Süddeutsche Zeitung

Klimakrise:Jenseits vom Heizungskeller

Wie die Klimawende gelingen kann - Zeitreise in eine realutopische Zukunft deutscher Städte im Jahr 2045.

Rezension von Robert Probst

Wer im düsteren Heizungskeller steht, in seinen Geldbeutel schaut und auf die Politik sauer ist, der kann wahrscheinlich eher nicht so gut die Zukunft der ökologisch-gesellschaftlichen Transformation imaginieren. Wer aber in all der hitzig-dystopischen Erregung mal ein Gefühl dafür bekommen will, wie man mit Klimawandel auch ganz anders umgehen kann, sollte in seinem wohltemperierten Wohnzimmer "eine Reise in die Welt von morgen" unternehmen und sich die "Zukunftsbilder 2045" zu Gemüte führen.

Allein die zahlreichen großformatigen Panoramabilder können da eine ungemein wohltuende Wirkung entfalten. Doppelseitig sieht man die Zentren bekannter deutscher Städte (zudem sind Zürich und Wien mit dabei) im Istzustand und in einem simulierten Zustand in etwa zwanzig Jahren: ganz viel Grün, viele Menschen, "essbare Landschaften", E-Mobilität überall, belebte Plätze. Die Autoren sprechen hier explizit nicht von Visionen, sondern von Realutopien. Alles, was sie für die Zeit nach 2023 beschreiben, basiert auf bestehenden Projekten und Experimenten, ist aber letztlich frei erfunden.

Im Buch reist eine fiktive Journalistin, die lange in Lateinamerika gelebt hat, im Jahr 2045 durch 16 Städte und lässt sich die herrliche Gegenwart erklären. Es regiert ein Weltklimaparlament, und die Regenerationsbewegung hat den Kapitalismus in ein Kreislaufsystem umgewandelt, man versucht sich an Biokratie - einer Demokratie für alle Lebewesen und Ökosysteme. Und in Berlin sorgt sich eine Bundesministerin für integrale Gesellschaftsentwicklung um eine "heilsame Wir-Kultur".

Die schlechte Nachricht ist: Zum Gelingen dieser Transformation trugen entscheidend mehrere Krisen bei, die - von 2023 aus betrachtet - erst noch stattfinden (müssen): mehrjährige Megadürre, Weltfinanzkrise inklusive Umwandlung aller Finanzgiganten in Gemeinwohlbanken, Untergang der Silicon-Valley-Internetriesen usw. Die "Heizhammer"-Krise reicht demnach noch bei Weitem nicht aus, damit die Menschheit den Hintern hochkriegt; erst wenn es gar nicht mehr anders geht, wird umgesteuert.

Man kann das alles belächeln, auf zahllose Argumentationslücken hinweisen und trotzig im Heizungskeller sitzen bleiben. Oder man lässt sich auf diese bunte Zeitreise ein und stellt sich einfach mal vor, wie anders oder gar schön es mal werden könnte.

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