Süddeutsche Zeitung

Mittelschicht in Ghana:Keine Lust mehr auf Europa

Zu Besuch in einem afrikanischen Boomstaat: Die Mittelschicht in Ghana zeigt, was möglich ist, wenn Krieg und Krisen ausbleiben. Viele der jungen Menschen haben in Deutschland oder England studiert - und sind froh, wieder zurück in ihrer Heimat zu sein.

Von Isabel Pfaff, Accra

Nigerianischer Pop wummert aus den Lautsprechern, Cocktails wandern über die Theke und von der Klimaanlage erwartet keiner mehr etwas. Freitagnacht in Ghanas Hauptstadt Accra: Die feuchte Hitze liegt noch über der Stadt, Schweiß lässt die Gesichter glänzen. Draußen, auf dem Vorplatz der Bar "Republic", stehen junge Ghanaer mit Europäern zusammen, Frauen in Afroprint-Kleidern nippen an ihren Drinks, ein paar Jungs federn über die kleine Tanzfläche unter freiem Himmel.

Die Grafikdesignerin Sena Ahadji kommt oft hierher. "Das ist Accras It-Spot", sagt sie. Die zierliche Frau ist 25, ihr Haar ist kurz rasiert, sie trägt eine übergroße Brille, roten Lippenstift. Der Bleistiftrock ist aus afrikanischem Stoff, ihr Top eng und kurz. Sie ist mit einer Gruppe von Freunden hier. Die meisten arbeiten als Fotografen oder Kameraleute, einer verkauft handverlesene Second-Hand-Klamotten, ein anderer verdient sein Geld als DJ, manchmal auch im "Republic".

Sena Ahadji gehört zu einer Gruppe, die nicht so recht in das gängige Bild vom hoffnungslosen Kontinent passen will: zur Mittelklasse. Die 25-Jährige hat in England Illustration und Grafikdesign studiert. Seit 2012 lebt sie wieder in Ghana und betreibt ihre eigene Firma. Sie verdient im Schnitt etwa 2000 ghanaische Cedi im Monat, knapp 500 Euro. Für eine junge Frau in Accra, die noch keine eigene Familie finanzieren muss, reicht das: Ein Smartphone, ab und zu ein Abend in einer der vielen Bars der Stadt, gelegentliche Taxifahrten, wenn die öffentlichen Kleinbusse heillos überfüllt sind.

Afrikanische Löwen, das neue Wirtschaftswunder nach Asiens Tigern?

Afrikas Wirtschaftskraft ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten gestiegen. Seit der schweren Krise der Achtzigerjahre haben sich die Zahlen erholt. Das Bruttoinlandsprodukt der Länder wächst seit Anfang der 2000er im Schnitt um robuste fünf Prozent pro Jahr. Dahinter stecken zwar auch die ölreichen Dauerbrenner wie Angola und Nigeria, doch selbst das rohstoffarme Äthiopien erwartet für 2015 ein Wachstum von etwa sieben Prozent. Zu den treibenden Branchen auf dem Kontinent zählen Telekommunikation, Handel und der Bankensektor. "Lions on the move" nannte die Unternehmensberatung McKinsey Afrikas Volkswirtschaften. Afrikanische Löwen, das neue Wirtschaftswunder nach Asiens Tigern?

Ganz so weit ist der Kontinent noch nicht. Doch Länder wie Ghana könnten zu Löwen werden. Der westafrikanische Küstenstaat gilt als politisch stabil. Seit der Einführung des Mehrparteiensystems hat es zwei friedliche Machtwechsel gegeben - selten in Afrika. Vor ein paar Jahren wurde vor der Küste Öl entdeckt, seither hat sich das Zuwachstempo erhöht: Um acht Prozent hat das Bruttoinlandsprodukt 2014 zugelegt. Gleichzeitig hat sich seit den Neunzigerjahren der Anteil derer, die unter der Armutsgrenze leben, halbiert.

Im Zentrum Accras ragen Büroblöcke in den Himmel, dazwischen glitzern die Türme von Vodafone und Samsung, Geldhäuser von der britischen Barclays-Bank bis hin zur panafrikanischen Ecobank werben in Leuchtschrift um Kunden. Gut ausgebildete Menschen wie Sena Ahadji finden hier Jobs oder einen Markt für die Dienstleistungen, die sie anbieten.

Es eröffnen sich neue Möglichkeiten: Das Land will wegkommen von der Rohstoffabhängigkeit, vom Fokus auf Gold und Kakao. Die Ghanaer streben nach wirtschaftlicher Diversifizierung, nach eigener Verarbeitung der Rohstoffe. Vor allem der Dienstleistungssektor und die Industrie wachsen, wie die Afrikanische Entwicklungsbank hervorhebt.

Afrikas Mittelschicht wächst

Es gibt mehrere Schätzungen zur Größe der Mittelschicht in Afrika. Eine Studie der Afrikanischen Entwicklungsbank von 2011 geht von etwa einem Drittel der Bevölkerung aus. Eine Untersuchung der südafrikanischen Standard Bank von diesem Jahr relativiert diese Zahl zwar, doch die Grundaussage bleibt gleich: Afrikas Mitte wächst. Dieser Studie zufolge gehören knapp 14 Prozent zur Mittelschicht. Die meisten Studien definieren Angehörige der Mittelschicht als Käufer: Wer täglich mindestens 15 US-Dollar ausgibt, gehört für die Standard Bank dazu.

Mit fast 17 Euro am Tag erfüllt Sena Ahadji das Kriterium. Sie hat ihr Büro im obersten Stockwerk eines Gebäudes im Business- und Ausgehviertel von Accra eingereichtet, in Osu. Neben ihr sitzen noch etwa fünf junge Leute im Großraumbüro. Sie unterhalten sich leise, während frische Luft vom Atlantik hereinweht und die Mittagshitze erträglicher macht. Für ihre Kunden entwirft Ahadji Firmenlogos und Visitenkarten, sie fotografiert und illustriert auch. "Im Moment bin ich noch allein, aber die Firma soll größer werden", sagt sie.

Die Räume auf dem Stockwerk vermietet eine Stiftung namens iSpace an junge Unternehmer, die hier ihre Ideen verwirklichen können. Die Miete ist mit 150 Cedi im Monat, knapp 40 Euro, extrem günstig. "Außerdem gibt es hier schnelles Internet und einen Generator, falls mal wieder der Strom ausfällt", erzählt Ahadji.

"Die Familie nach Deutschland zu holen war keine Option"

Trotz der positiven Entwicklung treffen Unternehmer in Ghana noch immer auf viele Schwierigkeiten. Die Stromversorgung ist unzuverlässig, das Straßennetz überlastet, die öffentlichen Verkehrsmittel chaotisch. Im Gegensatz zu vielen anderen afrikanischen Staaten bemüht sich Ghanas Regierung zwar, diese Dinge zu ändern. Baustellen ziehen sich durch das ganze Land. Doch noch müssen oft Firmen wie iSpace Hilfsgelder an Land ziehen.

Ihre Rückkehr aus England hat Sena Ahadji trotzdem nie bereut. Die Jobaussichten waren nicht der alleinige Grund zurückzukommen. "Ich hatte schlimmes Heimweh", sagt sie. Ihre Großfamilie fehlte ihr, auch das herzliche Miteinander der Leute. Sie zeigt aus dem Fenster, auf die Gassen des Viertels. "Musik, Hochzeiten, Beerdigungen - alles spielt sich draußen ab." Sie vermisste auch die lokalen Sprachen, mit denen sie aufgewachsen ist. Wenn sie mit ihren Freunden in Accra spricht, mischt sie Englisch mit Twi oder Ewe. In England wurde es außerdem immer schwieriger und teurer, ein Visum und eine Arbeitserlaubnis zu bekommen. "Irgendwann hatte ich genug."

Die Rückkehrer, die sich gegen ein Leben in den Industriestaaten und für Ghana entscheiden, gibt es nicht nur in der Hauptstadt. Man trifft sie auch im Hinterland, wo Ghana bäuerlicher und ärmer ist. Adadow Yidana hat vor kurzem sein kleines Apartment in Deutschland gegen ein Sechs-Zimmer-Haus in Tamale, der größten Stadt im Norden Ghanas, getauscht. Der kleine Mann im senfgelben Hemd führt durch die Räume, die noch kahl und unmöbliert sind. "Meine Frau und unsere drei Kinder sind erst vor kurzem eingezogen", sagt der 41-Jährige. Im Sommer hat er in Halle an der Saale seine Doktorarbeit in Medizinsoziologie verteidigt und sich danach so schnell wie möglich in den Flieger nach Hause gesetzt. Seine Frau, eine Grundschullehrerin, hatte sich drei Jahre ohne ihn um die Familie gekümmert und den Bau des Hauses beaufsichtigt.

"In Deutschland bleiben, die Familie irgendwann nachholen - das war keine Option für mich", sagt Yidana. Er kam mit der verschlossenen Art der Leute nur schwer zurecht, und als gläubiger Muslim fühlte er sich bei den Bierrunden mit Professoren und Kollegen meist fehl am Platz. "Vor allem aber will ich in dem Bereich arbeiten, für den ich qualifiziert bin." In Deutschland hat er eingewanderte Akademiker in Restaurantküchen arbeiten sehen. Zu Hause waren seine Aussichten besser: In Tamale ist vor einigen Jahren der Campus der Universität für Entwicklungsstudien fertig geworden. Im Auto fährt Yidana das Gelände ab, zeigt auf sein Büro, die Bibliothek, die Hörsäle. Hier arbeitet er jetzt als wissenschaftlicher Mitarbeiter, er forscht und bildet medizinisches Personal aus.

Die Häuser in Tamale sind niedrig, die Straßen schmal und staubig. Luftig gebaute Moscheen unterbrechen die Ladenzeilen. Hier stockt der Verkehr selten. Statt dicker SUVs sind vor allem Mofas und dreirädrige Minilaster unterwegs, die Baumaterial oder Berge von Wassermelonen transportieren. Männer in schneeweißen Gewändern brausen auf Mofa-Taxis vorbei.

Adadow Yidana zählt zu den Wohlhabenden. Er verdient umgerechnet 900 Euro netto, hat ein Haus, einen Toyota und schickt seine Kinder auf private Schulen. Im Wohnzimmer hängt ein Flachbildschirm. Manchmal trifft Yidana seinen Cousin in der Stadt, sie trinken eine Cola und tauschen Neuigkeiten aus. Viel mehr Luxus ist nicht drin. Yidana trägt nicht nur Verantwortung für seine Kleinfamilie, sondern für die ganze Verwandtschaft: Wenn jemand krank wird oder Schulgebühren fehlen, springt er ein - das Los eines Aufsteigers. "Manchmal gebe ich die Hälfte meines Einkommens für die Großfamilie aus", sagt er. Man könne vor dieser Verantwortung nicht davonlaufen. "Was, wenn ich eines Tages selbst Hilfe brauche?"

Zu einsam - und zu wenig Platz für Religion

Zu Autos und Flachbildschirmen kommt in Ländern wie Ghana ein neues, selbstbewusstes Verhältnis zur eigenen Herkunft. Yidana ist froh, die europäische Einsamkeit hinter sich zu haben. Er schätzt es, Freunde und Verwandte ohne Vorwarnung besuchen zu können. Er mag seine Stadt, in der alle verstehen, dass er mehrmals am Tag in die Moschee geht. Auch christliche Ghanaer stört, dass es in Europa so wenig Raum für Religion gibt.

Sena Ahadji und ihre Freunde sind global bestens vernetzt - sie twittern, posten ihre Fotos auf Instagram und kommunizieren über Facebook mit Freunden im Ausland. Nur weil in Europa manches leichter ist, würden sie dort nicht leben wollen. Sie arbeiten für ghanaische Kunden, machen Musik für ein ghanaisches Publikum, kreieren ihre eigene Mode. Wenn sie beim Bier sitzen, geht es um ghanaische Literatur und politische Entwicklungen in Westafrika. Der globale Norden ist für Leute wie sie vom Nabel der Welt zu einem Bezugspunkt unter vielen geworden.

Für viele Ghanaer ist der globale Norden nicht mehr der Nabel der Welt

In Europa ist das noch nicht angekommen. Belustigt erzählt Fredrica Hanson von ihrem Versuch, in Großbritannien Urlaub zu machen. Die 42-jährige Hebamme, die für die amerikanische Hilfsorganisation USAID Geburtshäuser in Ghana aufbaut, wollte mit ihrem Mann und den drei Kindern nach London reisen. Doch wenn eine komplette afrikanische Familie ein Touristenvisum beantragt, schöpfen die britischen Behörden Verdacht. Sie unterstellten Fredrica Hanson, sie wolle einwandern - und verweigerten das Visum. "Dann geben wir unser Geld eben woanders aus!", lacht sie und zeigt ihre Zahnlücke.

Sie hat sechs Jahre für die Vereinten Nationen gearbeitet, im Bereich Müttergesundheit, und hat die ganze Welt bereist. Doch sie wünschte sich ein Leben in Ghana. Jetzt lebt sie mit ihrer Familie in einem großen Haus in Tema, einem Vorort von Accra. Im vergangenen Jahr war die Familie zum ersten Mal außerhalb Ghanas im Urlaub, in Dubai. Fredrica Hanson zeigt Fotos: die Kinder, die Eltern, alle in Neopren, beim Delfin-Schwimmen. Vielleicht fliegen sie das nächste Mal nach Kapstadt. Südafrika sei schön, da sei ihre Schwester zuletzt im Urlaub gewesen, sagt Hanson.

Für Jungunternehmerin Sena Ahadji ist Reisen noch Luxus. Gerade spart sie eisern für einen Flug nach Nairobi, sie will unbedingt zu der Hochzeit einer kenianischen Freundin, die sie in England kennengelernt hat. Nach Europa zieht es sie erst einmal nicht mehr.

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Quelle:
SZ vom 29.12.2014/liv
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