Süddeutsche Zeitung

Freilassung von Deniz Yücel:Die Standhaftigkeit hat gewonnen

Deniz Yücel kommt nach einem Jahr Haft ohne Anklage frei. Das ist hocherfreulich für den Menschen Yücel; es ist bitter nötig für bessere Beziehungen zur Türkei. Und es ist ein Triumph für Gabriel, den Noch-Außenminister.

Kommentar von Stefan Braun, Berlin

Es hat so furchtbar lange gedauert. Und es ist am Ende plötzlich rasend schnell gegangen: der Journalist Deniz Yücel kommt frei. Der Mensch, der Bruder, der Gefährte. Nach einem Jahr in türkischer Haft, nach einem Jahr ohne Anklage, nach einem Jahr, in dem Yücel wie eine politische Geisel wirkte. Das ist ein großes Glück. Es schafft Erleichterung. Und es kann vielleicht den Weg für bessere Beziehungen zwischen Berlin und Ankara ebnen.

Nach allem, was man weiß, hat Yücel im Gefängnis seine Kraft und seine journalistische Leidenschaft nicht verloren. Das ist eine besonders erfreuliche Nachricht; es wirkt, als ob er die schrecklichen zwölf Monate einigermaßen heil überlebt hat. Es wäre die wichtigste Botschaft, wenn am Ende steht, dass Deniz Yücel gesund und mutig und ungebrochen geblieben ist.

Darüber hinaus sind die letzten Tage und Wochen bei allen schwierigen Baustellen des Sigmar Gabriel auch ein kleiner Triumph für den Noch-Außenminister. Gabriel hat sprichwörtlich nichts unversucht gelassen, um auf die türkische Regierung positiv einzuwirken. Und zwar bis zuletzt mit zwei Botschaften.

Er ist in der Sache hart geblieben und hat sich auf keine Deals, erst recht keine besonders schmutzigen, eingelassen. Sollten die jetzigen Beteuerungen der Bundesregierung nicht durch ganz andere Informationen widerlegt werden, dann hat die Regierung und auch Gabriel ganz persönlich auf solche Bitten Ankaras "Nein" gerufen.

Berlin hat es also wieder und wieder abgelehnt, Yücel als Gefangenen gegen türkische Ex-Generäle in Deutschland auszutauschen oder für eine Freilassung des Journalisten einen militärischen oder rüstungspolitischen Preis zu bezahlen. Beide Bemühungen hat es von türkischer Seite gegeben; in beiden Fällen wusste die Bundesregierung, dass sie sich in Teufels Küche begeben hätte. Solange türkische Panzer nicht das eigene Land beschützen, sondern in Syrien Krieg gegen Kurden führen, wäre jede Materialhilfe unverantwortlich. Und eine Art Gefangenenaustausch, wie ihn die türkische Seite früh ins Spiel brachte, wäre unvorstellbar.

Gabriels Mittel in dieser schrecklichen Affäre sind Reisen, Einladungen, Begegnungen und eindringliche Gespräche gewesen. Einladungen für seinen türkischen Amtskollegen in Gabriels Heimat Goslar; und dazu eine stille Reisediplomatie, die den geschäftsführenden Außenminister in den letzten zwei Wochen auch nach Rom und nach Istanbul geführt haben.

Noch ist die Sache nicht gänzlich vorbei

Beide Male sprach Gabriel nicht nur mit seinem Kollegen Mevlüt Çavuşoğlu. Er traf in der italienischen Hauptstadt und der Bosporus-Metropole auch Präsident Recep Tayyip Erdoğan. Werbend, an den Nutzen besserer Beziehungen erinnernd, sicherlich mit dem Versprechen verbunden, sich für eine Besserung der Beziehungen auch persönlich mit aller Leidenschaft einzusetzen. Das ist nicht alles, aber es ist sehr viel gewesen in dem Bemühen, dieses schwere Problem endlich zu lösen.

Noch gravierender allerdings dürfte die Lage der Türkei selbst sein. Sie hat es in den letzten Jahren nicht geschafft, sich zu emanzipieren, obwohl Erdoğan seit Langem davon träumen dürfte. Sie hat sich eher isoliert und braucht dringend gute Beziehungen, die Halt geben. Der Krieg in Syrien - für die Türkei eine garvierende Belastung. Der Streit mit der EU - eine Blockade bei der wirtschaftlichen Entwicklung. Und jetzt kommt auch noch der eskalierende Konflikt mit den USA hinzu.

Die Vereinigten Staaten unterstützen in Syrien ausgerechnet jene Miliz, die Erdoğan als terroristisch bezeichnet und mit aller Gewalt besiegen möchte. Für Washington sind es Verbündete im Krieg gegen den IS; für Ankara sind es Milizen, die den türkischen Staat untergraben wollen. Wer derart in Bedrängnis gerät, wird manchmal Schritt für Schritt vernünftig - und begradigt Fronten, die viel mehr kosten als sie irgendjemandem nutzen. Deshalb ist gut möglich, dass Ankaras Misere mit den USA Deniz Yücel am stärksten den Weg in die Freiheit geebnet hat.

Wobei: Noch ist die Sache nicht gänzlich vorbei. Kein Gericht hat Yücel offiziell frei gesprochen. Er kommt auf freien Fuß und darf wohl auch ausreisen. Aber die Staatsanwaltschaft will ihn anklagen; wie zu hören ist, will sie den Terror-Vorwurf aufrechterhalten und ihn zu 18 Jahren Haft verurteilen lassen. So etwas kann auch in Abwesenheit geschehen. Es wird spannend sein, wie die Sache im Detail weitergeht.

Bei aller Freude über Yücels Freiheit: Es sind noch lange nicht alle Gefangenen frei. Noch immer sitzen fünf Deutsche in Haft, dazu mehr als hundert türkische Journalisten. Die Türkei ist nicht über Nacht ein anderer Staat geworden, und die türkische Führung nicht plötzlich eine Verteidigerin der Menschenrechte.

Yücels Freiheit ist ein wichtiger Schritt; es ist einer, der viele glücklich macht im Namen des Journalisten. Trotzdem fehlt noch vieles, bis die deutsch-türkischen Beziehungen wieder das sind, was sie tatsächlich mal waren: eng, freundschaftlich, zukunftszugewandt.

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