Süddeutsche Zeitung

"NSU 2.0":Unter falschen Kollegen

Akribische Ermittlungsarbeit hat die Kriminalpolizei offenbar auf die Spur des Hauptverdächtigen in Berlin gebracht. Doch die vielleicht spannendste Frage muss erst noch geklärt werden.

Von Florian Flade und Ronen Steinke

Zusammen sind es mindestens 115 rassistische Drohschreiben, E-Mails, Faxe und SMS. Sie alle enthalten das Kürzel "NSU 2.0", und sie alle sind nach Ansicht hessischer Ermittler in den vergangenen drei Jahren von ein und derselben Person versendet worden. Lange war vermutet worden, dass dieser Täter ein Polizist sein müsse, da die Drohschreiben scheinbar geheime Informationen aus Polizeidatenbanken enthielten. Am Montag nun haben die Ermittler einen Verdächtigen verhaftet. Er ist allerdings kein Polizist und war auch nie Polizist.

Bei dem 53-Jährigen soll es sich nach Recherchen der Süddeutschen Zeitung und des WDR um einen arbeitslosen Berliner handeln, Alexander M. Er soll kaum soziale Kontakte gepflegt haben, dafür umso mehr im Internet unterwegs gewesen sein. Schon seit Jahren ist er Ermittlern auch dadurch aufgefallen, dass er bei Behörden anrief und sich als Behördenvertreter ausgab, um Informationen abzufragen. Aufgrund solcher Anrufe soll er schon einmal wegen der Straftat der Amtsanmaßung verurteilt worden sein.

Dies könnte aus Sicht des hessischen Landeskriminalamts (LKA) erklären, wie es dem Mann gelang, den Opfern seiner Online-Drohungen vorzutäuschen, er sei Polizist. So hatte der Täter bereits in dem ersten mit "NSU 2.0" unterzeichneten Drohschreiben an die Frankfurter Rechtsanwältin Seda Başay-Yıldız am 2. August 2018 den Namen von deren kleiner Tochter erwähnt - eine Information, die nicht in der Öffentlichkeit verfügbar war.

Kurz zuvor waren Daten der Anwältin an einem PC der Polizei im Frankfurter Innenstadtrevier abgefragt worden. Gegen die Beamtin, die zu diesem Zeitpunkt an dem PC eingeloggt war, ist dann zwar ermittelt worden. Aber aus Sicht des Landeskriminalamts ließen sich keine Belege dafür finden, dass sie oder andere Kollegen dort ganz bewusst an Drohmails mitgewirkt hätten. Inzwischen sind die Dienstvorschriften für den Abruf von Polizeidaten in Hessen verschärft worden.

Schon länger gab es unter Ermittlern die Theorie, dass der Täter möglicherweise bei Ämtern oder Polizeidienststellen anrufe, sich als Kollege ausgebe und in beamtentypischer Sprache Auskunft erbitte. Solche verdächtigen Anrufe gab es zum Beispiel auch in der Redaktion der Tageszeitung taz. Dort fragte ein angeblicher Polizist nach der aktuellen Adresse einer Kolumnistin, die später auch "NSU 2.0"-Drohmails erhielt.

Hat der Tatverdächtige Unterstützer?

Unter den vielen persönlichen Daten, die Alexander M. für seine Drohmails verwendete, sollen auch einige gewesen sein, die öffentlich leichter zugänglich waren als zunächst angenommen. Eine private Adresse sei beispielsweise zum Zeitpunkt der Drohschreiben gar nicht gesperrt gewesen, heißt es in Ermittlerkreisen. Man habe sie auch auf anderen Wegen herausfinden können, etwa über ein einfaches Auskunftsersuchen beim Einwohnermeldeamt. Manche verwendeten Daten, etwa die private Handynummer der Künstlerin Idil Baydar, seien zudem gar nicht in Polizeidatenbanken hinterlegt gewesen.

Schon länger hatten Linguistik-Experten der Polizei die zahlreichen "NSU 2.0"-Drohmails analysiert, die meist über den anonymen russischen Mailanbieter Yandex.com versendet wurden. Der Täter dahinter sei intelligent, aber nicht unbedingt hochgebildet, so die Einschätzung der Analysten. Zuletzt wurde klar: Die Äußerungen in den Drohschreiben wiesen sprachliche Übereinstimmungen mit Beiträgen eines Vielschreibers in rechtspopulistischen Internetforen auf. Der nun verhaftete Alexander M. soll schon seit Jahren als Nutzer solcher Foren aktiv gewesen sein. Insbesondere auf der vom Verfassungsschutz beobachteten Seite "PI News". Auch dies brachte die Ermittler auf seine Spur.

Auch mit einer Reihe von einschlägigen Straftaten ist der Verdächtige offenbar dem Staatsschutz an seinem Wohnort Berlin bereits bekannt, wie es in Sicherheitskreisen heißt. So soll er in der Vergangenheit wegen rechts motivierter Bedrohungen und Beleidigungen verurteilt worden sein. Er habe deshalb auch schon Haftstrafen verbüßt. Als Polizeibeamte schließlich am Montagabend gegen 22 Uhr seine Wohnung im Berliner Stadtteil Wedding stürmten, fanden sie dann noch eine Schusswaffe. Alexander M. war gerade online.

Offen bleibt, ob der Verdächtige Unterstützer hatte. Niemand weiß, ob ihm nicht doch Polizisten bewusst halfen. Schon früh gab es die Hypothese bei den Ermittlern, dass möglicherweise mehrere Personen die Informationen über die späteren Opfer zusammengetragen und untereinander ausgetauscht haben könnten, wie ein rechter Schwarm. Vielleicht in Chatgruppen im Internet oder im anonymen Darknet. Viele sammeln, aber einer schreibt am Ende die Drohmail, so der Verdacht.

Andere Personen, die sich aus Sicht der Ermittler als Trittbrettfahrer der "NSU 2.0"-Serie anschlossen, hatten aber, soweit bislang bekannt, keinen direkten Kontakt zu Alexander M. Im Juli 2020 waren die hessischen Ermittler im bayerischen Landshut angerückt, hatten einen pensionierten Polizeibeamten und eine Frau kurzzeitig festgenommen und deren Wohnung durchsucht. Der Mann war in den Jahren zuvor durch wütende Leserbriefe an Lokalmedien und Einträge auf rechtspopulistischen Internetseiten aufgefallen.

Im hessischen LKA ist man überzeugt, dass auch er Drohmails verschickt hatte, allerdings von einer anderen E-Mail-Adresse aus als Alexander M. Er selbst weist jede Schuld von sich. Die Ermittler waren schnell der Überzeugung, dass sie es in Landshut eher mit einer Randfigur zu tun hatten. Ende März hat die Generalstaatsanwaltschaft München Anklage gegen den ehemaligen Polizisten erhoben, allerdings vor allem wegen des unerlaubten Besitzes von Waffen. In seiner Wohnung waren unter anderem zwei halbautomatische Pistolen sowie Munition gefunden worden.

Zwei Jahre war eine 20-köpfige Ermittlergruppe tätig

Es ist eine der größten Ermittlungen gewesen, die in den vergangenen zwei Jahren in Hessen eine eigene, etwa zwanzigköpfige Ermittlergruppe im Wiesbadener LKA beschäftigt hat, die Gruppe "AG 211". Bei der Frankfurter Staatsanwaltschaft taten zeitweise zwei Juristen nichts anderes, als diesen Fall zu koordinieren. Bis hin nach Russland bemühten sie sich um Rechtshilfe - ungewöhnlich in einem Fall, in dem es um Äußerungsdelikte wie Bedrohung und Volksverhetzung geht.

Im vergangenen November erhielt man aus Russland CDs mit internen Informationen aus dem vermeintlich nicht zu knackenden E-Mail-Account des Anbieters Yandex, den Alexander M. für die meisten seiner Drohungen verwendet haben soll. Ein Blick hinter die Kulissen von "NSU 2.0" also. Die Daten sind seither mühevoll ausgewertet worden. Am Ende hätten sie aber keine Hinweise auf die Identität des Täters erbracht. Es sei dann eher das "klassische" Ermittlerhandwerk gewesen, das zu Alexander M. führte. Ob er doch Komplizen hatte, vielleicht sogar aus den Reihen der Polizei, das soll nun die Auswertung der technischen Geräte zeigen, die am Montag in seiner Wohnung beschlagnahmt wurden.

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