Jetzt verzieht die Frau, um die es hier geht, spöttisch die Lippen. Es ist Beate Zschäpe, die Hauptangeklagte im Prozess gegen den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU). Ihr wird die Mittäterschaft an zehn Morden und zwei Bombenanschlägen vorgeworfen. Und sie soll das Haus in der Frühlingsstraße angezündet haben, in dem sie früher so nett feierte. Busch gilt als einer der wichtigsten Zeugen, die über die Beate Zschäpe von damals berichten können.

"Eine liebe, nette Nachbarin" sei sie gewesen, einmal habe sie eine Familienpizza zu den Männern im Keller gebracht und gesagt, sie sollten es sich schmecken lassen, sie selbst habe keine Zeit. Einmal habe sie über den Urlaub in Fehmarn gesprochen. Gleich bei ihrem Einzug habe sie erzählt, der eine der beiden Männer sei ihr Freund, der andere dessen Bruder - damit nicht geklatscht werde. Die zwei überführten Autos, deshalb solle man sich nicht wundern, dass öfter fremde Fahrzeuge hinterm Haus stünden. Sie selbst arbeite vom Computer aus. "Das klang plausibel", sagt Busch. Die drei seien viel mit dem Fahrrad gefahren, mit Mountainbikes, die Frau sei gejoggt. Und immer donnerstags habe Zschäpe Besuch bekommen, von einer jungen Frau, ihrem Freund und den Kindern.

Tägliches Zusammensein im Keller

"Können Sie sich noch an den Besuch erinnern?", fragt der Richter. "Eine Frau, schwarzhaarig, tätowiert, gefällt mir eh nicht, deswegen weggekuckt. Mann auch tätowiert, am Unterarm." So redet der Zeuge Busch, kurz, prägnant, subjektiv. "Und die Kinder?", fragt der Richter. "Wie alt?" - "Fünf, sieben, so ungefähr. Auf jeden Fall sind sie schön im Treppenhaus rauf und runter, Holterdipolter." Jetzt lächelt der Angeklagte André E. - es geht um seine Frau, seine Kinder. Sie hatten bis zuletzt engen Kontakt zu Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt.

Mit "den Herren", so nennt Busch sie, hatte er weniger zu tun. Ihm habe "die Diddlmaus" als Nachbarin gereicht. Richter Götzl liest nun aus der Vernehmung Buschs durch die Polizei vor: "Wir sitzen eigentlich fast täglich bei mir im Keller und trinken etwas." - "Ja, ist nichts Verwerfliches dran, oder", geht Busch hoch. "Sie hat sich öfter zu uns gesetzt - das ist im Osten so." - "Das ist nicht nur im Osten so, das ist überall so", sagt Götzl.

Jutesack mit Hakenkreuz hängt an der Wand

Aber vermutlich hängt nicht überall so ein Bild im Keller, wie es Busch zuträglich findet für die Gemütlichkeit: ein Hitler-Porträt. Angeblich als Andenken an einen verstorbenen Nachbarn. Keiner habe sich daran gestört, auch Frau Zschäpe nicht. "Wie ist Ihre politische Einstellung?", fragt der Richter den Zeugen. "Ich nehm' es so, wie es ist." Einer seiner Freunde hatte bei der Polizei gesagt, Busch habe erklärt, unter Hitler sei alles besser gewesen. "Ich weiß nicht, wie der zu der Aussage kommt", sagt Busch.

Die Anwälte der Angehörigen, deren Männer der NSU getötet hat, fragen: "Trifft es zu, dass Sie einen Jutesack mit einem Hakenkreuz im Keller hatten?" - "Nicht im Keller, der hing in der Wohnung an der Wand." - "Zu welchem Zweck?" - "Den habe ich gefunden bei einer Entrümpelung, war noch nagelneu, eingepackt in Folie." - "Fahren Sie einen Kübelwagen mit Eisernem Kreuz drauf"? - "Ja, den hab ich noch. Das Eiserne Kreuz ist das Hoheitszeichen der Bundesrepublik Deutschland. Das hat die Bundeskanzlerin auf ihrem Flugzeug drauf." - "Ich frage ja nur nach Ihrer politischen Meinung, Sie sagten, Sie hätten keine. Jutesack mit Hakenkreuz, Hitlerbild, Kübelwagen - da sehen Sie keinen Zusammenhang?" - "Definitiv nein", sagt der Mann aus dem Keller. Und auch seine liebe Nachbarin habe ihre politische Gesinnung nie preisgegeben.

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SZ vom 25.07.2013/schma
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